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Russen in MV : Erfüllte und gescheiterte Träume

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vier russische Unternehmer, vier verschiedene Geschäftsideen - doch nur Tatjana Rebrova hat mit ihrem Lebensmittelgeschäft wirklich Erfolg

von
erstellt am 25.Mai.2016 | 11:45 Uhr

Waschmaschinen, Wasserkocher, Wischmop – das alles gibt es bei Magamed Ibragimov. Der 53-Jährige führt ein Haushaltswarengeschäft auf dem Schweriner Dreesch. Doch außer Haushaltswaren herrscht hier gähnende Leere. Totenstille. „Früher lief es viel besser“, sagt seine Lebensgefährtin Kati Schmidt. Sie steht hinter dem Tresen. Wartet auf Kundschaft. „Die Umsätze sind gering“, murmelt sie mit ernstem Blick ins Kassenbuch. Seit 2014 existiert das Geschäft nun schon in der ehemaligen Edeka-Kaufhalle. Vorher hatte Magamed Ibragimov ein Geschäft in der Friedrich-Engels-Straße. Doch das lief nicht. „Deshalb ist er mit seinem Laden hier in den Petershof gezogen.“ erinnert sich die 28-Jährige. Magamed Ibragimov ist einer von 3846 Russen in MV. Einer von 499 in Schwerin. Einer, der sich integrieren und mit viel Arbeit etwas erreichen wollte. „Doch im Moment sieht es eher schlecht aus“, unterstreicht Kati die schwierige wirtschaftliche Lage des Ladens.

„Ich führe seit 18 Jahren mein Geschäft – heute kann ich gerade so überleben“, sagt auch Waldemar Buch. Der 47-Jährige ist vor 20 Jahren mit seiner Frau und seinen drei Kindern aus Sibirien nach Deutschland gekommen. „Zuerst haben wir auf Rügen gelebt, in Sassnitz“, erinnert sich Buch. Heute lebt er als einer von 880 Russen in Rostock. „In meiner Heimat habe ich als Radio-Elektroniker gearbeitet“, so Buch. Doch da dieser Beruf nur in Russland zu gebrauchen war, war es schwierig, etwas Passendes in Deutschland zu finden. 1998 hat der 47-Jährige dann schließlich seinen eigenen Laden „Rasputin“ mit russischen Lebensmitteln und einem Reisebüro eröffnet. Am Tag hat er etwa 50 Kunden. „Wenn ich heute nur von meinen russischen Kunden leben müsste, könnte ich schließen“, sagt Buch. Seine Stimme ist dabei leise. Fast flüsternd.

„Ich hätte gerne fünf Stück“, sagt eine ältere Dame in gebrochenem Deutsch und zeigt dabei auf die in der Auslage liegenden Kekse. Eines dieser russischen Köstlichkeiten kostet 1,30 Euro. „Wir backen sie selbst – so zwei- bis dreimal die Woche“, erzählt Tatjana Rebrova und streicht sich ihre braunen Haare hinters Ohr. Ihre Augen leuchten. Sie lächelt. Ihr Lebensmittelgeschäft „Berezka“ sei ihr Leben. Zusammen mit ihrem Mann betreibe die 45-Jährige das russische Lebensmittelgeschäft in der Pankower Straße in Schwerin nun seit fast sieben Jahren. Zwischen 70 und 130 Kunden kommen täglich. Fast alles russische Landsleute, aber auch andere Menschen aus osteuropäischen Ländern und Deutsche würden bei Tatjana einkaufen, erzählt sie. Und auch aus dem Schweriner Umland kommen viele. „Wir haben Stammkunden, die extra aus Hagenow, Parchim, Gadebusch und Ludwigslust kommen und ihren Wochenendeinkauf bei uns erledigen“, berichtet Tatjana. Das heißt aber auch viel Arbeit. Bestellungen vorbereiten. Obst und Gemüse beim Großmarkt in Hamburg einkaufen. Und fast jeden Tag werde Ware geliefert. „Natürlich kommt die Ware von großen Firmen, die aber beziehen die Sachen von russischen Herstellern“, erklärt Tatjana. Süßigkeiten werden immer verkauft. „Im Sommer geht natürlich Obst und Gemüse gut. Im Winter mehr Fleisch“, berichtet die Geschäftsführerin.

Eine 80-Stunden-Arbeitswoche sei keine Seltenheit. Doch es lohnt sich. Für Tatjana und ihren Mann könnte es zur Zeit nicht besser laufen. „Vor einem Jahr konnten wir unseren Laden sogar vergrößern.“ Nun gibt es auch ein kleines Café. „Ganz typisch – die Frauen kaufen ein und die Männer essen Kuchen und trinken eine Tasse Kaffee“, sagt Tatjana lachend.

Sergey Sadigor bietet seit 2013 seine Dienste in der Landeshauptstadt an. Er repariert Computer, Notebooks und Smartphones.
Sergey Sadigor bietet seit 2013 seine Dienste in der Landeshauptstadt an. Er repariert Computer, Notebooks und Smartphones.
 

„Ein kleines Café, das war auch immer mein Traum“, sagt Sergey Sadigor. Es sollte in der Nähe seines Ladens liegen. Denn: Schon seit 2013 führt Sergey einen Computerservice. Repariert PCs, Notebooks und Smartphones im Petershof auf dem Schweriner Dreesch. Da hier ohnehin viel Leerstand herrscht, nutzte der 40-Jährige im September des vergangenen Jahres die Chance und eröffnete direkt neben seinem Computerladen ein Café. Doch schon im Februar hatte es sich wieder ausgeträumt. „Ich habe extra Spielgeräte für Kinder angeschafft, habe richtig investiert – doch es ging nicht“, erklärt Sergey. Und auch sein Reparaturdienst laufe mehr schlecht als recht. „Man kann es nicht als leben, eher als überleben bezeichnen“, sagt der 40-Jährige und versucht ein gequältes Lächeln hervorzubringen.

Kati Schmidt führt mit ihrem russischen Lebensgefährten ein Haushaltswarengeschäft. Doch zur Zeit ist die Lage auf dem Schweriner Dreesch eher schwierig.
Kati Schmidt führt mit ihrem russischen Lebensgefährten ein Haushaltswarengeschäft. Doch zur Zeit ist die Lage auf dem Schweriner Dreesch eher schwierig.
 

Kati Schmidt ist nicht mehr allein im Haushaltswarengeschäft ihres russischen Lebensgefährten Magamed Ibragimov. Drei junge Männer streifen zwischen Waschmaschinen und Elek-troherden hin und her. Doch sie kaufen nichts. Sie wollen nur mal gucken, wie sie sagen. „Früher gab es hier einfach mehr Russen. Die Jungen gehen nach Westdeutschland, um zu studieren und zu arbeiten“, meint Kati. Und die alten Leute, die früher noch bei ihnen gekauft hätten, fahren in die Stadt.

Tatsächlich gibt es in anderen Bundesländern wesentlich mehr Russen als in MV. So leben in Brandenburg 7556 Menschen mit russischen Wurzeln – was fast doppelt so viele sind, wie in MV. In Schleswig-Holstein leben 7196 und in Hamburg sogar 8836.

„Hier ist ja fast nichts mehr. Noch vor ein paar Jahren war der Petershof voll mit russischen Geschäften. Heute steht fast alles leer – in der Stadt ist das Angebot größer“, versucht die junge Frau die Situation zu erklären. Wieder steht sie allein an ihrem Verkaufstresen. Wieder herrscht beklemmende Stille.

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