25 Jahre, 25 Köpfe : Erinnerungen für die Zukunft

Acht Jahre lang war Rainer Prachtl aus Neubrandenburg Präsident des Landtages.
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Acht Jahre lang war Rainer Prachtl aus Neubrandenburg Präsident des Landtages.

Rainer Prachtl, der erste Landtagspräsident in Mecklenburg-Vorpommern erklärt, was ihn auch heute noch antreibt / Teil 3

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21. April 2015, 12:00 Uhr

Er war 1990 der erste Präsident des neuen Landtages: Rainer Prachtl aus Neubrandenburg, gelernter Koch und bis 1990 Ausbildungsleiter bei der Caritas, seit 1989 CDU-Mitglied und bis 2006 für die CDU im Landtag. Michael H. Max Ragwitz sprach mit dem 65-Jährigen über die Jahre des Neuanfangs.

Herr Prachtl, wie haben Sie den Wendeherbst erlebt? Was ist Ihnen markant in Erinnerung geblieben?
Prachtl: Ich habe unter anderem im Arbeitskreis Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung mitgewirkt und an allen Friedensgebeten in Neubrandenburg teilgenommen. Vor der größten Kundgebung dieser Art haben wir, meine Frau und ich, uns sogar von unserem Sohn verabschiedet, weil wir nicht sicher waren, ob wir nicht festgenommen werden würden. Das war nicht der Fall. Wir haben uns danach so frei gefühlt, wie die Wildgänse am Himmel. Das war ein unbeschreibliches Gefühl.

Was hat Sie im Laufe der Ereignisse bewogen, aktiv in die Politik einzusteigen?
Auch durch meine Tätigkeit als stellvertretender Regierungsbevollmächtigter in Neubrandenburg, aber vor allem aus dem Wissen und meinem Glauben heraus, wollte ich mitgestalten.

Wie und wo haben Sie die Gründung des Landes MV miterlebt?
Nach den Landtagswahlen im Oktober 1990 erreichte mich in einem katholischen Nonnenkloster im Westen der Ruf, dass ich Landtagspräsident werden sollte. Meine erste große Rede war ein Plädoyer für Schwerin als Landeshauptstadt.

Was machte für Sie den Reiz dieses Amtes in Sachen Gestaltungsmöglichkeit aus?
Mir war der direkte Kontakt zu den Bürgern und gesellschaftlichen Organisationen wichtig. Ich wollte, dass aus dem Schweriner Schloss ein neuer Geist ohne DDR-Verklärung ausgestrahlt wird. Und natürlich ging es um den Aufbau einer effizienten Verwaltung sowie die Berücksichtigung einst vernachlässigter Bereiche wie Behinderten, Kirchen usw.

Wie sehr sind Sie noch Politik und gesellschaftlicher Arbeit verbunden?
Ich stehe für soziales Engagement und bin nach wie vor gegen Überheblichkeit und Großmannssucht in allen Bereichen inklusive aller diktatorischen Bestrebungen. In diesem Sinne lasse ich in meiner gesellschaftlichen Tätigkeit, beispielsweise im Dreikönigsverein nicht nach. Das bleibt meine ständige Aufgabe.

Was gibt Ihnen die ehrenamtliche Arbeit im Dreikönigsverein?
Die Sterne des Vereins leuchten wie ein Wegweiser im sozial-gesellschaftlichen Bereich wie die ambulante und stationäre Hospizarbeit bis hin zur Jugendarbeit. Das überkonfessionelle und überparteiliche Dreikönigs-treffen ist stark beachtet. Das erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit.

Gibt es Dinge in Ihrer politischen Laufbahn, die Sie heute anders machen würden?
Ich hätte häufiger meinem Gewissen folgen und mich gegen den Fraktionszwang stellen und durchsetzen sollen. Auch die Vergrößerung des Landtags von 66 auf 71 Abgeordnete war aus heutiger Sicht falsch.

Wie verfolgen Sie das aktuelle politische Leben im Land?
Ich bin nach wie vor sehr interessiert und tue auch meine Meinung kritisch kund. Aus meiner Sicht müsste es in allen Parteien viel mehr hochqualifizierte Seiteneinsteiger und mehr Bürgerbeteiligung geben. Auch und gerade die Politik muss mehr auf Wahrheitssuche achten als auf das Parteiwohl.

Wird Kritik von einem Landtagspräsident a.D. angenommen?
Eindeutig ja. Meine Meinungen werden zum Beispiel bei Reden zu allen möglichen Anlässen wahr- und angenommen. Dabei bringe ich durchaus auch unbequeme Botschaften an.

Was tun Sie in Ihrer Freizeit am liebsten? Wo ist Ihr Refugium?
Die Palette reicht von geistlichen Übungen über Lesen von geisteswissenschaftlicher Literatur und spannenden Krimis, bis hin zu sportlicher Betätigung, Pilgern und gregorianischen Gesängen zum Entspannen. Mein wichtigstes Refugium aber sind mein Zuhause und die Gespräche mit meiner Frau.

Mit welchen Gedanken verbanden Sie das Land MV im Jahr 1990 und verbinden Sie es im Jahr 2015?
1990 waren es die Sehnsucht nach Freiheit und der Aufbau eines neuen Landes. Heute ist es der Stolz auf das Erreichte und auch auf teilweise entstandene blühende Landschaften. Mich bedrückt aber die Lage vieler Menschen, die auch heute noch in sozialer und seelischer Bedrängnis sind.

 

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