Musiker aus Schwerin : Er rappt von Leid und Glück

Kassem Solh
Kassem Solh

Kassem Solh, ein Schweriner mit libanesischen Wurzeln, hat seinen ersten Song veröffentlicht.

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13. Mai 2017, 07:00 Uhr

Das Rappen ist sein Ding. Manchmal steht er vor dem Spiegel, die Musik aufgedreht, und eifert seinen Idolen nach. Dann spricht er ihre Texte, rappt von Müttern, die Nutten sind. Oder Kindern, die Koks ziehen. Der Schweriner Kassem Solh, 15, will ein Rapper sein. Aber er ist es schon. Gleich sieht er sein erstes Musikvideo.

„Hallo, ich bin Kassem“, sagt er mit der kindhaften Stimme eines Jungen, der noch auf den Stimmbruch wartet. Eine Zahnspange blitzt hervor. Das Markanteste sind seine Augen, dunkelbraun und so groß wie die Knöpfe an einem Wintermantel. In der Welt der Rapper, in der es manchmal nur darum geht, wer sich härter beleidigt, ist er noch ein Welpe. Vielleicht ist genau das der Grund seiner Nervosität.

Vor ein paar Wochen stand er vor der Kamera, für das Video zu seinem ersten Song. Er heißt: „Du kannst froh sein“. Der Text kam ihm vor einem Jahr in den Sinn, spontan in seinem Zimmer, der Krieg in Syrien hatte ihn beschäftigt. Erst reimten sich ein paar Worte, später ganze Sätze. Er rappt von Krankenhäusern und Kindern, bombardiert und traumatisiert; der Kampf um das Leben und das Nichtaufgeben. „Du kannst froh sein, dass du ein Haus hast, dass du eine Familie hast, die auf dich aufpasst.“

Von Kassem geschrieben, von der Schweriner Flüchtlingshilfe produziert: 1000 CDs vom Song „Du kannst froh sein“ wurden gepresst – sie stehen Lehrkräften in MV kostenfrei zur Verfügung.

Kassems Vater war 16 Jahre alt, als er aus dem Libanon nach Schwerin kam, noch in den Zeiten der DDR, für ein Studium der Fernmeldetechnik. Später holte er seine Frau nach. Heute sagt Kassem: „Zum Glück bin ich dort nicht aufgewachsen.“ Er kennt nichts anderes als eine sichere Umgebung, ein geregeltes, ein vorgezeichnetes Leben mit Kindergarten, Schule, später einem Beruf, oder sogar der Universität? All die Chancen: Er könnte froh sein, findet er. Genau wie seine vier Geschwister.

Einfach war es aber auch hier nicht. „Ausländer!“ „Neger!“ „Haut wieder ab!“, riefen sie ihm und seiner Familie hinterher, erinnert sich Kassem. Sie waren Schlittschuhlaufen auf dem Weihnachtsmarkt am Pfaffenteich.

Kassem erzählt darüber mit einem sanften Lächeln im Gesicht, als wären Begriffe wie Neger oder Ausländer keine Ausdrücke von Rassismus, sondern nur weitere Beleidigungen unter Rappern. Oder er lächelt wissend, weil er all das allzu gut kennt. An der Erich-Weinert-Schule, die er besucht, gehöre Rassismus zum Alltag, erzählt Kassem: Wenn bei einigen Schülern kein Interesse daran besteht, Streitereien mit Argumenten zu lösen, steht am Ende meist der eine Satz: „Geh zurück in dein Land.“

Mittlerweile sei er mit allen cool, wie er es ausdrückt. Er meint, es läge an seiner eigenen Regel, nämlich die, stets gut zu den Mitmenschen zu sein. „Dann sind sie auch gut zu mir“, sagt er.

Kassem erobert Schwerin. Den Schlossgarten, die Innenstadt, den Paulskirchenkeller, den Zippendorfer Strand. Der Blick stets ernst in die Kamera gerichtet, seine Hände bewegen sich zum Takt. Ein wenig komisch ist es für ihn schon, sich selber in einem Video zu sehen. Kassem wippt mit, sein Mund bewegt sich lautlos zum Text. Sein Fazit nach drei Minuten: „Ist cool geworden, oder?“

Hinter ihm steht Claus Oellerking, Chef der Flüchtlingshilfe Schwerin. Mit seiner hohen Stirn und der rundlichen Brille wirkt er wie ein strenger Hochschullehrer, für den Rap nichts weiter ist als die Musik der Abgehängten. Dabei ist er Kassems erster Produzent. Ihm hat es Kassem zu verdanken, dass sein Lied nicht nur eine Notiz auf seinen Handy geblieben ist, wie der Rest der Texte, die ihm bislang eingefallen sind.

Kennengelernt haben sich beide in einem Sprachkurs, angeboten von der Flüchtlingshilfe. Allerdings für Arabisch. Kassem will die Muttersprache seiner Eltern nicht verlernen. „An einem Sonntag, in der Pause des Unterrichts, rappte Kassem das Lied“, erzählt Oellerking. Seitdem lässt es ihn nicht mehr los. Er spricht von Beats und Rhythmen, von einer harten und einer weichen Version, die produziert wurden. Oellerking ist aber vor allem eines: stolz. Wo gäbe es das schon; ein junger Mensch, der sich mit Krieg und Leid beschäftigt, wo doch Aleppo 3853 Kilometer entfernt ist. Und es war nicht nur Kassem. In dem Lied singt ein sechsköpfiger Chor, zwei Mädchen und vier Jungs aus Syrien. Sie sind nach Deutschland geflohen. „Das ist praktische Integrationsarbeit“, sagt Oellerking.

Für Kassem ist es neben der Botschaft ein erster Schritt hin zu seinem Traum, mit dem Rappen Geld zu verdienen. Dann stehen vielleicht andere vor dem Spiegel und sprechen seine Texte. „Wir haben einen Gott, einen Traum, ein Ziel, eine Zeit. Man darf niemals vergessen, jeder Mensch will frei sein.“

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