Nach Ausrutscher von Sellering : „Er ist aus der Rolle gefallen“

Erwin Sellering diskutierend im Landtag – auf einer Diskussion mit Demo-Teilnehmern in Wolgast vergriff sich der Regierungschef im Ton.
1 von 2
Erwin Sellering diskutierend im Landtag – auf einer Diskussion mit Demo-Teilnehmern in Wolgast vergriff sich der Regierungschef im Ton.

Wieviel Gegenwind müssen sich Politiker gefallen lassen? Eine ganze Menge finden Experten

svz.de von
25. April 2017, 20:45 Uhr

Die Netzgemeinde ist empört: Rund 98 000 Mal wurde der Videoclip „Ministerpräsident beleidigt Mütter“ bereits über Facebook aufgerufen. Regierungschef Erwin Sellering hatte ein Streitgespräch mit Anhängern der Bürgerinitiative für die Wiedereröffnung der Kinder- und der Geburtenstation am Krankenhaus Wolgast genervt abgebrochen - dabei fiel auch das Wort „bescheuert“. Nun steht die Frage im Raum, ob ein hochrangiger Politiker derart rüde Sprüche von sich geben darf?

Martin Koschkar
Martin Koschkar

Politiker sollten sich bei der Wortwahl eher zurückhalten, findet der Rostocker Wahl- und Parteienforscher Martin Koschkar. Und das gelte auch in emotional hoch aufgeladenen Situationen wie in Wolgast am Wochenende. In dem Streitgespräch mit drei Frauen fand Sellering kaum Gehör, wurde vehement mit alten Forderungen und Vorwürfen konfrontiert. „Er ist für einen kurzen Moment aus der Rolle gefallen. Aber diesen Unmut müssen Politiker aushalten“, findet Koschkar. Im Landtag würde Sellering solche derben Formulierungen doch auch nicht benutzen. „In demokratischen Auseinandersetzungen haben beleidigende Äußerungen nichts zu suchen“, sagt der Politikwissenschaftler.

Die gleichen Regeln gelten laut Koschkar aber auch für die Gegenseite. Aber inwieweit waren die Anhänger der Bürgerinitiative am Wochenende überhaupt an einem Austausch interessiert? Im Vorfeld der Demo kursierte ein Aufruf, in dem zu teilweise fragwürdigen Methoden aufgerufen wurde. Die Teilnehmer sollten alles mitbringen, was Krach macht. Auch Kochtöpfe und Kinder wegen der tollen Stimmlage. Sellering habe ein Hörgerät, wurde verbreitet. Offenbar wollte man dem Regierungschef wohl gehörig auf die Nerven gehen.

Lautstarker Protest geht aus Sicht des Politikwissenschaftlers vollkommen in Ordnung: „Wenn man sein Anliegen in die Öffentlichkeit tragen und publik machen will.“ Kompromisse und Lösungen ließen sich aber nur im Dialog finden. Und der scheiterte in Wolgast gründlich, weil wohl beide Seiten vehement auf ihren Standpunkten beharrten. Allerdings ist Erwin Sellering ein gestandener und debattenerprobter Politiker. „Vielleicht hätte er seine Argumente noch einmal klarer formulieren sollen. Zuhören ist enorm wichtig“, findet Koschkar.

Dass der Regierungschef sich am Ende aus der hitzigen und ergebnislosen Diskussion zurückgezogen hat, kann auch der Linkenpolitiker und Mitglied der BI, Lars Bergemann, zumindest noch nachvollziehen. „Problematisch ist aber seine Äußerung. Da muss er sich besser im Griff haben“, sagt Bergemann.

Sellering hatte sich nach dem Vorfall öffentlich für seinen verbalen Fehltritt entschuldigt. Besser wäre es aus Bergemanns Sicht aber, wenn er mit den drei Frauen noch einmal persönlich sprechen würde. „Vielleicht bei Kaffee und Kuchen. Das hätte Format und Größe. Er ist doch ein Strahlemann“ Auch der Politikwissenschaftler Koschkar findet die Idee nicht schlecht. „Die Entschuldigung bekäme dadurch eine persönliche Note.“ In der Staatskanzlei kann man dem Friedensangebot des Linkenpolitikers allerdings noch nicht sonderlich viel abgewinnen. Ein weiteres Treffen mit den betroffenen Frauen sei derzeit nicht geplant, teilt ein Regierungssprecher mit.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen