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Leipziger Buchmesse startet : Entspannter Umgang mit dem Netz

vom
Aus der Onlineredaktion

Autoren aus MV auf der Buchmesse in Leipzig: Mediensuchtexperte Detlef Scholz stellt seinen Familienratgeber vor. Seit 2015 mehr Handyverträge als Einwohner

svz.de von
erstellt am 23.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Mütter, die auf dem Spielplatz mehr das Display ihres Smartphons als ihr Kind in der Sandkiste im Auge haben. Familien, die die Mahlzeiten nicht mehr mit-, sondern nebeneinander vor dem Fernseher einnehmen. Jugendliche, die selbst auf einer Familienfeier das Handy vor sich auf dem Tisch haben, um nur nichts „Wichtiges“ auf Facebook zu verpassen. Willkommen in der schönen neuen Welt des Medienzeitalters.

Detlef Scholz kennt diese Welt so gut wie kaum ein anderer. Seit acht Jahren leitet der promovierte Pädagoge und Erziehungswissenschaftler in Schwerin die Beratungsstelle für exzessive Mediennutzung und Medienabhängigkeit der Evangelischen Suchtkrankenhilfe – die einzige ihrer Art in Mecklenburg-Vorpommern. Erwachsene, die süchtig nach Spielen oder Wetten am Computer sind, kommen zu ihm, Frauen, die dahintergekommen sind, dass ihre Männer sich immer wieder Pornos im Netz anschauen, oder Eltern, die sich ganz allgemein Sorgen um den Medienkonsum ihrer Töchter und Söhne machen.

Erfahrungen aus seiner Beratungstätigkeit, aus der Hirn-, Lern-, Medien- und Familienforschung nicht zuletzt auch aus seinem ganz persönlichen Umfeld hat Detlef Scholz in dem Sachbuch „#Familie - Entspannter Umgang mit digitalen Medien“ zusammengefasst. Heute um 12.30 Uhr stellt er es im Gesundheitsforum auf der Leipziger Buchmesse vor.

Es ist nicht die erste Buchmesse für Detlef Scholz – „wir fahren schon seit Jahren nach Leipzig, einfach um neue Eindrücke zu sammeln“ – und auch nicht sein erstes Sachbuch. Bereits 2004 hat der Schweriner ebenfalls im Carl-Auer Verlag „Systemische Interventionen bei Internet-abhängigkeit“ herausgebracht, ein tatsächlich für Fachpublikum bestimmtes Buch. Das neue dagegen wendet sich an ein breites Publikum, wie Scholz betont, und soll Eltern wie Kinder bei der Selbstreflexion unterstützen.

2.493 Aussteller aus 43 Ländern

Zur Leipziger Buchmesse , die heute beginnt und die bis zum Sonntag dauert, kommen mehr Aussteller als im Vorjahr. Nach Messeangaben präsentieren 2.493 Teilnehmer (Vorjahr: 2.250) aus 43 Ländern ihre Neuheiten aus der Buch- und Verlagsbranche.

Das Schwerpunktland ist in diesem Jahr Litauen. Neben der Vorstellung von 26 neuen Büchern plant das kleine Land mehr als 50 Veranstaltungen in seinem Rahmenprogramm zur Buchmesse.

Die Veranstalter rechnen wie im Vorjahr mit rund 260.000 Besuchern auf der Messe und dem dazugehörigen Lesefestival „Leipzig liest“.

Die Leipziger Buchmesse ist nach Frankfurt die zweitgrößte deutsche Buchmesse. Sie gilt als Stimmungsbarometer der Branche im Frühling.

Doch einen entspannten Umgang mit digitalen Medien – gibt es den überhaupt? Detlef Scholz mag diese Frage weder mit Ja noch mit Nein beantworten. Es sei allgemein zu beobachten, dass durch die ständige Verfügbarkeit digitaler Medien die wichtigen Phasen von Entspannung und Muße seltener werden, meint er. „Man fühlt sich getrieben. Manche verkraften das ganz gut. Die Zunahme von psychischen Störungen lässt vermuten: Immer mehr Menschen verkraften das weniger.“

Wie mit digitalen Medien umgegangen wird, entscheide sich in der Kindheit. Doch 50 Prozent der Eltern von Kindern im Alter zwischen 6 und 13 Jahren haben einer aktuellen Studie zufolge keine Ahnung, was und wie viel ihre Kinder im Internet machen, so Scholz. Es gebe Eltern, die schon Sechsjährigen, einen PC mit ungeschütztem Internetzugang ins Kinderzimmer stellten. Unverantwortlich sei das, meint der Medienpädagoge. Kinder und Jugendliche sind nach seiner Erfahrung oft überfordert, wenn man ihnen komplett die Verantwortung für ihren Medienkonsum überlässt. Allerdings könnten auch Kontrollen und Verbote daran nichts Grundsätzliches ändern. „Wie soll zum Beispiel eine 13-Jährige verstehen, dass ihre Eltern plötzlich von ihr verlangen, nur noch zwei Sunden am Tag im Internet unterwegs zu sein, wenn sie doch vorher Jahre lang ohne Beschränkung surfen durfte?“, nennt Scholz ein Beispiel. Wichtig sei es, frühzeitig Regeln aufzustellen – und das gemeinsam. „Wie Kinder Medien nutzen, wird in der Tendenz durch das Medienverhalten der Eltern bestimmt“, betont der Medienpädagoge und Autor. Diese Wechselwirkung geht sogar über die Mediennutzung hinaus: Die Mutter, die ständig ins Telefon, aber nicht mit ihrem Kind spricht, verhindert, dass ihr Nachwuchs eine Bindung zu ihr aufbaut – und befördert damit, dass Sohn oder Tochter auch später Probleme damit haben könnten, Bindungen einzugehen.

Ganz wichtig sie es, dass Eltern ihre Kinder verstehen – und nicht das Internet, betont Detlef Scholz. Er selbst habe sich zum Beispiel vor Jahren neben seinen Sohn gesetzt, trotz seiner Abneigung gegen dessen „Ballerspiele“. „Ich habe ihn beobachtet, habe gesehen, was ihn aufleben lässt – und darüber haben wir es geschafft, wieder ins Gespräch zu kommen“, erinnert sich der 49-Jährige.

Mediennutzung könne und wolle er nicht verteufeln, betont Detlef Scholz. Sie biete viele Chancen, „aber wir müssen auch darauf achten, dass es uns weiter gut geht, dass wir nicht dem Aufmerksamkeitsraub erliegen.“

Dass es seit 2015 mehr Handyverträge in Deutschland gibt als Einwohner, müsse aufmerken lassen. Dennoch soll jedes Kind durchaus sein Handy bekommen – „wenn es gelernt hat zu schwimmen, Fahrrad zu fahren, wenn es zusammen mit seinen Eltern auf einem Berg gestanden hat, wenn es also eine gewisse Lebenserfahrung in der realen Welt gesammelt hat – dann sollte es auch seine Erfahrungen in der digitalen Welt machen dürfen“, meint Detlef Scholz.

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Detlef Scholz, „#Familie - Entspannter Umgang mit digitalen Medien“, Carl-Auer Verlag,  ISBN 978-3-8497-0145-1, 176 Seiten mit zahlreichen Experimenten und  Übungen, 17,95 Euro

 

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