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Mögliche Ziele unbekannt : Er bastelte die „Mutter des Teufels“

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Aus der Onlineredaktion

Yamen A. hantierte mit einer bei Dschihadisten beliebten Bombenmischung. Die Behörden dementieren Berichte über mögliche Terror-Ziele

svz.de von
erstellt am 02.Nov.2017 | 20:55 Uhr

Yamen A. wollte mit einer selbst gebastelten Bombe möglichst viele Menschen verletzten und töten. Für seinen teuflischen Plan hatte er sich bereits Chemikalien, Funkgeräte, Batterien für ein Handy, Messbecher und ein Thermometer besorgt. Doch wo wollte der 19-Jährige seinen Sprengsatz mit großer Wirkung detonieren lassen? Die Sicherheitsbehörden hatten bislang keine Angaben zu möglichen Anschlagszielen gemacht. Für Wirbel sorgte daher gestern ein Medienbericht, in dem erstmalig drei mögliche Anschlagsorte in Mecklenburg-Vorpommern genannt wurden, die der junge Bombenbauer aus Schwerin ins Visier genommen haben soll.

Unter Berufung auf angebliche Quellen aus Sicherheitskreisen berichtete das Redaktionsnetzwerk Deutschland, dass es Yamen A. auf die Weihnachtsmärkte in Schwerin und Rostock abgesehen hatte. Auch die Brücke auf die Insel Rügen soll ein mögliches Anschlagsziel gewesen sein. Die Dementis folgten wenige Stunden später. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) teilte auf der Sitzung des Innenausschusses mit: Er könne den Pressebericht nicht bestätigen. Noch deutlicher äußerte sich der für die Ermittlungen im Fall Yamen A. verantwortliche Generalbundesanwalt am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Eine Sprecherin wies die Darstellungen ausdrücklich zurück. „Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass der Beschuldigte bereits ein konkretes Ziel für seinen Sprengstoffanschlag ins Auge gefasst hatte“, erklärte Frauke Köhler, Staatsanwältin am Bundesgerichtshof. Aktueller Ermittlungsstand sei weiterhin, dass Yamen A. einen islamistisch motivierten Anschlag mit hochexplosivem Sprengstoff geplant und bereits mit dessen Vorbereitung begonnen hatte.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Syrer den hochexplosiven Sprengstoff TATP herstellen wollte, den er als Treibladung für eine Bombe mit großer Wirkung benutzen wollte. TATP lässt sich aus den leicht erhältlichen Chemikalien Aceton, Wasserstoffperoxid und Schwefelsäure herstellen. Die laut einem Bericht des Spiegels auch unter dem Namen „Mutter des Teufels“ bekannte Bombenmischung wird von Dschihadisten bevorzugt. Auch der Terrorverdächtige Jaber al-Bakr aus Chemnitz, der im Oktober 2016 in einer Zelle Selbstmord beging, hat dem Bericht zufolge mit der brisanten Mischung experimentiert. TATP gilt als äußerst empfindlich. Die Substanz kann bereits durch Reibung, Stöße, Wärme oder Funken zur Explosion gebracht werden. Sprengstoff-Suchhunde können die Bombenmischung angeblich nicht aufspüren.

Lückenhaft ist dagegen immer noch das Bild über den Terrorverdächtigen, der in einem Schweriner Plattenbau lebte. Wie Innenminister Caffier gestern mitteilte, besuchte Yamen A. einen Integrations- und einen Deutschkurs. Der terrorverdächtige Syrer wurde vor seiner Anerkennung als Flüchtling aber nie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) befragt, wie der Spiegel gestern vorab meldete. Yamen A. habe nur einen Fragebogen ausfüllen müssen, berichtete das Nachrichtenmagazin.

Der heute 19-Jährige war im Herbst 2015 nach Deutschland gekommen, wurde im April 2016 als Flüchtling anerkannt und erhielt eine Aufenthaltserlaubnis für zunächst drei Jahre. Das Fragebogenverfahren wurde laut Bericht zunächst bei Syrern, Irakern und Eritreern angewandt, war wegen Sicherheitsbedenken aber abgeschafft worden. Zum Zeitpunkt der Entscheidung über den Asylantrag des Syrers habe bereits die neue Regelung gegolten, wonach alle Asylbewerber wieder persönlich angehört werden mussten. Das Bundesamt bestätigte dem Nachrichtenmagazin, dass dies bei A. nicht geschehen sei. Im Frühjahr 2016 habe es eine Übergangsphase gegeben. Wer den Fragebogen schon zugeschickt bekommen habe, sei nicht mehr zur Anhörung gebeten worden. Die Ausweispapiere des Syrers waren laut BAMF damals aber überprüft und für echt befunden worden.

„Mit den Ängsten der Menschen spielt man nicht“

Innenminister Lorenz Caffier (CDU) hat gestern den Innenausschuss des Landtags über die Festnahme des terrorverdächtigen Syrers in Schwerin und die vorausgegangenen Ermittlungen informiert. Regierungsfraktionen und Opposition bescheinigten den Behörden von Bund und Land nach dieser Anhörung professionelle und erfolgreiche Arbeit, kamen zum Teil aber zu unterschiedlichen Schlüssen für die künftige Terrorabwehr.

Der Fall Yamen A. zeige, dass der Rechtsstaat funktioniere und das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden gerechtfertigt sei, sagte die CDU-Abgeordnete Ann Christin von Allwörden. AfD-Fraktionschef Nikolaus Kramer hingegen warf der SPD/CDU-Landesregierung vor, bei der Terrorismusbekämpfung ohne Konzept zu handeln. Innenminister Caffier müsse endlich zu der Erkenntnis gelangen, dass die unkontrollierte Grenzöffnung von 2015 ein kardinaler Fehler gewesen sei. Kramer forderte erweiterte Möglichkeiten zur Kommunikationsüberwachung. Der Verfassungsschutz war durch Internet-Bestellungen des Tatverdächtigen für Sprengstoff auf dessen Anschlagspläne aufmerksam geworden.

Nach den Worten des SPD-Abgeordneten Manfred Dachner lieferte die Festnahme des jungen Syrers „den Beweis, dass der islamistische Terror auch vor Mecklenburg-Vorpommern nicht haltmacht“. Mit Blick auf die AfD-Äußerungen warnte Dachner jedoch davor, dies parteipolitisch auszunutzen. „Mit den Ängsten der Menschen spielt man nicht“, erklärte Dachner. Nach Einschätzung von Peter Ritter aus der Linksfraktion sind Repression und Prävention zusammen der Schlüssel, um mittel- bis langfristig dem Terrorismus etwas entgegensetzen zu können: Bildung, Schule, Arbeit mit den Moscheen, Stärkung der Beratungsstellen und Polizisten und Technik.

 


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