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Flüchtlinge in MV : „Entweder du fliehst oder du stirbst“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sara und ihre Familie fanden in Rostock eine Unterkunft und neue Freunde / In einer Kurzserie begleiten wir Helfer von Flüchtlingen

von
erstellt am 21.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Immer, wenn Sara mit ihrem Vater telefoniert, hört sie Bomben im Hintergrund. Bis vor knapp vier Wochen lebte die 22-Jährige in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Als ihre Universität angegriffen wurde, beschloss sie, ihre Heimat zu verlassen. „Ich vermisse mein Zuhause sehr. Ich bin dort geboren und aufgewachsen“, erzählt Sara. Doch es gebe nur zwei Optionen: „Entweder du fliehst oder du stirbst.“

Die Zustände in ihrer Heimat seien katastrophal. „Niemand weiß mehr, wer eigentlich gegen wen kämpft“, beschreibt Sara die Situation. „Assads Truppen stürmen die Häuser, schauen, ob man jemanden versteckt. Wer etwas gegen die Regierung sagt, dem droht Gefängnis.“ Mittlerweile sei keiner von Saras Freunden mehr in Damaskus. Die meisten seien nach Europa geflüchtet, wo genau weiß sie allerdings nicht.

Sara hat alles zurückgelassen, sogar ihren Vater. Er sei mit seinen 70 Jahren zu alt, um eine Flucht überstehen zu können. Saras 60 Jahre alte Mutter, ihre kleine Schwester und ihr Freund haben sie jedoch begleitet. Der Weg nach Europa sei kräftezerrend gewesen – von der Türkei nach Griechenland über Hamburg nach Rostock. „Wir waren etwa zehn Tage in der Türkei. Wenn man flüchtet, verliert man das Zeitgefühl“, sagt Sara. „Wir sind in Istanbul angekommen und von dort aus nach Izmir, wo wir einem Schleuser 1200 Dollar pro Person gaben, damit er uns nach Griechenland bringt“, erinnert sich Sara. Doch schon der erste Versuch scheiterte: Mitten auf dem offenen Meer explodierte der Motor. „Es waren mehr als 60 Leute an Bord. Alle haben geschrien“, erzählt Sara. „Ich hatte furchtbare Angst. Wir können nicht schwimmen.“

48 Stunden in einem Truck nach Hamburg

Die türkische Polizei kam zur Rettung. „An dem Tag haben wir einen Großteil unseres Besitzes verloren“ – und auch einen Funken Hoffnung, es jemals nach Griechenland zu schaffen. „Es gibt keine Garantie, dass die Schleuser ihr Wort halten. Das, was sie tun und worauf sich die Flüchtlinge einlassen, ist illegal. Wenn sie mit dem Geld abhauen, dann hat niemand das Recht, bei der Polizei Anzeige zu erstatten“, erklärt Sara.

Die Studentin und ihre Familie hatten Glück im Unglück. Die Schleuser haben ihr Wort gehalten. Sie bekamen ein zweites Mal Plätze in einem Flüchtlingsboot. „Das Boot war für etwa 40 Personen zugelassen, 52 sollten mitfahren. Wir sind nicht eingestiegen“, sagt Sara. Das Risiko die Überfahrt nicht zu überleben, sei zu groß gewesen. „Beim dritten Anlauf brachten sie uns zunächst in ein Waldstück. Dort blieben wir zwei Nächte. Die Bedingungen waren sehr schlecht. Aber wir waren dieses Mal wirklich nur 40 Leute“, berichtet die 22-Jährige. Der Transport nach Griechenland glückte. Vor Ort geriet das Quartett an einen Lkw-Fahrer, der sie für insgesamt 4000 Euro mit nach Hamburg nahm. „Wir waren etwa 20 Leute in dem Fahrzeug. Licht drang nur durchs Dachfenster in das Auto.“ 48 Stunden waren sie unterwegs. Dann ging es mit dem Zug nach Rostock. „Wir waren überrascht von der Freundlichkeit. Ursprünglich wollten wir weiter nach Schweden, doch nun möchten wir gerne bleiben“, sagt Sara.

Nachdem sie und ihre Familie zwei Tage lang in einer Kirche Unterschlupf fanden, wurden sie zu Rebekka Schmitt und Chistian Seyfert gebracht. Das Paar beschloss vor einigen Wochen, privat Flüchtlinge aufzunehmen. Dazu sprachen sie mit den Verantwortlichen der „Rostock hilft“-Gemeinschaft, hinterließen eine Telefonnummer. „Niemand soll draußen schlafen. Ich kenne Couchsurfen, mein Mann ist in Elternzeit, die Notunterkünfte sind überlaufen, also warum nicht?“, erklärt Schmitt ihre Motivation. Bis der erste Anruf kam, hätte es eine ganze Weile gedauert. „Zunächst kam eine sehr traditionelle, vierköpfige Familie mit einer hochschwangeren Frau. Sie war fünf Tage überfällig. Die Familie sprach nur arabisch. Die Kommunikation funktionierte nicht. Sie blieben nur eine Nacht“, erzählt Schmitt. „Die vier, die jetzt bei uns leben, sind ganz anders. Sie sind so wie wir. Sie sind offen und möchten Teil der Gesellschaft werden“, ergänzt sie. Schmitt und Seyfert ziehen in den nächsten Wochen um. „Wir möchten gerne, dass sie bei uns bleiben, bis der Asylantrag durch ist. Uns ist bewusst, dass das einige Monate dauern kann“, so das Paar.

Sara findet es beschämend, ein „Refugee“ zu sein. Sie findet es beschämend, die Hilfe Fremder annehmen zu müssen oder in der Kleiderkammer nach Pullovern für den Winter zu suchen. Sie möchte sich integrieren, so schnell wie möglich deutsch lernen, ihr Biochemie-Studium wieder aufnehmen. „Unsere neuen Mitbewohner lernen jeden Tag Vokabeln und bringen sich ein in unseren Familienalltag“, freut sich Seyfert. „Wir versuchen Strukturen zu schaffen, sie davon abzulenken, was gerade bei ihnen zu Hause geschieht.“

Obwohl es ein großer Schritt gewesen sei, Fremde aufzunehmen, haben Schmitt und Seyfert ihre Entscheidung nicht bereut. „Das Vertrauen hat sich schnell aufgebaut. Wir sind froh, helfen zu können.“

Informationen rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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