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Berufsorientierung : Erst Praxistest, dann Lehrstelle

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Land und Bundesarbeitsagentur beschließen Maßnahmenprogramm von 13,7 Millionen Euro zur Berufsorientierung für Schüler

Berufe zum Anfassen und Ausprobieren – darum geht es beim Sommercamp der Bundesagentur für Arbeit im westmecklenburgischen Dargelütz. Hier haben insbesondere leistungsschwache Schüler die Gelegenheit an berufsorientierten Projekten teilzunehmen. Nur eine der Maßnahmen, die künftig den Schülern im Land angeboten werden, um ihnen den Einstieg in die Berufswelt zu erleichtern. Laut Bundesagentur für Arbeit blieben im letzten Jahr 1251 Lehrstellen in Mecklenburg-Vorpommern unbesetzt. Um diesem Phänomen entgegenzusteuern, brachten gestern Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) und Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesarbeitsagentur, in Schwerin eine Rahmenvereinbarung auf den Weg.

Das Maßnahmenpaket sieht vor, bis 2021 jährlich rund zwei Millionen Euro für Projekte zur Berufsfindung, Betriebspraktika und Exkursionen zur Verfügung zu stellen. Profitieren werden davon alle Schulformen, heißt es. „Landesweit werden alle Schüler die gleichen Chancen für die Berufsorientierung erhalten“, so Glawe. In der Vergangenheit sei dies schwierig gewesen. „Viele Berufsorientierungs-Maßnahmen konnten nicht durchgeführt werden, weil die notwendige Kofinanzierung durch Dritte nicht erbracht werden konnte“, sagt er weiter. Abhilfe schaffen die Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF). Insgesamt sieben Millionen Euro stellt das Bundesprogramm innerhalb der Förderperiode 2015 bis 2021 zur Verfügung. Die Agentur für Arbeit fördert die Berufsorientierung mit weiteren 6,7 Millionen Euro.

„Mit unserer Vereinbarung bieten wir zum ersten Mal den Schulen flächendeckend und finanziell abgesichert fünf Module zur Berufsorientierung an“, so Glawe. Die Anmeldung zu den Modellen erfolgt auf der Grundlage von Projekt-Ausschreibungen der Bundesagentur für Arbeit. Bei Bedarf bewerben sich die Schulen ab dem kommenden Schuljahr für die Berufsorientierung. Umgesetzt werden die Angebote dann von zertifizierten Bildungsträgern und Vereinen. „Der Fokus liegt auf dem Kennenlernen der Stärken der Schüler. Das Schlimmste ist, mit Defiziten zu starten“, so Haupt-Koopmann.

Weitere Maßnahmen der 13,7 Millionen Euro Vereinbarung umfassen Praktika und Exkursionen in Betriebe. „Hierbei sollen die kleinen Betriebe gestärkt werden“, betont Glawe. „Schüler bekommen die Gelegenheit die verschiedenen Ausbildungsberufe kennenzulernen.“

Kritik zum Maßnahmenpaket äußert die Linksfraktion im Landtag: Mit dem jetzt angekündigten Verfahren befürchtet Helmut Holter, Chef der Linksfraktion, dass die Antragstellung bürokratischer werde, da die Finanzierung durch zwei Seiten, das Land und die Bundesagentur, erfolge. Trotzdem glaubt Glawe an den Erfolg der Vereinbarung: „Die hohe Zahl von Ausbildungsabbrechern in Mecklenburg-Vorpommern und der drohende Fachkräftemangel geben Anlass zum Handeln.“

 

Kommentar von Karin Koslik

Am Ziel vorbei
Schon  vor    Jahren ist das  Verhältnis  von Lehrstellen und Bewerbern  gekippt.  Ausbildungsplatzsuchende   sind  seitdem  Ausbildungsplatz-Aussuchende.   Und  weil  sie  –  akzeptable   Schulnoten  vorausgesetzt –   die  Wahl   haben,  lassen  sie  sich heutzutage  auch viel  mehr  Zeit mit  ihrer  Bewerbung. Darauf  müssen sich   Unternehmen  einstellen. 

Dass Arbeitgeber gern alle  Lehrstellen  besetzt  und  die  Ausbildungsverträge so früh  wie möglich  unter Dach  und  Fach hätten,  ist  verständlich.  Dass   das  Wirtschaftsministerium  als  ihr  Sachwalter   innerhalb  der Landesregierung sie    dabei  unterstützt, auch.  Trotzdem  muss die Frage  nach dem Nutzen  neuer  Maßnahmen zur Berufsorientierung  erlaubt  sein.  Wenn  junge Leute  erfahren,  in  welchen  Berufen hierzulande   ausgebildet  wird,  heißt   das noch  lange  nicht, dass sie  sich  auch    hier für  eine   Ausbildung  bewerben. Entscheidend  für  sie  sind  die  Rahmenbedingungen:  Stimmt  der  Lehrlingslohn? Gibt  es  eine  Berufsschule  in  der Nähe –  und  wenn  nicht:  Kann  ich  mir leisten,  dort hinzufahren und dort    zu  wohnen? Habe  ich   nach  der  Lehre dauerhafte Übernahmechancen?  Und  wie  viel  verdiene  ich  dann?  Wenn Firmen  den  jungen  Leuten zufriedenstellende Antworten   auf diese   Fragen geben können,   ist  das  die  beste  Berufsorientierung.

 

 

 

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