Vor 100 Jahren wurde in Schwerin Ludwig Bölkow geboren : Erfinder, Visionär und Unternehmer

<strong>Familienbild: Ludwig Bölkow</strong> mit seiner Mutter, Bruder Karl und dem Vater in Schwerin
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Familienbild: Ludwig Bölkow mit seiner Mutter, Bruder Karl und dem Vater in Schwerin

Im Hauptgebäude des zentralen Deutschen Patent- und Markenamtes werden deutsche Erfinder geehrt, die die moderne Technik entscheidend beeinflusst haben. Darunter auch ein gebürtiger Mecklenburger: Ludwig Bölkow.

svz.de von
25. Juni 2012, 09:56 Uhr

In der Münchener Zweibrückenstraße befindet sich das Hauptgebäude des zentralen Deutschen Patent- und Markenamtes. Im Obergeschoss des Foyers ist die sogenannte Erfindergalerie zu sehen. Sie ehrt "deutsche Erfinder, die wesentliche Bereiche moderner Technik entscheidend beeinflusst haben". Unter den dort gezeigten 17 Personen befindet sich auch ein gebürtiger Mecklenburger: Ludwig Bölkow.

Geboren wurde er am 30. Juni 1912 in Schwerin. Sein Vater (1865-1952), der den gleichen Vornamen trug, fand 1913 eine Anstellung als Werkmeister in der Versuchswerkstatt von Anton Fokker (1890-1939). Der im kaiserlichen Deutschland tätige Niederländer hatte gerade seinen im Vorjahr begründeten "Aeroplanbau" von Berlin nach Schwerin verlagert. Durch die väterliche Betätigung konnte der junge Bölkow 1919 erstmals ein Luftfahrzeug in Augenschein nehmen. Er geriet in den Bann der Fliegerei. Daher versuchte er sich in der Folgezeit als Modell- und Segelflieger. Nach dem Abitur erhielt er 1932 einen Praktikumsplatz in den Warnemünder Flugzeugwerken von Ernst Heinkel (1888-1958). Es schloss sich ein Studium an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg an.

Seine Diplomarbeit von 1938 beinhaltete den Entwurf eines viermotorigen Flugzeuges für Postzwecke mit großer Reichweite. Es sollte sich nach Bölkows Vorstellungen mit Hochgeschwindigkeit fortbewegen. Die dabei entstehenden aerodynamischen Probleme erforschte er im Augsburger Flugzeugwerk von Willy Messerschmitt (1898-1978) eingehender. Daraus ergaben sich neun Patente, darunter das vom 3. August 1939 über "Tragflügel mit Mittel zur Veränderung der Profileigenschaften" (die sogenannte "Kippnase"). Später war er an der Entwicklung der ersten militärischen Strahlflugzeuge beteiligt. Das entsprechende Projektbüro befand sich zuletzt in Oberammergau. Dort stellte sich Bölkow den Amerikanern. Es folgten Befragungen und Angebote zur Übersiedlung, die Bölkow aus persönlichen Gründen ausschlug.

In Stuttgart-Degerloch ergab sich eine Arbeit als Bau schlosser. Die mehr zufällige Begegnung mit dem Redakteur einer Fachzeitschrift führte zu Kontakten zu dem Bauunternehmer Bossert, dem Statiker Leonhardt und dem Betonspezialisten Graf. Gemeinsam entwickelten die Männer Gitterschalungen für die Fertigung mehrgeschossiger Häuser in geschütteter Leichtbeton-Bauweise. Die daraus resultierenden Einnahmen ermutigten Bölkow im Sommer 1948 zur Gründung eines Ingenieurbüros mit zunächst drei Mitarbeitern. Zusammen erarbeitete man patentierte Technologien, die vorzugsweise Bauverfahren und -maschinen betrafen. Als besonders erfolgreich erwiesen sich die automatisierten Fertigstraßen zur Herstellung von Gasbetonsteinen, Tonrohren und Dachziegeln für den Unternehmer Gottfried Cremer. Im Jahre 1953 besuchte ein Mann "mit vielen Verbindungen" wiederholt Bölkow. Es war der aus Deutschland stammende Herausgeber des Schweizer Luftfahrtmagazins "Interavia" Erich H. Heimann. Er lenkte Bölkows Aufmerksamkeit auf damals in der Bundesrepublik noch verbotene Geschäftsfelder im Bereich Luftfahrt und Wehrtechnik. Das führte unter Einbeziehung bundesdeutscher Stellen zur Entwicklung eines leichten, infanteristisch einsetzbaren Flugkörpers, später Cobra genannt, der insgeheim in der Schweiz erprobt wurde.

Rasch folgten weitere Aufgabenstellungen durch das für die Wiederaufrüstung zuständige "Amt Blank", darunter zur Entwicklung von Flugzeugen und Hubschraubern. Das Konstruktions büro musste erweitert werden. Ab Anfang 1955 nutzte Bölkow die Räumlichkeiten eines Nebengebäudes des Flughafens Stuttgart. In diesem arbeiteten nunmehr elf Mitarbeiter hauptsächlich an wehrtechnischen Projekten, die mit dem Inkrafttreten der sogenannten Pariser Verträge im Mai 1955 legalisiert wurden.

Die Finanzierung der Unternehmungen lag in den Händen des Hamburger Finanzkaufmanns Wolfgang Essen (1903-1965), der im Mai 1956 bei Gründung der nunmehrigen Bölkow Entwicklungen KG deren Kommanditist wurde. Rasch stieg die Mitarbeiterzahl und Bölkow suchte verzweifelt nach Baugelände im Stuttgarter Umland. Da er dieses nicht erhielt, suchte er sein Glück in Bayern. Mit einer so genannten Aufbauhilfe dieses Bundeslandes konnte er das Gelände einer ehemaligen Luftfahrtforschungseinrichtung in Ottobrunn bei München übernehmen. Am 28. November 1958 verließ der letzte der damals 223 Mitarbeiter der Bölkow KG das Stuttgarter Flughafengelände.

Ottobrunn wurde zur Keimzelle des dann mächtigen Konzerns MBB (Messerschmitt-Bölkow-Blohm), der über verschiedene Zwischenschritte 1969 als GmbH gegründet wurde und inzwischen Bestandteil der europäischen Firmengruppe EADS ist. Das hauptsächlich auf Produkte der Luft- und Raumfahrt sowie der Rüstung ausgerichtete Unternehmen leitete Bölkow bis 1977 als Vorsitzender der Geschäftsführungen. Unter seiner Regie entstanden Organisationsstrukturen, die im europäischen Verbund erfolgreich die Entwicklung von Hubschraubern, Flugzeugen (Airbus) und Nahverkehrssystemen vorantrieben.

Danach widmete er sich bis zu seinem Tode am 25. Juli 2003 in Grünwald bei München als Visionär alternativen Technologien zur Energiegewinnung und zu einer nachhaltigen Wirtschaft, die bis heute durch eine von ihm 1983 gegründete Stiftung gefördert werden.

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