Teufel Alkohol : Erfahrungen eines Abhängigen

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Unser Lesertelefon zum Thema Alkoholismus traf auf große Resonanz. Matthias Krüger kämpft seit vielen Jahren gegen Alkoholismus und Drogensucht - er berichtet über seine Erfahrungen

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05. März 2015, 11:55 Uhr

Je mehr Anerkennung er bekommt, umso mehr strengt Matthias Krüger* sich an. Das sei schon immer so gewesen. Im Elternhaus gab es für eine gute Zensur Zuneigung. Vor allem vom Vater. „Es ging bei mir immer um Leistung“, gesteht Matthias sich ein.

Im Job funktioniert die Strategie gut. „Ich habe richtig Karriere gemacht“, sagt der gebürtige Kieler. Als Systemadministrator steigt er bei der Telekom auf, hat bald eine leitende Position und als Teamleiter Mitarbeiter unter sich. Doch auch der Druck wächst, die Verantwortung wird immer größer.

Matthias reagiert nicht. „Ich habe nicht darauf gehört, was mir gut tun würde“ – das weiß er heute. 2011 erleidet er einen Zusammenbruch, leidet unter Burn-out. Er kann eine Weile nicht arbeiten. Sich eingestehen, einmal nicht leistungsfähig zu sein, kann Matthias nicht.

Der Griff zur Flasche bringt Erleichterung. Es fängt harmlos an. Er trinkt „mal abends drei Bier “. Dann kommt der Schnaps. „Ich konnte endlich wieder schlafen“, erinnert er sich. Es bleibt nicht bei abendlichen Exzessen. Erst mittags, später wird auch schon morgens Alkohol sein Begleiter.


Sehnsucht nach Zugehörigkeit


„Ich wusste, ich bin alkoholabhängig“, gibt Matthias zu. Trotzdem trinkt er weiter. „Ich wollte meine Gefühle ausstellen.“ Es ist nicht das erste Mal, dass er sich selbst manipuliert. Während des Studiums nimmt er Heroin, Kokain, LSD. „Ich setzte die Mittel gezielt ein, um eine bestimmte Leistung zu erzielen“ – um länger lernen zu können, aber auch, um lockerer zu sein. „Mein Selbstwertgefühl ist nicht sonderlich ausgeprägt“, gibt er heute zu.

In seiner Jugend sehnt sich Matthias nach Zugehörigkeit. Die Eltern – der Vater Unternehmer, die Mutter Ärztin – sind beruflich eingespannt. „Es gab Zeiten, da kannte ich unsere Haushälterin besser als meine Mutter“, sagt er. Bis Matthias in die sechste Klasse kommt, zieht die Familie acht Mal um. Die Arbeit fordert es.

Mit 16 Jahren wird der Junge wieder aus seinem Freundeskreis gerissen. Es geht zurück nach Kiel. Matthias kommt in die elfte Klasse. Er sucht neue Freunde – und findet sie in einer Gruppe, die regelmäßig zusammen kifft. „Das waren die Coolen“, sagt er. Und: „Ich wollte dazugehören.“

Während seine Freunde bald genug haben, wird für Matthias Cannabis zur Einstiegsdroge. „Ich bin schnell in Kreise gekommen, in denen LSD und anderes genommen wird“, sagt er. Später konsumiert er auch Heroin und Kokain. Die Drogen helfen ihm durch Ausbildung und Studium. Trotz Abhängigkeit erbringt er sehr gute Leistungen.

Doch dann ist Schluss. Matthias macht einen Entzug, geht in Therapie und erhält Ersatzdrogen. Die Mutter erweist sich als Stütze. „Als Ärztin hat sie mitbekommen, was mit mir los war“, erinnert er sich. Sie sei sehr verständnisvoll gewesen – und ist es bis heute. „Meinen Eltern gebe ich nicht die Schuld an meiner Sucht - sie haben es mit ihrer Erziehung nicht besser gewusst“, betont er.


Abwärtsspirale dreht sich schneller


Bis vor rund drei Jahren lebt Matthias unter der Ersatzdroge Subutex ein normales Leben. Macht Karriere, hat eine Partnerin. Dann kommt 2011 der Zusammenbruch – und die Flucht in den Alkohol. Doch Matthias kämpft dagegen an. „Ende 2011 hatte ich die erste Entgiftung. 2012 ging ich in psychosomatische Behandlung. Das hat mir sehr geholfen. Ich hab einiges über mich erfahren und gelernt, meine Ziele realistisch zu stecken.“

Im Mai desselben Jahres geht es ihm wieder so gut, dass er weiterarbeiten kann. Doch der Druck ist nach wie vor hoch. „Es ging ganz schnell, dann habe ich wieder angefangen zu trinken“, resümiert Matthias. „Innerhalb eines Monats war ich wieder dort, wo ich vorher war.“ Die Abwärtsspirale dreht sich schneller. Die Partnerschaft kriegt Risse, zerbricht schließlich.


Wie ein Kampf gegen Mike Tyson


Um dem Erfolgsdruck zu entfliehen, unterschreibt Matthias im Sommer 2013 einen Aufhebungsvertrag bei seiner Firma. „Erst war ich erleichtert“, sagt er. Das Gefühl, versagt zu haben, holt ihn jedoch schnell wieder ein. Und wieder unterdrückt die Flasche die negativen Gefühle. Bis Dezember 2014 lässt er sich insgesamt sechs Mal entgiften. Dann steht für ihn fest: „Ich will so nicht weitermachen, ich will etwas ändern.“

Seit Anfang des Jahres ist Matthias in der AHG Klinik Schweriner See in Therapie. „Ich lerne hier, wie ich mit meinen Gefühlen umgehen kann“, sagt er. Das sei wichtig im Kampf gegen die Sucht. Für Matthias fühlt sich das in etwa so an, wie ein Fight gegen Mike Tyson – er weiß, dass er den Alkoholismus nicht besiegen kann. „Ich werde immer abhängig bleiben. Ich muss nur lernen, nicht zu trinken.“ Sein Ziel: „Zufriedene Abstinenz.“

Und dafür hat er gute Gründe: Vor zwei Jahren verliebt er sich neu und lebt mit seiner Partnerin und deren beiden Söhnen zusammen. Und auch zu seinem eigenen Sohn aus einer früheren Partnerschaft hat er wieder ein gutes Verhältnis. „Jetzt habe ich eine Familie, wie ich sie mir immer gewünscht habe.“

*Name von der Redaktion    geändert

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