zur Navigation springen

Bertolt Brecht im Staatstheater : Erklärbär, Nerd und Typtyp

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bertolt Brechts „Leben des Galilei“ am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin

von
erstellt am 16.Jan.2017 | 12:00 Uhr

Sind wir gleich am Anfang ein bisschen ungerecht. Unsere Gewährsleute sind die Protagonisten der jüngsten Inszenierung von Schauspieldirektor Martin Nimz, die am Freitagabend im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters mit langem Beifall bedacht wurde. Brechts „Leben des Galilei“ – Lehrstück, Schulstoff, großes Drama von Shakespearschem Ausmaß. Nachdem sich die Spieler mehrfach verbeugt hatten, bedachten sie selbst mit großer Geste auch das Bühnenbild. Zu recht. Denn neben Galilei-Darsteller Andreas Anke war es das Ereignis des zweistündigen Abends.

Anfangs eine graue Wand, auf die per Video spektakulär animierte, mittelalterliche Sternenkarten projiziert werden, öffnete und verjüngte sie sich nach und nach wie ein Fernrohr oder Teleskop in den Bühnenhintergrund. Was nicht nur als Metapher für die Arbeit des Wissenschaftlers Galileo Galilei und seinen geistigen Umsturzversuchen sinnfällig ist, sondern den Akteuren Spielflächen auf verschiedensten Ebenen erlaubt (Bühnenbild Sebastian Hannak).

Wie in Nimkes erster Inszenierung in Schwerin – „Faust I“, auch mit Galilei-Darsteller Andreas Anke in der Titelrolle –, an die mit einem berühmten Zitat bemüht erinnert wurde, kommt auch dieser Brecht ohne jegliche Mittelal-terattitüde aus.

Galilei, nach einem seiner Vorträge auch mal als Erklärbär bezeichnet, ist ein moderner Forscher-Nerd in Jeans und T-Shirt. Statt der Schiefertafel schreibt er natürlich auf einem Tablet. Sphärische E-Musikklänge und auch mal Hardrock akzentuieren das Bühnengeschehen. Er schwört seinen Entdeckungen in einer selbstgefilmten Videobotschaft ab, nachdem man ihm die Instrumente gezeigt hat. Und unnötig auf junges Publikum schielend, spricht Frau Sartis Sohn Andrea, lustigerweise und meist sehr jung, sehr romantisch und sehr wütend von der Rostocker Schauspielstudentin Carmen Zehentmeier gespielt, vom „gottverfickten Rohr“, durch das die Geistlichkeit doch schauen möge.

Davon abgesehen setzt die Inszenierung ganz auf die Worte Brechts und das Spiel der acht Akteure.

Andrea klammert sich wie wild an ihren vergötterten Lehrer, während sie ihm zugleich Verrat vorwirft. Mit einem Apfel oder einem Drehstuhl lässt sich das ganze Kopernikanische Weltbild erklären – „Himmel abgeschafft“. Der scheinbare Triumph Galileis über die Kleingeister im Vatikan wird in einer großen, effektvollen Karnevalsszene mit venezianischen Masken gefeiert. Selbst die Souffleuse am Bühnenrand (Davina Kramer-Perju) bekommt ihren kleinen Auftritt. Das hätte Brecht gefallen.

Andreas Ankes Galilei ist eine trinkfreudige, genialisch-getriebene Puntila- und Falstaff-Figur. Sehr körperlich im Spiel. An berühmte Vorbilder in dieser Rolle wie Charles Laughton oder Ekkehard Schall erinnernd. Ein Typ. Ein Typtyp geradezu. Vielleicht  zu  erwartbar. Wie anders hätte wohl Robert Höller, der ein Kabinettstücken als kleiner Mönch lieferte, diesen Galilei gespielt? Jennifer Sabels Galileitochter Virgina vermochte die Entwicklung ihrer Figur vom Naivling zur selbstbewussten Frau an der Seite eines unberechenbare Vaters äußerst überzeugend zu zeigen.

Die Brisanz dieses fast 80 Jahre alten Schauspiels ist in Zeiten von Gentechnik und anderen Gefahren aus geheimen Laboren unübersehrbar. Ein wenig weniger Moralkeule, wie sie der Schweriner Galilei zum Schluss mit dem Mikro in der Hand schwingt, wäre aber auch nicht zu verachten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen