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Mecklenburg-Vorpommern

20. Oktober 2017 | 20:09 Uhr

Charly Hübner : Er kann auch anders

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schauspieler Charly Hübner im Interview über den zweiten Blick und die große Liebe

Vor vier Jahren war Charly Hübner noch ein ziemlich frischgebackener „Polizeiruf“-Kommissar und auch privat eher der Typ einsamer Wolf. Heute gehört er auch abseits des „Polizeirufs“ zu den angesagtesten deutschen Schauspielern und ist ein über beide Ohren glücklich verliebter Ehemann.

 

Ihre Agentin hat mir verraten, dass Sie gern mal ein Doppel-Interview mit Helene Fischer hätten. Damit kann ich heute allerdings nicht dienen.
(lacht) Ich weiß gar nicht, wie sie darauf kommt. Worüber sollten wir denn dann reden?

Helene Fischer genießt also gar nicht Ihre besondere Aufmerksamkeit?
Naja, ich habe sie bei der Bambi-Verleihung zum ersten Mal erlebt. Das ist ja nun mal nicht meine Musik, aber man sieht da eine junge Dame, die sich sehr an diesen anglo-amerikanischen Entertainment-Stars wie Beyoncé, Shakira oder Lady Gaga orientiert. Sie nimmt den deutschen Schlager und versucht, ihn da einzumorphen: Diese Choreografien, Männer, die Frauen zur Krone machen, und Texte, die jeder versteht und jeden ansprechen, die den einen emotionalisieren und den anderen verblüffen. Sie ist total massenkompatibel, wirkt mega-ehrgeizig und wahnsinnig fleißig. Deshalb kommt selbst so ein Schlager-Muffel wie ich nicht ganz um sie herum (lacht).

Aber es ist vermutlich noch nicht so weit gekommen, dass bei Ihnen zu Hause jetzt pausenlos „Atemlos“ läuft?
Das hatte sich nach einmaligem Hören schon erledigt. Es ist ein so klar und einfach strukturiertes Lied, dass man es sehr schnell kapiert hat.

Ihre musikalische Heimat ist eher Punk und Metal, oder?
Ja, sicher. Aber ich höre auch viel deutschen Schlager – Rammstein, Ärzte oder Feine Sahne Fischfilet (lacht).

Was haben Sie sich denn zuletzt gekauft?
Gestern erst habe ich mir drei Platten geholt: Eine von Handsome Family, das ist ein Country Folk-Duo aus den Südstaaten, das den Titelsong für die Serie „True Detective“ gemacht hat. Dann habe ich die Band Black Angel gekauft, das ist dann schon ein bisschen rockiger. Und dann eine ganz alte Platte von 1991: Fields of the Nephilim, so eine Gothic-Band. „Last Exit“ ist ein Supersong für die Bukow-Geschichte im „Polizeiruf“. Wenn ich morgens auf der Autobahn zum Dreh nach Rostock brettere, passt das super: Grau, dunkel, düster.

Was ist mit AC/DC?
Hab ich alles – bis „Back in black”.

Wenn man eine Platte von AC/DC kennt, kennt man sie doch alle, oder?
Ab „Back in black“. Aber die ersten Platten mit Bon Scott sind doch großartig, die höre ich regelmäßig ein- bis zweimal im Jahr alle durch. „High Voltage“ bis „Highway to Hell“ sind und bleiben der Hammer. Genauso wie diese Live-Platte von 1978, „If You Want Blood“... und die ersten Motörhead-Alben.

Sind Sie Headbanger?
Früher war ich einer, aber heute gibt’s ja nichts mehr zu bangen (zeigt auf seine Frisur). Früher haben wir natürlich viel geheadbangt und gepogt (lacht).

Sie leben ja seit einiger Zeit mit Frau und Kind zusammen – was sagen die, wenn Sie mal so richtig aufdrehen?
Zu Hause mache ich es höchstens mal, wenn ich alleine bin, das Kind muss sich nicht so früh schon damit befassen. Er soll den Rock’n’Roll irgendwann mal selbst für sich entdecken und nicht schrecklich finden, weil der Alte ihn immer gehört hat. Ich bin selbst ja schwer geschädigt durch den Schlager-Fanatismus meiner Eltern, das will ich dem Jungen nicht antun. Aber ich habe sehr gute Kopfhörer und im Auto eine gute Anlage.

