Schwerin : Erster Ansturm auf Heimkinder-Beratungsstelle

Die Beratungsstelle für ehemalige DDR-Heimkinder in Schwerin hat mit ihrer Eröffnung gestern den ersten - telefonischen - Ansturm erlebt. In drei Stunden sind etwa 30 Betroffene registriert worden.

svz.de von
02. Juli 2012, 07:20 Uhr

Schwerin | Die Beratungsstelle für ehemalige DDR-Heimkinder in Schwerin hat mit ihrer Eröffnung gestern den ersten - telefonischen - Ansturm erlebt. In drei Stunden seien etwa 30 Betroffene registriert worden, sagte die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern, Marita Pagels-Heineking. "Seit dem Morgen steht das Telefon nicht mehr still." Die Beratungsstelle für Männer und Frauen, die in der DDR unter teils haftähnlichen Bedingungen in Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen drangsaliert wurden, ist wie in den anderen ostdeutschen Ländern bei der Landesbeauftragten angesiedelt.

Zwei Berater stehen zur Verfügung. Sie sollen den Betroffenen helfen, Mittel aus dem neueingerichteten, 40 Millionen Euro umfassenden Hilfsfonds Heimkinder Ost zu erhalten und sie damit ein wenig für erlittenes Leid und Unrecht zu entschädigen. In DDR-Heimen, wo sie zu sogenannten sozialistischen Persönlichkeiten umerzogen werden sollen, gehörten nach Darstellung Betroffener Gewalt und Zwang oft zum Alltag. Sie berichteten von eiskalten Zwangsduschen, Schlaf- und Essensentzug, Schlägen und sexuellem Missbrauch. Der Hilfsfonds ist auf fünf Jahre angelegt. Aus ihm können Zuschüsse zu Therapien oder Kuraufenthalte, aber auch Kosten für den barrierefreien Umbau einer Wohnung bezahlt werden. Zudem erhalten Betroffene eine einmalige Zahlung von 300 Euro je Monat Zwangsarbeit in den Heimen. Aus dem Fonds werden auch die Berater bezahlt.

Etwa 400 Ratsuchende haben sich in den vergangenen Monaten schon bei der Landesbeauftragten gemeldet, sagte Pagels-Heineking. Sie erwarte rund 1000 Anträge. Die Antragsteller müssten Wartezeiten einkalkulieren - je nach Schwierigkeit der Fälle bis zu einem Jahr.

"Wer sich meldet, wird registriert und erhält eine Eingangsbestätigung, dann wird ein Gesprächstermin vereinbart", berichtete sie. Priorität haben Pagels-Heineking zufolge alte und schwer kranke Menschen. Zu dem Gespräch können sie von Mitgliedern des Vereins Heimkinder Ost begleitet werden, da sich viele nicht in Behörden wagen. Die Berater sollen auch in anderen Städten Sprechstunden anbieten, um Betroffenen die Fahrten zu ersparen.

Auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern gab es in der DDR 26 Kinderheime, zwei Spezialkinderheime und neun Jugendwerkhöfe.

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