Dobbertin : Erst Stromautobahn, dann Tierschutz

Faszinierendes Schauspiel
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Faszinierendes Schauspiel

Im Sturzflug saust er hinab. Sein Ziel fest im Visier. Der Fischadler ist auf Beutezug. Mit seinen Krallen taucht er ein ins Wasser und greift sich geschickt einen Fisch. Ein Schauspiel, das nur wenige zu Gesicht bekommen.

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08. Juli 2012, 10:10 Uhr

Dobbertin | Im Sturzflug saust er hinab. Sein Ziel, einen Fisch, fest im Visier. Der Fischadler ist auf Beutezug. Mit seinen Krallen taucht er ein ins Wasser und greift sich geschickt einen Fisch. Ein Schauspiel, das nur wenige zu Gesicht bekommen. Rund um den Dobbertiner See aber können Touristen und Einheimische immer wieder den Fischadler sowie andere Vogelarten bewundern. Denn rund um das Gewässer gibt es zahlreiche FFH-Gebiete, Naturparks und Naturschutzgebiete. Dobbertins Bürgermeister Dirk Mittelstädt befürchtet aber, dass dieses Naturschauspiel bald ein Ende haben könnte. Denn im Zuge der Energiewende und des Atomausstiegs müssen die Stromnetze deutschlandweit ausgebaut bzw. neugebaut werden.

Die derzeitigen Stromleitungen - oftmals mit einer Leistung von 220 kV - können den grünen Strom von Offshore-Windparks nicht abtransportieren. Deshalb müssen die bestehenden Leitungen auf 380 kV optimiert werden. "Dann aber werden die Masten größer, stärker und höher", erklärt Dirk Mittelstädt. Auch seine Gemeinde wird von der Trassenoptimierung betroffen sein. Denn von Güstrow soll der grüne Strom nach Sachsen-Anhalt transportiert werden. Eine der Leitungen verläuft zwischen Below und Lohmen, durchquert dabei unmittelbar Naturpark und FFH-Gebiete. "Derzeit sind die Strommasten in diesem Gebiet genauso hoch wie die Bäume dort. Wir wissen, dass auf einem der Masten der Fischadler brütet. Der würde mit dem Netzausbau verschwinden", erklärt Dirk Mittelstädt.

Auch Jörg Gast, Leiter des Naturparks Nossentiner/Schwinzer Heide, ist ebenfalls nicht erfreut über die Pläne der Bundesregierung. Der Naturparkleiter weiß auch, warum der Fischadler verschwinden würde. "Wir wissen, dass die 220-kV-Leitungen dem Fischadler nichts ausmachen. Doch sobald eine Leistung von 380 kV auf die Leitungen eingespeist werden, kitzelt es den Vogel und er verschwindet", verdeutlicht Jörg Gast. Im schlimmsten Fall kehrt der Adler nie wieder zurück. Genau das befürchtet Dobbertins Bürgermeister, der sich vor allem über eine Aussage von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) geärgert hat. "Der Bundeswirtschaftsminister will ja sogar für den Netzausbau bestehende EU-Regeln bezüglich FFH-Gebiete außer Kraft setzen. Das geht für mich überhaupt nicht." Denn die Gemeinde Dobbertin ist alles andere als von Industrie geprägt, sondern lebt von seiner Natur. Touristen kommen aus ganz Deutschland, um hier im grünen Mecklenburg-Vorpommern Adler und Co zu beobachten. Dirk Mittelstädt fordert auch die Politiker seines eigenen Bundeslandes auf, schon vorab eine Alternative parat zu haben. "Die Möglichkeit besteht, die Leitungen unterhalb der Erde zu verlegen. Erst kürzlich hat die Wemag das hier in unserer Region mit einer Gasleitung gemacht. Ich verstehe nicht, warum eine Erdverkabelung gar nicht im Netzentwicklungsplan auftaucht."

Einen ersten Entwurf für den Netzentwicklungsplan haben die vier Übertragungsnetzbetreiber bereits veröffentlicht. Der Entwurf zeigt, dass 3800 Kilometer an Stromtrassen neugebaut, 4400 Kilometer der bestehenden Trassen optimiert werden müssen, um die Energiewende zu schaffen. "Noch bis morgen laufen die Konsultationen. Die Öffentlichkeit kann also Stellung beziehen", erklärt Annika Kießler, Pressesprecherin bei der 50 Hertz Transmission GmbH, einer der vier Übertragungsnetzbetreiber Deutschlands. 301 Konsultationen wurden bereits online erfasst. "Wenn die Konsultation beendet ist, werden diese in den zweiten Entwurf eingearbeitet. Die Bundesregierung wird wohl erst gegen Ende des Jahres einen Kabinettsentwurf vorlegen", so die Pressesprecherin weiter.

Dirk Mittelstädt hofft, dass auch die Erdverkabelung ein Thema wird. Er fordert Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus auf, für den Natur- und Tierschutz einzutreten. Schließlich wolle Mecklenburg-Vorpommern ein grünes Land sein und bleiben. "Grundsätzlich habe ich nichts gegen die Energiewende, schon gar nicht gegen den Atomausstieg. Doch das Vorhaben der Bundesregierung, bestehende Trassen auszubauen, muss doch im Einklang mit den betroffenen Gemeinden und den Naturschutzbehörden erfolgen", so Dobbertins Bürgermeister.

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