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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 12:28 Uhr

Entzauberung des Wundertäters?

vom

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erstellt am 14.Aug.2012 | 10:52 Uhr

"Ein Wurm nagt in meinem Herzen und nagt. Ich setz ihn auf galoppierendem Pferde dem Wind aus. Ich trinke Regen, ich esse Blättertau, ich atme den Harzduft der Kiefern ein. Der Wurm nagt matter. Wann wird er verenden?" (E.S.)

"Das ist nicht der Vater, den ich kenne", soll Jakob Strittmatter, der Sohn von Erwin Strittmatter gesagt haben, als er nach langem Zögern der Historikerin Annette Leo bislang unveröffentlichte Briefe aus dem Nachlass seines Vaters übergab. Er hatte wohl Recht.

Wer die nun veröffentlichten Auszüge aus einigen dieser Briefe liest, wird sein Bild über diesen bodenständigen Pferdenarren, den "Nationalschriftsteller einer halben Nation", den "deftigen Heimatdichter", Auflagenmillionär und "Fontane des 20. Jahrhunderts", den Autor von "Ochsenkutscher", "Ole Bienenkopf", "Pony Pedro" und den "Wundertäter"- und "Laden"-Trilogien" korrigieren müssen.

Selbst wer hinter all den Diskussionen, die rund um Strittmatters 100. Jubiläum aufflammten, eine Kampagne vermutet, um den verehrten Lieblingsautor ganzer ostdeutscher Generationen zu verleumden, wird seinen Erwin in einem anderen Licht sehen müssen.

Dabei muss Strittmatter schon von seiner Persönlichkeit her kein sehr angenehmer Mensch gewesen sein. Das wusste er nur zu gut, wie aus seinen Tagebüchern aus den Jahren 1957 bis 1973 hervorgeht, die gerade erschienen sind.

"Grilligkeit und Jähzorn" warf er sich dort vor und beklagte an anderer Stelle selbstmitleidig: "Ich finde, dass ich eigentlich allein dastehe mit meinem Werk. Ständig muss ich meine Umgebung bei guter Laune halten, damit sie mir einigermaßen das Schreiben gestattet. Sollte man nicht doch lieber ganz für sich allein leben?"

Dabei war es genau umgekehrt. Eva, seine Dichterfrau, war die gute Seele auf dem Schulzenhof, die seine Launen ertragen und die Last der vielen, vielen Gäste bewältigen musste. Nur wenn sie "die allzeit Liebende, Verstehende" war und zu begreifen schien, "wo ihr Platz in der Welt ist", nämlich einzig und allein als Dienerin seines Werkes, war er zufrieden.

Überhaupt die Frauen. Strittmatter, dieser stattliche, kluge Mann, brauchte sich Zeit seines Lebens über zu wenig weibliche Gunst nicht zu beklagen. Auch wenn es scheint, dass er nicht nur vor seinen beiden ersten Ehefrauen, sondern auch vor den vielen Geliebten allzu gern davonlief, wenn es galt, Verantwortung zu übernehmen. "Man muss wieder einmal gespannt sein", schrieb er einem Freund, "wie sich die Knoten, die das Schicksal mit Käte, Monette, Gertrud, Maria in mein Leben geschlungen hat, lösen werden." Er nahm es seinen Frauen sogar übel, wenn sie schwanger wurden und fühlte sich von ihnen verraten.

Auch dass er mit "Kindern nie konnte" - er hatte immerhin acht Söhne - gestand er sich selbst ein. Seine Enkelin Judka Strittmatter, die ihn gerade in der "Berliner Zeitung" als fremden, herzlosen Opa beschrieben hat, vermutet, dass Muster aus Strittmatters Kindheit sein Leben lang fortwirkten. So wie ihn sein Vater schlug und züchtigte, erzog er auch seine Kinder, wenn er sie nicht gleich ins Heim steckte. Judkas Vater erzählte seiner Tochter, wie er als Kind zur Strafe auf Erbsen knien musste. Dass auch Thomas Mann kein liebevoller Vater war, Arthur Miller seinen Sohn mit Downsyndrom im Heim versteckte oder Hermann Hesse seine sterbenskranke Frau nicht einmal im Krankenhaus besuchte, mag von der Liebesunfähigkeit vieler schriftstellernder Männer zeugen, schwer zu verstehen bleibt es dennoch.

