Premiere „Peter Grimes“ Schwerin : Ergreifender Opernabend

Paul McNamara als Fischer Peter Grimes
Paul McNamara als Fischer Peter Grimes

Premiere der Oper „Peter Grimes“ zog die Zuschauer unwiderstehlich in den Sog von Musik und dramatischem Geschehen

svz.de von
10. April 2017, 08:00 Uhr

„Peter Grimes“ ist die erste große Oper des englischen Komponisten Benjamin Britten, ein Werk von tiefer Eindringlichkeit und musikalischer Opulenz. Nach Aufführungen Anfang der Neunziger brachte das Mecklenburgische Staatstheater nun eine neue Inszenierung unter der Regie von Operndirektor Toni Burkhardt auf die Bühne. Zur Premiere am Freitagabend im Großen Haus gab es langen Applaus und Bravorufe.

Toni Burkhardt ist eine Inszenierung gelungen, die mit ausdrucksstarken Bildern eine verstörende Geschichte erzählt. Der Fischer Peter Grimes, ein schwieriger, jähzorniger Charakter, lebt am Rande eines kleinen Fischerortes. Keiner will mit ihm zu tun haben. Als ihm sein Gehilfe, ein Junge aus dem Waisenhaus, auf einer Fangtour vor Erschöpfung stirbt, wird ihm der Prozess gemacht. Mangels Beweisen für eine Straftat wird er freigesprochen, doch den Bewohnern des Ortes gilt er nun als Verbrecher. Nur ein alter Kapitän und die Schullehrerin Ellen halten zu ihm. Die Vorfälle eskalieren bis zur bewaffneten Jagd auf Grimes. Der ist dem Wahnsinn nahe und versenkt sich schließlich mit seinem Boot vor der Küste.

Bühnenbildner Wolfgang Kurima Rauschning bietet dafür einen total schwarzen Bühnenraum, in dem einige gelbe Holzkisten herumstehen, ein Stuhl, darüber eine Glühlampe. Das sagt viel über die Ärmlichkeit in dem Fischerort. Wenn dann eine Tür den Saal des Wirtshauses bezeichnet oder ein kleines Portal die Kirche, so entstehen aus bloßen Andeutungen imaginäre Räume inmitten von grenzenlosem Schwarz.

In diesen Räumen gelingt es dem Regisseur vorzüglich, Massenszenen zu bauen und den Chor zu bewegen. Zur musikalischen Polyphonie des 1. Aktes gehen unablässig Wellenbewegungen durch die Reihen von Solisten und Chor. Im Lied vom Hering wird der Kanon der Instrumente durch pantomimische Gesten der Sänger in einen Kanon der Bewegungen übertragen. Doch am Sonntag ist zunächst alles ruhig. Die Fischerboote hängen, aus weißem Papier gefaltet, zum Trocknen auf der Leine. Was für eine Idee! Und kaum kommen die Leute aus der Kirche, rotten sie sich zusammen, hängen der Lehrerin ein Schild „Verräter“ um den Hals und vereinen sich im martialischen Marschtritt gegen Grimes. Dazu schäumt das Meer in einer Videodarstellung während der Orchesterzwischenspiele und verschlingt nach und nach Lampe, Kisten und Stuhl. Das ist alles phantasievoll ausgedacht und raffiniert gemacht, und es übt auf den Zuschauer eine unwiderstehliche Wirkung aus, der man sich nicht entziehen kann.

Dazu musiziert die Mecklenburgische Staatskapelle unter der Leitung von GMD Daniel Huppert exzellent und mit intensiver Klanggebärde. Huppert vermag das Wogen des Meeres, den Schall des Nebelhorns, das Stürmen und Verebben immer wieder unter der Handlung präsent zu halten. So bindet er musikalisch das Bühnengeschehen in das Wirken der Naturgewalten ein, was die emotionale Wucht des Geschehens verdoppelt. Dass man darüber kaum ein gesungenes Wort versteht, ist allerdings nicht nur dem klangstarken Spiel der Kapelle, sondern auch der polyphonen Gestalt der Partitur anzulasten.

Auch Opernchor und Extrachor in der Einstudierung von Ulrich Barthel erfüllen ihre Rolle als Einwohner des Fischerortes großartig, sowohl in der schauspielerischen Ausprägung einzelner Charaktere wie auch musikalisch als Masse. Frappierend ist die klangliche Prägnanz wie auch die Klarheit der Diktion. Aus dem durchweg prima besetzten Solistenensemble ragten zur Premiere Kathleen Parker als Lehrerin Ellen Orford mit strahlendem Sopran hervor und Espen Fegran, mit Gestik und Stimme ein überzeugender Kapitän. Stimmlich eng und etwas angeschlagen schien der Tenor Paul McNamara als Peter Grimes. Insgesamt ein ergreifender Opernabend!

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