Womit haben Ihre Eltern Sie denn traumatisiert?
Alles, was es an Schlager in Ost und West gab. Regina Thoss, Udo Jürgens natürlich, oder diese deutschen Sachen von Nana Mouskouri. Das mussten wir als Kinder von früh an ertragen.

Sie sind jetzt fast drei Jahre verheiratet – und waren vorher überzeugter Ehemuffel?
Total. Ich kriegte immer mit, dass Geschwister oder Freunde heirateten und habe selbst nie begriffen, warum die das tun. Ich habe mich immer gefragt: Was soll denn das sein, so ’ne Ehe? Und dann gab’s bei mir so eine eindeutige Liebesheirat, wir empfanden im selben Moment: Mit diesem Menschen könnte ich jetzt auch mal das ganze Leben rocken.

Es ging dann ja ziemlich schnell – Sie haben Ihre Frau ja erst vor vier Jahren kennengelernt.
Ja, es war uns auch relativ schnell klar.

Heute liest man von Ihnen Sätze wie: „Nachdem ich meine Frau kennengelernt habe, verstehe ich, was es mit diesen ganzen Lovesongs auf sich hat.“
Vorher habe ich diese Songs nur zur Kenntnis genommen, genauso wie Liebesfilme und Liebesromane, selbst die großen wie „Anna Karenina“. Das habe ich alles nicht wirklich verstanden. Erst durch die Begegnung mit Lina habe ich ein Gefühl in mir entdeckt, das ich vorher noch gar nicht kannte.

Passiert ist es während Theaterproben in Köln...
Ja, wir haben „Kirschgarten“ geprobt, danach „Demokratie in Abendstunden“ gemacht und dann auch noch „Der Idiot“. Und jetzt in Hamburg haben wir auch schon wieder zwei Stücke gemacht: „Schuld“ und „Onkel Wanja“.

Und dann gibt’s auch noch „Vorsicht vor Leuten“ am 25. Februar im Ersten. Da spielt Ihre Frau Ihre Frau – und trennt sich von Ihnen. Wie ist das, mit der eigenen Frau so einen Stoff zu spielen?
(lacht) Das war für uns der Witz daran. Ansonsten ist das für uns kein großer Unterschied zum Theaterspielen – abgesehen davon, dass man nicht vier Stunden probt und abends dann Vorstellung hat, sondern man arbeitet den ganzen Tag und springt quasi im Stück hin und her. Aber wir kennen uns so gut und spielen so gern miteinander, dass das überhaupt kein Problem ist. Für mich ist es immer schön, mit Lina zu spielen, sie ist die beste Schauspielerin, die ich kenne. Es gibt wenige, die das Komödiantische und das Emotionale so beherrschen – Kathi Thalbach und Sophie Rois fallen mir prompt ein.

Es gibt ja eine ganz Reihe von Schauspielerehepaaren. Ann-Kathrin Kramer und Harald Krassnitzer wohnen nicht mal im selben Zimmer, wenn sie miteinander drehen...
Früher war ich auch einer von denen, die gesagt haben: Beim Drehen muss ich alleine wohnen. Aber bei „Vorsicht vor Leuten“ war klar, dass wir natürlich zusammen wohnen. Was auch sonst, wir sind doch glücklich miteinander. Den Abstand kriegen wir auch anders hin, da sind wir durchs Theaterspielen in der Übung.

Gab’s bei „Vorsicht vor Leuten“ eine Szene, bei der Sie sich gesagt haben: Komm, jetzt spielen wir mal uns selbst?
Nee. Ist doch viel zu langweilig. Ich ja bin nicht so wie dieser Lorenz, den ich spiele, und Lina ist nicht so wie Kathrin.

Im Film gibt es eine Szene, in der die beiden zum ersten Mal seit Jahren miteinander tanzen. Wie lange hat’s bei Ihnen gedauert?
Lange, weil wir nie dazu kamen, tanzen zu gehen. Bestimmt anderthalb Jahre. Eigentlich tanzen wir beide total gerne, aber irgendwas ist immer: Vorstellung, Dreh, Kind. Aber es ist auch nicht so, dass wir es jetzt wer weiß wie vermissen. Bei der Premiere von „Onkel Wanja“ haben wir mal wieder ordentlich gedanct – das reicht für drei Jahre (lacht).