Bei Erwin Strittmatter kommt zumindest für seine ersten sechs Kinder die wahrscheinlich schwer zu ertragende Tatsache hinzu, dass ihr Vater doch ein mitfühlendes Herz für die Kreatur hatte, wenn sie denn vier Hufe und einen langen Schweif hatte. Seinen Ponys und Arabern schenkte er all die Aufmerksamkeit und Liebe, die seine Söhne entbehren mussten.

Vielleicht mit dem Blick auf künftige Leser schrieb er zwar in seinem Tagebuch, wie sehr er die enge Bindung an die Familie als Humus für seine künstlerische Arbeit benötige, "andererseits droht dieser Humus beständig, sich zu verselbständigen". "Man braucht nur eine Weile nicht auf das unbedingte Gleichgewicht zwischen den materiellen Voraussetzungen und der geistigen Arbeit zu achten und schon überwiegt die materielle Seite und überwuchert einen."

Dennoch scheint Strittmatter auf dem Schulzenhof, wo er ein Leben als Bauer, Pferdezüchter und Schriftsteller führen konnte, alles in allem glücklich gewesen zu sein. Vielleicht in Erinnerung an seine später idyllisierten ersten sechs Lebensjahre, die er bei seinen sorbischen Großeltern auf dem Dorf verbrachte, schwärmte er 30 Jahre später von seiner "warmen Kate mit der kleinen Studier- und Schreibstube".

Man kann diese kleinbürgerliche Sehnsucht verstehen, wenn man sich Strittmatters "gehetztes, nervöses" Leben in den Jahrzehnten vor dem Schulzenhof vor Augen führt. Der überstrenge, oft betrunkene Vater, der Abbruch des Gymnasiums, die vielen Berufe, die er nach seiner Bäckerlehre ausübte. Der so lange unerfüllte Wunsch, ein Schriftsteller zu sein. Schließlich der Krieg, der ihn durch halb Europa trieb. Ein Krieg, in den er, wie er danach in Fragebögen wiederholt angab, als einfacher Wehrmachtsoldat in Schreibstuben überlebt haben will, ohne eine einzige Kugel abzugeben.

Über diese Zeit im Zweiten Weltkrieg sind zum Teil heftige Diskussionen entbrannt. Sie wurden 2008 nach Recherchen des Literaturwissenschaftlers Werner Liersch und des Historikers Bernd-Rainer Barth im Bundesarchiv ausgelöst. Beide, wie nun auch Biografin Annette Leo, entlarven die Schreibstuben-Legende des später so erfolgreichen Schriftstellers. Die Wahrheit: Strittmatter war seit 1941 im Polizei-Gebirgsjägerregiment 18, das 1943 von Himmler den Ehrentitel "SS-Polizeiregiment" erhielt. Er war also nie bei der SS, obwohl er sich dort erfolglos beworben hatte, wohl auch, um seiner Ehe zu entkommen und endlich auch einmal den Vater zu beeindrucken. Er wollte, schreibt Annette Leo, "dazugehören, mitlaufen, mitschwimmen im allgemeinen Strom, in den so viele Deutsche gerieten, die keine überzeugten Nazis waren".

Inwieweit Strittmatter in die Verbrechen seiner Einheit in Slowenien oder Griechenland verstrickt war, wird wohl kaum noch zu klären sein. In seinen Briefen an die Eltern schrieb er jedenfalls ausführlich von niedergebrannten Dörfern, erschossenen Gefangenen und reicher Beute.

Und nun? Wie umgehen mit dem neuen Bild, das man sich von Erwin Strittmatter machen muss, von dem launischen, egoistischen Mann und Vater, von dem Wachtmeister im berüchtigten Polizei-Gebirgsjägerregiment?

Als Erwin Berner, ein anderer Sohn Strittmatters, die Briefe mit den verdrängten Wahrheiten seines Vaters an die Biografin Leo übergab, war er überzeugt: "Sein Werk ist so groß…es wird das aushalten." Und natürlich wird die Zeit über dieses Werk richten. Wie über alle Literatur.


"Was bin ich? Ein paar Pfündchen Sand, die wieder in Sand aufgehen, wird mir gesagt. Und wenn ich was Geistiges hinterlaß, das nicht in Sand aufgeht? frage ich." (E. S.
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