Entführung oder polnische Willkür?

Heinz Arendt, Kapitän der 'Adler Dania', eines sogenannten deutschen Butterschiffes, steht vor der Seebrücke in Heringsdorf auf der Insel Usedom. Foto: dpa
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Heinz Arendt, Kapitän der "Adler Dania", eines sogenannten deutschen Butterschiffes, steht vor der Seebrücke in Heringsdorf auf der Insel Usedom. Foto: dpa

Rund anderthalb Jahre nach einem Grenzzwischenfall in deutsch-polnischen Ostseegewässern muss sich der Kapitän des Ausflugsschiffes „Adler Dania“ vor Gericht verantworten. Ihm wird Nötigung und Freiheitsberaubung polnischer Zöllner vorgeworfen.

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05. März 2008, 08:04 Uhr

Wolgast - Die letzte Fahrt des Ausflugsschiffes „Adler Dania“ am 17. Oktober 2006 wird der Kapitän nicht vergessen: Am Nachmittag des Herbsttages nimmt der damals 63-Jährige vom Usedomer Seebad Heringsdorf aus Kurs auf das polnische Swinemünde.

An Bord des mit Bordshop und Bar ausgestatteten Schiffes befinden sich 45 Passagiere, darunter auch drei zivil gekleidete polnische Zöllner. Die Beamten, die sich zunächst nicht zu erkennen gaben, wollen die Einhaltung polnischer Steuergesetze auf ihren Hoheitsgewässern überprüfen. Doch was sich wenig später genau an Bord ereignete, blieb auch gestern nach dem ersten Prozesstag gegen den deutschen Kapitän im Dunkeln.

Der Angeklagte, mittlerweile in Rente, muss sich wegen Nötigung und Freiheitsberaubung der drei Polen vor dem Amtsgericht Wolgast verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Schiffsführer vor, die polnischen Beamten entgegen ihrem Willen festgehalten, nach Deutschland gebracht und damit ihrer Freiheit beraubt zu haben.

Identität der Zöllner bezweifelt
Fest steht, dass der Kapitän an jenem Nachmittag in Rücksprache mit dem Betriebsleiter und Chef der Adler-Reederei rund 200 Meter vor dem polnischen Hafen abdrehte und mit voller Kraft nach Deutschland zurückkehrte, nachdem sich die polnischen Zöllner zu erkennen gegeben und eine Kontrolle der Waren an Bord gefordert hatten. Er habe Zweifel an der Identität der zivil gekleideten polnischen Zöllner gehabt. Zudem seien die Besatzung und Ladung des Schiffes gefährdet gewesen, gab der Kapitän als Begründung an.

Fest steht nach übereinstimmenden Aussagen des Kapitäns und der als Zeugen vernommenen Zöllner auch, dass ein polnisches Grenzschutzboot versuchte, die „Adler Dania“ an der Rückkehr nach Deutschland zu hindern. Unklar ist aber weiterhin, ob dann von dem polnischen Grenzschutzboot aus Warnschüsse mit scharfer oder mit Leuchtmunition abgegeben wurden, um die „Adler Dania“ zu stoppen. Vor allem dieser Vorwurf des Kapitäns hatte im Herbst 2006 zu Reaktionen auf politischer Ebene geführt.

Die Aussagen des Angeklagten und der drei Polen vor Gericht widersprachen sich. „Vom Knall her waren es scharfe Schüsse“, erneuerte der Kapitän vor Gericht seine Vorwürfe. Signalmunition wäre klar erkennbar gewesen, ist der erfahrene Seebär überzeugt. „Es waren zwei oder drei Leuchtschüsse“, sagte hingegen einer der drei Zollbeamten. An die Farbe kann er sich jedoch nicht mehr erinnern.

Nächster Prozesstag morgen
Wie der Zollbeamte mit Hilfe eines Dolmetschers erklärte, wollten und seine Kollegen bei der geplanten Kontrolle die Einhaltung der polnischen Steuergesetze überprüfen. Diese besagen, dass auf polnischem Hoheitsgewässern kein Alkohol und keine Zigaretten ohne polnische Steuerbanderolen verkauft werden dürfen. Als die Zöllner ihren Aussagen zufolge bemerkten, dass auch vor der polnischen Küste die Bordshops weiterhin geöffnet waren, gaben sie sich zu erkennen. Daraufhin habe der Kapitän eine Kontrolle untersagt und sei mit dem Schiff abgedreht. Erst an der Seebrücke Heringsdorf betraten die drei Polen wieder Festland, wo sie nach einer Vernehmung von der Bundespolizei entlassen wurden.
Der Prozess soll morgen fortgesetzt werden.

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