Festspiele MV : Entdeckung der Welt mit Musik

Vilde Frang möchte mit ihrer Geige das können, was Sängerin Cecilia Bartoli mit ihrer Stimme machen kann.
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Vilde Frang möchte mit ihrer Geige das können, was Sängerin Cecilia Bartoli mit ihrer Stimme machen kann.

Eröffnungskonzert der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern in St. Georgen zu Wismar

svz.de von
20. Juni 2016, 12:00 Uhr

Ein Typhon scheint vom Hafen her zu brummen, dunkler Glockenschlag ruft, heller antwortet, wird verfremdet, es rauscht wie Brandung und gleichsam eine Windfanfare steigt auf. Trompeten, Posaunen, Hörner blasen „Wismar Soundscapes“, eine Klanglandschaft, ins Gewölbe der Basilika St. Georgen. Ein Auftragswerk für diesen Anlass.

Eindringlich tönende Impressionen der australischen Komponistin Catherine Milliken von der Hansestadt. Sich auch im Raum bewegend, eröffnen Blechbläser der „jungen norddeutschen philharmonie“ mit der imposanten Ouvertüre die neue Saison der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Die Nähe von Musikern und Publikum, die Ministerpräsident Erwin Sellering als Eigenheit des Festivals betont, ist hier sofort zu spüren.

Hinzu kommt: Das monumentale Bauwerk der Backstein-Gotik verbindet Geschichte und Gegenwart: Als Sakralbau ein Opfer des Kriegs und seiner Folgen, ist sie unter materiellen Opfern wiedererstanden. Ein Ort der Mahnung, traditionelle Werte zu bewahren. Wenn im Gotteshaus die Göttin Musik waltet, die wandelbare, dann wird, wie Intendant Dr. Markus Fein hervorhebt, mit Musik die Welt gegenwärtig entdeckt, wollen die Festspiele am Puls der Zeit spielen.

Die Pulsfrequenz geht gesund hoch, als Vilde Frang, die Preisträgerin in Residence, zusammen mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Leitung des finnischen Dirigenten Sakari Oramo das Violinkonzert von Benjamin Britten spielt. Es gilt als äußerst kompliziert, der berühmte Geiger Jascha Heifetz hat es unspielbar genannt. Bei der jungen norwegischen Solistin muss man daran keinen Augenblick denken. In Dramatik wie Lyrik von Brittens effektreicher Klangwelt eilt, tanzt, verweilt sie virtuos. Mit spitzer Energie, singenden Bögen, schwebender Stimmung, mit seidiger pianissimo-Schattierung, als widersprechende Dialogpartnerin oder unisono mit dem Orchester, mit frappierender Saiten-Hexerei in der Kadenz. Und am Ende der Passacaglia entlassen hingetupfte Triller dieses Werk der Auseinandersetzung mit Kriegswahnsinn ins Nichts.

Vilde Frang, längst gefragte Partnerin internationaler Spitzenorchester, hat gesagt, sie möchte mit ihrer Geige können, was die italienische Sängerin Cecilia Bartoli mit ihrer Stimme machen kann. Also bravourös sein. Was Frang möchte, das kann sie.
Mit der Sinfonie Nr.1 von Edward Elgar animiert dann Sakari Oramo die musikalische Topqualität des Orchesters. Elgar, bei uns weithin nur bekannt von den Londoner Proms mit „Pomp and Circumstance“, hat mit diesem Werk abstrakter Musik ausgeprägten Formsinn ausgestellt. Es ist mit Verve orchestriert, der legendäre Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch hat es „Brahms Fünfte“ genannt. Und Oramo, wohltuend ohne spektakuläre Allüre, dafür mit exakter Disposition für harmonische Wendungen, für abrupte Tempowechsel und spannende Dynamik, führt das Orchester zu emotionsgeladenem Musizieren. Mit wirbelnden Streichern, vitalen Holzbläsern und vor allem stringentem Blech. Ein musikantisches Feuerwerk im Scherzo, Schwelgen im Adagio, Klangwucht im Finale, die mit dem rohen gotischen Raum harmoniert. Reine Musik und doch nahe unserer Zeit aus den Fugen; seit Shakespeare „Time out of joint“.

Das Konzert ist ein Geschenk des NDR. Ein Zeichen für die Wertschätzung der Festspiele. Der Intendant behauptet anfangs, das Leben sei deutlich schöner mit ihnen. Sogar während europäischer Fußballspiele. Am Ende darf der starke Beifall der Festspielgemeinde wohl als Zustimmung gelten.













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