Lebensmut : Er war schon klinisch tot

Alexander Jöst (links) und Ingo Klein in der Leezener Klinik beim Skypen
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Alexander Jöst (links) und Ingo Klein in der Leezener Klinik beim Skypen

In Leezen kehrte Ingo Klein wieder ins Leben zurück – trotz schwerster gesundheitlicher Beeinträchtigungen und über Skype hielt er immer Kontakt zu Familie und Freunden

Karin.jpg von
02. November 2015, 12:00 Uhr

„Außenstehende würden wahrscheinlich sagen, da geb ich mir lieber die Kugel“, sagt Alexander Jöst über Ingo Klein. Der sitzt im Rollstuhl, kann nur noch am Kopf einige Muskeln bewegen. „Bis er eine Position gefunden hat, in der er schmerzfrei sitzt, kann bis zu eine Stunde vergehen“, weiß Jöst. Ingo Klein wird über eine Kanüle im Hals beatmet. Er kann zwar noch Töne von sich geben, aber nicht mehr sprechen – und das alles bei ungeminderter Intelligenz. Dass der 41-Jährige das Leben dennoch liebt, hat er zu einem großen Teil der Helios Klinik in Leezen am Schweriner Außensee zu verdanken – und Alexander Jöst.

Von Anfang an hatte es Ingo Klein nicht leicht: Der Oldenburger leidet an genetisch bedingtem Muskelschwund. Im Grundschulalter, als sein „watschelnder“ Gang immer mehr auffiel, wurde die Erkrankung festgestellt, die dann schnell immer weiter voranschritt, erzählt sein Vater Dieter Klein. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei dieser Diagnose beträgt nur 27 Jahre. Ingo aber konnte nach seinem Schulabschluss sogar noch einige Jahre in einer Behindertenwerkstatt arbeiten. „Aber als er 21, 22 war, ging das nicht mehr, seitdem hat ihn meine Frau zu Hause gepflegt“, erzählt der Vater.

Wobei „gepflegt“ es nicht richtig trifft: Ingo Klein war zwar auf einen Rollstuhl angewiesen und von einem Sauerstoffgerät abhängig, doch er war dessen ungeachtet sehr kontaktfreudig, hatte zahlreiche Freunde in der realen Welt wie in sozialen Netzwerken – und er hatte eine ganz große Leidenschaft: Basketball. Spielten die EWE Baskets zu Hause in Oldenburg, saß er in seinem Rollstuhl in der Arena.

Auch an jenem verhängnisvollen 12. Juni 2013 war er zusammen mit einem Freund beim Basketball, erzählt der Vater. Niemand weiß, warum ausgerechnet dort das Beatmungsgerät ausfiel. Klar ist, dass wegen des Lärms in der Arena niemand die Signaltöne hörte, die ausgesendet werden, wenn der Akku zur Neige geht. So weiß auch niemand, wie viel Zeit bereits vergangenen war, als Ingo Kleins Freund ihn schließlich leblos in seinem Rollstuhl liegen sah.

„Er war schon klinisch tot. Die Rettungskräfte mussten Ingo wiederbeleben“, erinnert sich Dieter Klein mit stockender Stimme, der sofort zur Halle geeilt war und so auch selbst hörte, wie der Satz „Ich hab ihn wieder“ aus dem Rettungswagen klang.

„Nach 14 Tagen auf der Intensivstation hieß es, ,Wir können nichts mehr für Ihren Sohn tun, suchen Sie ihm einen Platz in der Reha.‘“ Im Internet sei er auf die Einrichtung in Leezen gestoßen, eine Akutklinik für Frührehabilitation, 275 Kilometer von zu Hause entfernt. „Ich dachte, dass Ingo drei oder vier Wochen da bleiben müsste. Tatsächlich aber wurden damals dreieinhalb Monate daraus“ erzählt der Vater.

An dieser Stelle der Geschichte kommt Alexander Jöst ins Spiel. Als Stadtbeauftragter der Malteser in Schwerin erhielt er einen Anruf von einer Mitarbeiterin des Hilfsdienstes in Oldenburg, die Ingo Kleins Eltern zu Hause betreute und nun für sie eine Unterkunft in der Nähe der Reha-Klinik suchte. Jöst half nicht nur dabei, ein Quartier zu finden, sondern übernahm auch vor Ort die Betreuung der Eltern – und wenn sie nicht bei ihm sein konnten, auch die ihres Sohnes. So bekam er mit, wie Therapeuten mit dem jungen Mann, der seit dem Unfall nicht mehr sprechen kann, eine ganz eigene Art der Kommunikation trainierten. „Kneift er die Lippen zusammen, heißt das Nein. Steckt er die Zunge heraus, ist das ein Ja“, erläutert Jöst. Mittlerweile aber hilft vor allem „Tobi“ dem jungen Mann dabei, sich verständlich zu machen: ein Computer, den er, da die Hände nicht mehr dazu in der Lage sind, allein über seine Augenbewegungen steuert. Mit ihm kann er beispielsweise im Laufe des Tages all die Sätze bilden und speichern, die er abends den Eltern oder Freunden mitteilen möchte. Der Computer liest sie dann auf einen weiteren, mit den Augen gegebenen Befehl hin vor.

Alexander Jöst hatte seinerzeit die Leezener Klinikleitung auch davon überzeugt, dass es für Ingo Kleins Genesung ungemein wichtig ist, regelmäßig Kontakt nach Hause zu halten, „um die Hoffnung zu haben, dass er wieder dorthin zurückkommt“. Auch mit seinen Freunden sollte und wollte er weiter in Verbindung bleiben. Da normale Telefonate für ihn nicht möglich sind, bastelte der Schweriner seinem Schützling ein Stativ, auf dem er ein iPad befestigte. Die Verbindung wurde per Skype – also Internet-Videotelefonie – aufgebaut. „Ingos Vater ist dann einmal pro Woche in Oldenburg mit seinem iPad durch Haus und Garten gegangen, so dass Ingo ständig über alles, was sich veränderte, auf dem Laufenden war“, erzählt Alexander Jöst. Er glaubt, dass das dazu beigetragen hat, dass es Ingo Klein heute – im Rahmen seiner Möglichkeiten – wieder so gut geht.

Der Oldenburger lebt inzwischen in einer eigenen Wohnung, in der er rund um die Uhr von einem Intensiv-Pflegedienst betreut wird. „Wenn wir mal nicht mehr da sind, muss ja alles so organisiert sein, dass Ingo allein zurechtkommt“, meint sein Vater. Trotzdem schaut er täglich bei seinem Sohn vorbei, „und auch das Skypen am Abend haben wir beibehalten“. Manchmal ist Ingo Klein abends allerdings auch unterwegs, zum Beispiel, wenn die EWE Baskets ein Heimspiel haben. „Er hat jetzt eine Jahreskarte“, erzählt sein Vater nicht ohne Stolz. Er hat sich einen behindertengerechten Transporter gekauft, mit dem er den Sohn überall hinfährt, wo der es wünscht. Zum Beispiel zum Lausitzring. Oder nach Kühlungsborn an die Ostsee. Und von dort aus jetzt auch noch einmal nach Leezen, dorthin, wo sein Weg zurück ins Leben begonnen hat. Auch für die Klinikmitarbeiter war das ein sehr emotionaler Moment, gesteht Verwaltungschefin Aurika Lubitz. Vor allem aber hat sich Alexander Jöst über das Wiedersehen gefreut: „Ich verdanke Ingo so eine wichtige Lebenserfahrung: Das Leben lohnt sich – auch in einer scheinbar ausweglosen Situation.“

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