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Nil Ausländer (Künstler) : Erschreckende Geschichten

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Hinter hohen Mauern hängen 44 Bilder voller Trauer, Einsamkeit und Zorn. Im Verwaltungstrakt der Jugendanstalt Neustrelitz befinden sich seit dieser Woche "einseitige Leinwände mit einseitigen Ansichten".

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erstellt am 05.Jul.2013 | 11:48 Uhr

Neustrelitz | Hinter hohen Mauern hängen 44 Bilder voller Trauer, Einsamkeit und immer wieder Zorn. Im Verwaltungstrakt der Jugendanstalt Neustrelitz befinden sich seit dieser Woche "einseitige Leinwände mit einseitigen Ansichten". "Mich interessiert nicht, ob die Gefangenen mich belügen oder nicht", sagt der in Kummerow (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) lebende Künstler Nil Ausländer.

Er war während des Präventionsprojekts "BlauArt - Polizei trifft Kunst" für die Neubrandenburger Polizei in der Neustrelitzer Jugendanstalt (JA) und hat dort 21 der 160 jungen Straftäter porträtiert. "Aus ihrer Sicht, da macht Misstrauen keinen Sinn", betont der 68-Jährige. Auf seine Initiative hin werden die Gemälde - bevor sie im September in der Neubrandenburger Darrenstraße 2 zu sehen sind - den Gefangenen selbst vorgestellt.

"Wir sind ganz offen auf den Künstler zugegangen und er kam selbst mit der Idee, Straftäter zu porträtieren", sagt der Leiter der Polizeiinspektion Neubrandenburg, Siegfried Stang. Auf diese Idee seien die Beamten ebenso skeptisch wie neugierig eingegangen. "Als dann die JA und auch die Häftlinge so gut mitmachten, verflogen unsere Bedenken schnell", sagt Stang. Es sei beeindruckend, wie nahe der Künstler den Jugendlichen und den Haftbedingungen gekommen sei.

In den Öl- und Acrylmalereien spiegelt sich die Palette der Straftaten. "Wir haben sozusagen alles vertreten, vom einfachen Diebstahl, über Raub, Vergewaltigung bis hin zum Mord", sagt der Sprecher der Jugendanstalt, Steffen Bischof. Die Begegnung mit dem Künstler sei für die Verurteilten eine Chance, die eigenen Taten und die Vorgeschichten zu reflektieren. Eine große Veränderung im Lebenslauf sei durch die Berührung mit der Kunst jedoch nicht zu erwarten, glaubt Bischof.

"Das war auch nicht wirklich mein Ziel", betont Ausländer. "Ich möchte denen draußen zeigen, was hier passiert und wie hoffnungslos der Kampf der Leute, der Justiz um die jungen Menschen hier ist." Er habe erschreckende Geschichten gehört, die er kaum mitteilen konnte, die ihn einsam werden ließen. "Da war der Junge, den ich niemals treffen konnte, weil er sich vor drei Wochen das Leben genommen hat", sagt Ausländer.

20 der 21 von ihm gemalten Jugendlichen haben ihre Straftat unter Alkoholeinfluss begangen. "Die sind eigentlich alle wegen drei Dingen hier: Gewalt, Alkohol oder soziale Umstände", sagt der Maler. In der Jugendanstalt sind derzeit 160 jugendliche Straftäter inhaftiert, die von 175 Mitarbeitern bewacht und betreut werden. Die Neustrelitzer Einrichtung ist die einzige in Mecklenburg-Vorpommern und für die Vollstreckung von allen Jugendstrafen sowie für die Untersuchungshaft jugendlicher Gefangener zuständig.

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