zur Navigation springen

Schuss bei Flüchtlingsheim in Horst : „Er war außer Rand und Band“

vom
Aus der Onlineredaktion

Konflikte in Flüchtlingsheimen sind nach Experteneinschätzung kaum zu vermeiden – schwere Zwischenfälle sind aber eher die Ausnahme

Monatelang hatte es keine schweren Vorfälle in der Horster Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge mehr gegeben – bis zum vergangenen Sonnabend. Ein 29-jähriger Bewohner aus Nordafrika war zunächst auf einen Mann des Wachschutzes im Objekt mit einem großen Messer losgegangen. Der Mann hatte einer Frau im Aufnahmelager beigestanden, die zuvor auch bedroht worden sein soll. Die Lage eskalierte, die Boizenburger Polizei wurde verständigt. Die schickte eine Streifenwagenbesatzung.

Die Außenwache, die es in Horst gibt, war zu diesem Zeitpunkt nicht besetzt. Der Verdächtige floh vor der Polizei in Richtung der nahen Bundesstraße 5. Dort drehte er sich um, mit dem Messer in der Hand. „Der Mann ist außer Rand und Band gewesen“, berichtete Isabel Wenzel, die Sprecherin des zuständigen  Polizeipräsidiums in Rostock. Weil der Angreifer auf keine Ansprache reagierte und aggressiv blieb, gab dann ein Beamter einen Warnschuss ab. Gegen die Festnahme habe sich der Mann mit Tritten und Schlägen gewehrt und dabei einen Polizisten verletzt. Der Beamte ist mehrere Wochen dienstunfähig.

Die Polizeiführung hatte noch am Wochenende den Beamten vor Ort einen Maulkorb verpasst. Auch an den folgenden Tagen wurde die Öffentlichkeit über den Vorfall, der sich ja direkt an der Bundesstraße zwischen Boizenburg und Lauenburg zutrug, mit keinem Wort informiert. Begründung: Der Verdächtige hätte erheblich psychische Probleme gehabt. Über derartige Fälle gebe es dann keine öffentliche Information. Diese Strategie  wurde auch dann aufrechterhalten, als der Mann nach der Begutachtung in einer Psychiatrie wieder freikam und zunächst in die Unterkunft zurückkehrte.

Trotz der von oben verordneten Geheimhaltung brodelte in Boizenburg dann doch schnell die Gerüchteküche. Die Polizei habe in Horst geschossen, das machte die Runde. Erst nachdem einige Leser auch bei unserer Redaktion anfragten, kam die Sache ins Rollen. Sechs Tage später gab die Polizei erstmals Details über den Zwischenfall bekannt.

Die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes ist in einer ehemaligen Kaserne im äußersten Südwesten untergebracht. Derzeit sind 356 der 400 verfügbaren Plätze belegt, wie das Innenministerium mitteilte. Zumeist werden in Horst Asylbewerber mit geringer Bleibeperspektive untergebracht. Das ist nicht ganz unproblematisch, wie auch das Innenministerium einräumt. „Wenn mehr Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bleibeperspektive zusammenleben, kann das auch zu einer Häufung von Konflikten unter den Bewohnern sowie zwischen Bewohnern und Mitarbeitern der Einrichtung führen“, erklärt ein Sprecher. 

Um Eskalationen und Streitigkeiten zu vermeiden, haben laut Innenministerium die „Malteser Werke“ als Betreiber ein Gewaltschutzkonzept erstellt. Ziel sei die Sicherstellung von Schutz und Hilfe vor körperlicher, sexueller oder seelischer Gewalt während des Aufenthalts in der Flüchtlingsunterkunft. Darüber hinaus wurde für die Bewohner auch ein Beschwerdemanagement eingerichtet.  Das Betreuungspersonal verfüge über fundierte psychologische und sozialpädagogische Kenntnisse. Konflikte treten dennoch auf.

Die Polizei wurde in den ersten Monaten des Jahres im Durchschnitt fast täglich nach Nostorf/Horst gerufen. um Konflikte unter Asylbewerbern und vereinzelt auch Streitigkeiten mit dem Personal zu beenden. Von Januar bis März waren Beamte dort 98-mal im Einsatz. Oft geht es um Streitigkeiten zwischen den Bewohnern oder weniger schwere Delikte wie Diebstahl. Zwischenfälle wie am vergangenen Sonnabend sind eher eine Ausnahme.

Aus Sicht der Polizei ist Nostorf/Horst kein Kriminalitätsschwerpunkt, wie es der frühere Inspektionsleiter  Hans-Peter Günzel ausdrückte. Gleichwohl hatte auch er eingeräumt, dass die vielen Einsätze eine zusätzliche Belastung seien.

Normalerweise unterhält das Boizenburger Polizeirevier eine Außenstation in der Flüchtlingsunterkunft Horst. Doch die ist nur zu Schwerpunktzeiten besetzt, also etwa zwei bis drei Stunden am Tag. Mehr kann sich das  nicht gerade üppig besetzte Revier mit einem Einsatzbereich, der bis Zarrentin reicht, gar nicht leisten.

Kommentar von Mayk Pohle: Falsch entschieden, liebe Polizei!

Da wird nachts an einer Bundesstraße geschossen, es gibt Bedrohungen, eine Verfolgungsjagd, eine Festnahme und nicht zuletzt einen verletzten Polizisten. Die Öffentlichkeit erfährt davon nichts, gar nichts. Und das fast eine Woche lang. Alles nur mit der Begründung, der Verdächtige sei ja psychisch krank, da gehe der Schutz der persönlichen Rechte vor.

Falsch, liebe Polizeiführung, dieser Vorfall ist so schwerwiegend und von öffentlichem Interesse, dass die Bürger ein Recht haben, zu erfahren, was passiert ist. Denn um mehr geht es gar nicht. Wissen, was war. Die Rechte des Täters bleiben doch gewahrt, es gibt kein Foto, es gibt keinen Namen.

Was kommt denn jetzt beim Bürger an? Die Polizei verschweigt einen unangenehmen Vorfall, bloß weil ein Flüchtling beteiligt ist. Schöner kann doch die Vorlage für extreme politische Kräfte nicht sein. Vorauseilenden Gehorsam könnte man das auch nennen.

Hat unsere Polizei aus Köln und anderen Vorfällen nichts gelernt? Es kommt doch sowieso ans Tageslicht. So auch in Boizenburg. Kann sich jemand mal in die Lage der Polizisten vor Ort versetzen, die einen verletzten Kollegen haben, von den Bürgern auf der Straße angesprochen werden, und nichts sagen dürfen aus Gründen einer vermeintlichen Korrektheit?

Eine einfache, sachliche Information hätte gereicht. Diese Chance hat das Präsidium leider verpasst.

 

Liebe Leserinnen und Leser, im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserer Webseite haben wir unter diesem Text die Kommentarfunktion deaktiviert. Leider erreichen uns zu diesem Thema so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Kommentare, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Wir bitten um Verständnis.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert