Prozess in Schwerin : Erneut hohe Haftstrafe für Matherätsel-Messerstecher

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Bundesgerichtshof hob Haftstrafe auf. Nun muss ein 30-Jähriger trotzdem ins Gefängnis.

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01. Dezember 2017, 21:00 Uhr

Obwohl der Angeklagte im zweiten Anlauf eine mildere Strafe als im ersten Prozess bekommen hat, waren seine Verteidiger enttäuscht. Denn auch diesmal verurteilte das Schweriner Landgericht einen 30-jährigen Maler aus Wismar wegen versuchten Totschlags und schickte ihn für fünf Jahre und neun Monate ins Gefängnis. Zu nichtig der Anlass, zu wuchtig zu Stiche und zu gleichgültig das Verhalten des Messerstechers nach der Attacke auf einen jungen Mann, den er bis dahin gar nicht kannte, als dass die Richter es ihm als gefährliche Körperverletzung hätten durchgehen lassen. Dann wäre er vielleicht, wie von den Verteidigern erhofft, mit 30 Monaten Haft davongekommen.

Genau ein Jahr nach dem ersten Urteil, das auf sechs Jahre und sechs Monate Gefängnis lautete und das der Bundesgerichtshof einkassierte, entschieden Schweriner Strafrichter erneut über das Ende eines fatalen Streits. Der hatte mit einer auf Facebook geposteten, belanglosen Matheaufgabe begonnen. „Die Hälfte meiner Zahl ist die Hälfte von 400“, lautete das Rätsel, über dessen Lösung sich der Maler und sein damals 19 Jahre altes späteres Opfer im April 2016 stritten, wobei sie sich mit immer heftigeren Beleidigungen belegten.

Die Auseinandersetzung war bereits abgeflaut, als der Angeklagte am folgenden Tag seinen Kontrahenten anhand von dessen Facebook-Foto auf einem Gehweg in Wismar erkannte. Er hatte ein Obstmesser dabei und entschied sich spontan, dem anderen eine Lektion zu erteilen. Die Richter hatten keinerlei Hinweise, dass der Maler das Attentat geplant hatte. Im Vorbeigehen stach er dem Anderen erst in den Bauch, dann in den Rücken. Dann setzte er ihm verbal zu.

„Ohne sich Weiteres zu denken“, so das Gericht, ging der Angeklagte ruhig weg, als der Attackierte blutend am Boden lag. Nach Ansicht des Gerichts wusste er, dass das Opfer durch die Wucht und Tiefe der Stiche hätte sterben können, aber das sei ihm offenbar egal gewesen. Er holte keine Hilfe. Stattdessen schmiss er das Messer und seinen vermutlich blutverschmierten Pullover ins Gebüsch. Beides wurde nie gefunden. Das Opfer wurde im Lübecker Klinikum stundenlang operiert. Ihm musste eine Niere entfernt werden. Der junge Mann überlebte den Angriff „nur durch glückliche Umstände“.

Der Angeklagte hatte eingeräumt, dass er dem anderen „eine Lektion erteilen“, ihn aber auf keinen Fall töten wollte. Keine Ahnung habe er von der Lebensgefahr gehabt, in der sein Opfer nach den Stichen schwebte. Die Richter hingegen waren sicher, dass er wusste, wozu solche Stiche führen können.

Beim Strafmaß berücksichtigen die Richter, dass der Täter bereit ist, 30 000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen. Die Verteidiger können das Urteil erneut anfechten. Ob sie es tun, haben sie noch nicht entschieden. Gegebenenfalls könnte das Mathe-Rätsel, für das der Angeklagte übrigens eine falsche Lösung auf Facebook postete, zum Auslöser eines dritten Strafprozesses werden.


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