Erster Auftritt im Gerichtssaal

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05. November 2012, 08:00 Uhr

Die öffentliche Bühne hat der ehemalige Radiomoderator Marcus Japke nie gescheut. Im Internet kann sich jeder noch immer ein Bild davon machen: Youtube zeigt ihn vor großem Publikum beim Roland-Kaiser-Konzert. Für eine Tageszeitung lässt er sich mit Freundin im Schaumbad ablichten. Wahlweise auch mit gelbem Ferrari vor seinem Eigenheim. Das war vor seiner spektakulären Festnahme. Ende Mai waren die Ermittler im Studio des privaten Senders Ostseewelle aufgetaucht. Seitdem hat der heute 39-Jährige nur noch bedingt Einfluss auf das, was über ihn in der Öffentlichkeit bekannt wird. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wiegen schwer und haben das glamouröse Bild, das der Moderator für sich entwarf, verdunkelt. Dabei beginnt der Prozess gegen ihn erst heute: Sexueller Missbrauch eines Kindes wird ihm vorgeworfen. Das Mädchen, offenbar ein Fan des im Land durchaus populären Moderators, soll anfangs erst zwölf Jahre alt gewesen sein. Das war laut Staatsanwaltschaft im Spätsommer 2005. Die Anklage listet 46 Taten auf, darunter auch Beischlaf, an unterschiedlichen Tatorten und mitunter im Beisein einer Freundin des Opfers. Die Liste der Vorwürfe endet im September 2008.

Marcus Japke hat einem Gerichtssprecher zufolge bislang zur Anklage geschwiegen. Und sein Verteidiger Norbert Wendorff will sich im Vorfeld nicht dazu äußern, ob sein Mandant im Prozess etwas sagen oder gar ein Geständnis ablegen wird. Leicht lassen sich die Vorwürfe offenbar nicht entkräften. Einen Antrag auf Haftprüfung jedenfalls hatte die Verteidigung selbst bereits im Juni zurückgenommen. Damals bemühte sich noch Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel, letzter Innenminister der DDR, vor laufender Kamera um eine halbwegs plausible Erklärung für die Rücknahme des Antrages, ohne seinen Mandanten in ein schlechtes Licht zu rücken. Wenig später war er aus dem Rennen. Auch der erfolgreiche Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn war nur kurz als Verteidiger im Gespräch. Nur der eher schweigsame Rostocker Anwalt Wendorff blieb an Japkes Seite. Im Prozess wird er als Pflichtverteidiger und die Hamburger Juristin Annette Voges als Wahlverteidigerin dabei sein.

Das Rostocker Landgericht hat den Prozess zumindest für einige Verhandlungstage extra ans geräumigere Oberlandesgericht verlegt. Das Interesse der Öffentlichkeit an der Verhandlung ist sicher groß. Doch könnten die Zuschauer schon heute enttäuscht werden. Vermutlich wird die Verhandlung über weite Teile hinter verschlossenen Türen stattfinden. Was Sinn macht, gilt es doch, auch die Intimsphäre des Mädchens zu schützen, das heute eine junge Frau ist.

Die 20-Jährige hatte sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft erst im Frühjahr dieses Jahres zur Anzeige entschlossen. Ein Schritt, den keine Frau leichtfertig gehe, ist sich die erfahrene Rechtsanwältin Christine Habetha sicher. Sie vertritt seit Jahren junge Frauen in der Nebenklage, die als Kinder und Jugendliche missbraucht worden sind, meist von nahen Verwandten. „Vielen wird der Missbrauch erst bewusst, wenn sie selbst erwachsen sind“, sagt sie. Wenn sie mit dem Leben nicht klar kommen. Wenn Probleme in der Partnerschaft auftreten, die sie sich selbst nicht erklären können. Wenn die Wunden aus der Kindheit immer wieder aufreißen. Die meisten ihrer Mandantinnen nähmen therapeutische Hilfe in Anspruch. Aber nicht in jedem Fall rät sie den Frauen auch zur Strafanzeige. Die strafrechtliche Aufarbeitung sei nicht ohne Risiko. „Die Freispruch-Quote ist nirgends so hoch wie bei Sexualdelikten“, sagt die Juristin. An die Aussagen der Opfer werden hohe Anforderungen gestellt – schließlich sind sie die wichtigsten, mitunter auch die einzigen Zeuginnen. Auf ihre Glaubwürdigkeit kommt es an, gerade wenn ein Angeklagter schweigt oder die Vorwürfe bestreitet. Sie müssen sich an Details erinnern, die oft schon Jahre zurückliegen. Und Dinge aussprechen, über die normalerweise das Schamgefühl zu schweigen gebietet. Schonung dürfen sie nicht erwarten, schon gar nicht von der Verteidigung des Angeklagten. Dem müssen die Frauen gewachsen sein.

Deshalb wird ein Geständnis vom Gericht belohnt, erst recht, wenn es dem Opfer die Aussage erspart. Wie es im Fall Japke wird, bleibt abzuwarten. Die junge Frau ist Nebenklägerin im Prozess. Ob sie auch in den Zeugenstand muss, hängt eben davon ab, wie der Angeklagte sich verhält. Wenn er sich zu den Taten bekennt und ein glaubhaftes Geständnis ablegt, könnte es ein kurzer Prozess werden. Ein Indizienprozess dagegen dauert erfahrungsgemäß sehr lange - ist aber notwendig. Denn es gab auch schon Fälle, in denen Männer zu Unrecht beschuldigt wurden. Bei einer Verurteilung drohen dem 39-Jährigen viele Jahre Haft. Außerdem geht die Staatsanwaltschaft noch wegen Bankrotts und Untreue im Zusammenhang mit einem Gewinnspiel im Radio gegen ihn vor. Die Ermittlungen, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, stehen kurz vor dem Abschluss.

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