Entführt, eingesperrt und gequält

<strong>In diesem Haus</strong> hielt Mario B. Rebecca gefangen.<foto>dpa</foto>
In diesem Haus hielt Mario B. Rebecca gefangen.dpa

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24. März 2013, 06:48 Uhr

Rostock | Sonntag, 14. Oktober 2012. Von seinem Fenster aus beobachtet Mario B. die Polizisten, die auf der Freifläche gegenüber und in den angrenzenden Industriebauten nach Rebecca suchen. Sie werden sie nicht finden, denkt er. Keiner wird sie finden. Sie ist schon seit dem frühen Morgen des Vortages in seiner Gewalt. Er hat die Macht.

Zwei Tage später verlässt er für wenige Stunden die kleine Zweizimmerwohnung in dem Mehrfamilienhaus in Rostock am Dierkower Damm. Rebecca lässt er gefesselt zurück. Er fährt in die Innenstadt, um Blut zu spenden. Er braucht Geld. Auf seinem Smartphone verfolgt der 28-Jährige wieder und wieder die Nachrichten. Plötzlich eine Eilmeldung - Rebecca ist frei.

Für die 17-Jährige geht endlich ein vier Tage dauerndes Martyrium zu Ende. Sie konnte sich selbst von den Fesseln befreien und gegen 14 Uhr aus dem Fenster im ersten Stock in die neu gewonnene Freiheit springen. Ein Autofahrer hielt an und half ihr.

Mario B. irrt seit der Nachricht in der Rostocker Innenstadt umher. Über sein Handy kann er geortet werden. Um 17.30 Uhr nimmt die Polizei den mehrfach vorbestraften Triebtäter fest. Er hat einen Schlagring dabei, leistet aber keinen Widerstand.

Heute, fünf Monate später, beginnt vor dem Landgericht Rostock gegen Mario B. der Prozess. Ihm wird von der Staatsanwaltschaft Vergewaltigung, gefährliche Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung vorgeworfen. Mit bis zu 15 Jahre Freiheitsentzug könnte er für diese brutale Tat bestraft werden. Ob er anschließend in Freiheit leben wird, ist fraglich. "Er ist ein Kandidat für die Sicherungsverwahrung", meint der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

Von seinen 28 Lebensjahren hatte Mario B. zehn Jahre hinter Gittern verbracht. Erst ein Jahr vor der Tat war der Rostocker aus dem Gefängnis entlassen worden und stand zum Tatzeitpunkt noch unter Führungsaufsicht.

Schon 1999 war er unter anderem wegen eines Sexualdelikts zu einer Jugendstrafe und zwei Jahren Haft verurteilt worden. Damals war er gerade einmal 14 Jahre alt. Später folgte Straftat auf Straftat - Raub, räuberische Erpressung Vergewaltigung und Körperverletzung.

Obwohl er seit Jahren in der Sexualstraftäterdatei der Polizei registriert war, geriet er bei der Suche nach Rebecca nicht sofort ins Visier der Fahnder, was den Ermittlern Kritik einbrachte.

Die Tat hatte nicht nur Rostock erschüttert. Bundesweit machte der Fall Schlagzeilen. Rebecca war am frühen Morgen des 13. Oktober gegen zwei Uhr aus dem Club "Bacio" im Rostocker Stadthafen gekommen und wollte zu Fuß zu einem Freund im nahen Stadtteil Dierkow. Der Petridamm war menschenleer. Auf dem Fahrrad näherte sich Mario B., der ursprünglich Zigaretten holen wollte.

Der Angetrunkene war am Abend zuvor mit zwei Kumpels in der Kneipe, hatte eine junge Frau belästigt und deshalb Ärger bekommen. Aus einer Gefühlsmischung aus Suff und Frust heraus fiel der vorbestrafte Triebtäter über das Mädchen her. Er bedrohte und verletzte Rebecca mit einem Messer, vergewaltigte sie in einem Gebüsch und verschleppte sie in seine Wohnung.

Eine der größten Suchaktionen, die Rostock in den letzten Jahren erlebt hat, begann. Die Polizei fahndete mit Bereitschaftspolizei, Suchhunden und Hubschraubern. Freunde verteilten in der Stadt Flugblätter und suchten sogar nachts mit Taschenlampen in Industriebrachen nach dem Mädchen. Die verzweifelte Schwester schrieb in einem offenen Brief an Rebecca: "Meine geliebte Schwester, wo bist du nur. Wir vermissen dich alle so. Deine Familie und Freunde stehen alle hinter dir. Wir werden dich finden... Du kannst dich auf uns verlassen. Du bist nicht allein. Ich liebe dich!"

Vom 13. bis zum 16. Oktober war das Mädchen seinem Peiniger ausgeliefert. Details ihrer Qualen wurden zum Schutz von Rebeccas Persöhnlichkeit bislang nicht bekannt, und auch in der Gerichtsverhandlung wird die Öffentlichkeit bei der Zeugenvernehmung des Opfers vermutlich ausgeschlossen. "Die Schäden, die sie durch diese fürchterliche Tat erlitten hat, können wir uns alle wahrscheinlich nur begrenzt vorstellen", sagte damals Polizeipräsident Thomas Laum. Er sprach von Erleichterung, die er verspüre, weil das Mädchen lebend aus ihrem Martyrium entkommen konnte. "Allerdings fällt es mir schwer, von einem guten Ende zu sprechen."

Hintergrund: Entführungsfälle in Deutschland

September 2011: Ein Taxifahrer kidnappt eine 32-jährige Kundin auf der Hamburger Reeperbahn und hält sie stundenlang im Kofferraum gefangen. Die Frau kann sich nach sechs Stunden befreien. Stunden zuvor hatte der Mann bereits versucht, eine andere Frau in seine Gewalt zu bringen. Er wird zu drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.

August 2011: Ein Mann zwingt eine Studentin mit Waffengewalt in seine Hamburger Wohnung. Mit Stacheldraht vor den Fenstern hat er sich auf die Geiselnahme vorbereitet. Die 26-Jährige entkommt nach einigen Stunden durch einen Sprung aus dem Fenster. Der Täter kommt in die Psychiatrie.

Mai 2009: Eine 16-Jährige wird in Solingen auf dem Schulweg entführt. Der Täter vergewaltigt das schwangere Mädchen mehrfach in seiner Wohnung, die nur 300 Meter vom Elternhaus entfernt liegt. Nach drei Tagen kann sein Opfer fliehen. Der Mann erhält zwölfeinhalb Jahre Haft. Das stark traumatisierte Mädchen, das lange Zeit psychologisch betreut werden musste, erstreitet im Februar 2013 vor dem Landgericht Wuppertal ein Rekord-Schmerzensgeld von 100 000 Euro.

Januar 2006: Die 13-jährige Stephanie wird in Dresden auf dem Weg zur Schule in ein Auto gezerrt. Der Täter vergewaltigt und quält das Mädchen, das erst nach fünf Wochen aus der Wohnung des Entführers befreit werden kann. Im Prozess erhält er 15 Jahre Haft und anschließende Sicherungsverwahrung.

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