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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 19:48 Uhr

Entspannte Kühe und gut gelaunte Schweine

vom

svz.de von
erstellt am 01.Jul.2013 | 12:10 Uhr

Rostock/ WittenburG | Genüsslich schließt die Schwarzbunte ihre Augen. Sie genießt sichtlich die Nackenmassage von der sich automatisch drehenden Schubberbürste über ihr. Aber die Bürste, die mit ihren gelben Kunststoffborsten ein wenig an eine Waschanlage erinnert, dient nicht nur ihrem Komfort. "So können sich Kühe ihr Fell pflegen und es von Parasiten befreien lassen", weiß Walter Peters. Er hat einen großen Milchkuh- und Rinderzucht-Betrieb in Körchow bei Wittenburg aufgebaut.

Mittlerweile hat Peters die Leitung an Sohn Marco weiter gegeben. Das Thema Kuhkomfort ist bei ihnen jedoch nach wie vor wichtig. "Grundsätzlich gilt, dass jeder Halter für seine Tiere Verantwortung zeigen muss. Sie sollten bestrebt sein, ihre Kühe art- und umweltgerecht zu halten", erklärt Peters. Dazu gehöre vor allem, dass Tiere im Stall genügend Platz hätten, auf Sauberkeit und Komfort der Tiere geachtet werden würde.

Tierkomfort ist auch Thema im Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf. "Wir haben Untersuchungen zur dauerhaften Stimmungslage von Schweinen durchgeführt", erklärt Prof. Dr. Gerhard Manteuffel. Er ist Leiter des Instituts für Verhaltensphysiologie im FBN. Ziel seines Forschungsbereiches: Negative Zustände bei Nutztieren zu vermindern. "Mit wissenschaftlicher Forschung wollen wir herausfinden, wie es Zuchttieren besser gehen kann", erläutert Manteuffel.

In Körchow wird indes schon eine Menge dafür getan, dass es den Milchkühen gut geht. "Kühe brauchen Bewegung, deshalb haben wir einen modernen Laufstall ohne Sackgasse", erklärt Walter Peters. Das sei bei den meisten Betrieben mittlerweile üblich. Aber nicht nur für genügend Auslauf ist hier gesorgt. Um entspannen zu können, würde für jede Schwarzbunte eine eigene Liegebox zur Verfügung stehen. "Wir wollen eine Überbelegung in jedem Fall vermeiden", so Peters. Denn das bedeute vor allem Stress für die Tiere. Und der wirkt sich negativ auf die Leistung der Tiere aus: "Eine Kuh kann nur Milch geben, wenn sie entspannt ist", fügt Peters hinzu.

Dass sich Stress bei Tieren negativ auswirken kann, ist auch in Dummerstorf bekannt. So beschäftigt sich zum Beispiel eine Studie des Instituts mit dem Wohlbefinden von Nutztieren. Und kam dabei zu einem interessanten Ergebnis: Es gibt Schweine, die von Natur aus ein sonniges Gemüt haben. Andere wiederum sind richtige Schwarzseher. Denn genau wie bei uns Menschen kann man bei Schweinen auch Optimisten und Pessimisten unterscheiden. Die Forschergruppe um Dr. Sandra Düpjan hatte das durch ein Experiment herausgefunden. Hierzu wurde eine Schweinegruppe daran gewöhnt, dass ihr Futtertrog stets an der gleichen Stelle steht. "In der linken Ecke des Raumes haben die Tiere immer ihr Futter gefunden. Auf der rechten Seite stand ebenfalls ein Trog, der aber immer leer war", erläutert Gerhard Manteuffel vom FBN zum Untersuchungsdesign. Nach einiger Zeit rückten die Forscher den Futtertrog auf die rechte Seite.

Das Ergebnis: Einige der Tiere untersuchten das Gefäß neugierig. Andere Tiere waren hingegen nicht daran interessiert. "Einige machten sich noch nicht einmal die Mühe, den Futtertrog zu beschnüffeln", so Gerhard Manteuffel. Frei nach dem Motto: Da kann eh nichts zum Fressen drin sein. Denn der Trog steht ja an der falschen Stelle.

Aus dem unterschiedlichen Verhalten der Tiere schließen die Forscher, dass es sowohl pessimistisch als auch optimistisch geprägte Schweine gibt. Laut der Dummerstorfer Wissenschaftler sind diese individuellen Eigenschaften von Schweinen auf zwei Faktoren zurückzuführen. "Das wird einerseits durch die Gene, anderseits durch das Umfeld bestimmt", erläutert Gerhard Manteuffel. Ihre Einstellung, ob eher positiv oder negativ, sei den Tieren also zum Teil angeboren. Aber nicht nur das: "Wie ein Tier aufgewachsen ist und wie es gehalten wird, spielt auch eine Rolle. Unter schlechten Haltungsbedingungen werden Tiere depressiv oder pessimistisch", führt Manteuffel weiter aus.

Aus diesen Ergebnissen ergeben sich für die Nutztierhaltung von Schweinen und anderen Tieren positive Effekte: "Unterstützt man die Zucht von positiv eingestellten Individuen, dann kann Leiden vermindert werden", so Gerhard Manteuffel. Denn die Wissenschaftler vermuten, dass diese Tiere stressresistenter sind. Und damit weniger Probleme bei der Haltung haben. "Es geht uns aber nicht darum, die Schweine zu verändern", merkt Manteuffel an. Sondern darum, die Haltungsbedingungen für Nutztiere zu verbessern. Diesbezüglich arbeitet das Dummerstorfer Institut eng mit einem Stallausrüster zusammen. "Wir entwickeln verschiedene Ausrüstung, die das Leben für die Tiere in der Zucht angenehmer machen.

Ein Beispiel dafür sei die Aufruf-Fütterung. Mit dieser speziellen Futteranlage soll Langeweile bei Zuchtschweinen vermindert werden. Denn statt zu einer gewohnten Zeit gefüttert zu werden, ruft die Anlage jedes Tier einzeln mit einem speziellen Ton auf. Diesen muss sich jedes Schwein merken. Das gebe einen speziellen Anreiz für die Tiere, wecke sie aus ihrer Lethargie.

Auch wenn die Forscher aus Dummerstorf über das nötige Know-How verfügen, ist sich Gerhard Manteuffel nicht sicher, ob es auch in der Praxis eingesetzt wird. Sie arbeiten zwar mit dem Stallausrüster bereits an Prototypen - diese seien aber noch sehr teuer. Und Manteuffel glaubt nicht, dass Landwirte dafür so viel investieren werden.

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