Für den sechsjährigen Sohn Ihrer Frau sind Sie der „Bonus-Papa“ – wer ist denn auf diesen Begriff gekommen?
Er selbst. Irgendwann kam er aus der Schule und sagte: Ich habe gehört, dass jemand „Bonus-Papa“ sagt – das bist Du auch für mich. Für ihn ist es wichtig, dass ich nicht irgendein Kumpel oder Onkel oder Mamas Freund bin, sondern auch ein Papa.

Aber er spricht Sie nicht mit „Bonus-Papa“ an, oder?
Nein, Charly.

Und zu dem anderen Papa gibt’s auch noch eine gute Beziehung?
1A!

Schon witzig – Sie sind privat so richtig glücklich, und wenn man Sie dann im Fernsehen erlebt, sieht man nur noch einstürzende…
…Neubauten, haha! Ja, alles bricht weg. Bukow ist ja jetzt auch schon lange in meinem Leben und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Frau geht. Von ihm wird da nichts kommen. Aber was da kommen wird, ist für sie gar nicht gut, weil man bei Bukow ja auch aufpassen muss. Der geht mit so einer Trennung ja anders um als Lorenz Brahmkamp, der ja weiter total an seine Frau glaubt.
Ist Ihnen Lorenz Brahmkamp am Ende des Films sympathischer als am Anfang? Aus dem lügenden Loser ist immerhin ein erfolgreicher Hochstapler geworden.
Mir persönlich war der nie sympathisch. Von vorne bis hinten nicht (lacht). Ich wüsste gar nicht, was ich mit dem reden soll. Wenn ich mir vorstelle, ich sitze auf Mallorca in irgendeinem Laden und der kommt mit seiner Frau rein, hätte ich nicht sofort den Impuls, mit ihm über Fußball zu reden.

Apropos Fußball. Sie als Mecklenburger sind Fan von Arsenal London, FC Barcelona und Werder Bremen. Und was ist mit Hansa Rostock?
Ach, die alte Kogge. War nie mein Verein. Übers Fernsehen bin ich irgendwann auf Werder Bremen gekommen, damals spielte noch Manni Burgsmüller und machte richtig Alarm. Als Rehhagel als Trainer dann ging, fand ich’s richtig scheiße, aber ich merkte, dass ich Bremen-Fan bin. Und dann kamen ja bald schon die Zeiten von Schaaf mit Micoud und Ailton, das war doch richtig herrlich.

Sie haben Zinédine Zidane mal als Ihr Vorbild bezeichnet.
Naja, in einem Prinzip ist er das. Der hat als Spieler nie aufgehört zu gucken, was er noch nicht so gut kann und was ihn noch mal reizt. Und er war mit vielen Finten der erste, der sie drauf hatte. Der hat Sachen erfunden, die gab’s vorher noch nicht. Und je älter er wurde, umso ernsthafter wurde er.

Was daran ist für Sie als Schauspieler vorbildlich?
Die Finten, die Tricks. Für mich ist ein Film wie ein Spiel, er dauert ja meist auch 90 Minuten. Das Spiel will ich gewinnen, und da muss ich gucken: Inwieweit verträgt die Figur schauspielerische Finten und wann muss ich sie einfach nur aushalten? Da konnte ich mir bei Zidane am meisten abgucken.

Hat Ihr „Bonus-Sohn“ auch schon ein Vorbild? Vielleicht den „Bonus-Papa“?
Nö. Das wäre doch fatal. Er ist doch noch so jung.

Die Bandbreite Ihrer Rollen ist ja enorm – allein zwischen Bukow und Brahmkamp liegen Welten.
Ich will mich ja nicht langweilen. Wenn ich nur noch Bukow hätte, würde ich mich total langweilen, da wäre meine Festplatte unterfordert. Deswegen hoffe ich, dass es immer Leute geben wird, die Bock darauf haben, mit mir diese verschiedenen Wege zu beschreiten. Bis jetzt ist alles super gut gelaufen.

Was müssen Sie von einer Figur verstehen können, um sie spielen zu können?
Den Blick. So ein Blick ist ja eine unterbewusste Identität, die wir alle haben. Es ist total schwer, meinen eigenen Blick nach hinten zu packen und einen anderen davor zu setzen. Wenn ich das schaffe, freu’ ich mich.

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