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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 05:13 Uhr

Engel der Platte

vom

svz.de von
erstellt am 19.Apr.2012 | 09:01 Uhr

Hagenow | Der Untergrund erinnert eher an einen Bolzplatz denn an gesundes Grün, die steinerne Sitzgruppe hat sich vor Urzeiten in ein Eldorado für Moos verwandelt, Abfall besprenkelt den Boden. Wenige Schritte weiter steht ein SB-Frischemarkt, er sieht aus, als hätte er den Übergang aus der Vor-Wende-Zeit in den Westen schadlos geschafft. Grau und unscheinbar, wenig einladend. "Isch tu gut", steht da mit roter Schrift auf einer Scheibe. Willkommen in Hagenow. Genauer: Im Stadtteil mit dem klingenden Namen "Kietz".

Gerade stehen die Kietz-Bewohner beisammen: Ein junges Ehepaar, zwei ältere Männer, der eine trägt Wollmütze und Tarnjacke, sein Kompagnon hat einen Händedruck wie ein Seefahrer. Glasige Blicke, aus der Tasche lugt der Hals einer Bierflasche hervor. Es ist kurz nach elf Uhr - Zeit für den morgendlichen Nachbarschaftstreff. Regelmäßig kommen sie hier zusammen, vis a vis der Platte, die ihnen allen ein Heim bietet. Kein Bäcker, kein Cafe, kein Freizeittreff. Ihr Stammtisch ist die windstille Ecke vor dem SB-Markt.

Präsident Obama als Vorbild

Ein roter Transporter fährt auf dem Parkplatz vor, VOLX-Mobil steht mit riesigen Buchstaben darauf. Ein Mann mit raspelkurzem Haar und Brille springt heraus und geht auf die Gruppe zu: Thomas Ruppenthal von der Evangelischen Jugend Schwerin beginnt seinen "Hagenow"-Tag, wie er es nennt. "Morgen", grüßt er und gesellt sich zu der Runde. "Wie gehts?", fragt er, hört eine Weile den Geschichten aus der Platte zu. "Wir müssen uns demnächst treffen", sagt er schließlich, "und schauen was geht".

Schauen was geht, das ist Ruppenthals Job. Mit seinen kurz geschorenen Haaren, der Kapuzenjacke und dem Daunenblouson sieht der 59-Jährige aus wie ein Jugendlicher. Der Look ist gewollt. Ruppenthal ist Streetworker. Stadtteile wie der Kietz in Hagenow, Wohnblöcke in Wittenburg oder Neustadt-Glewe sind sein Revier. Genauer: Die öden Plattenbauten, einst zu DDR-Zeiten waren es beliebte Wohnviertel, neu, modern - architektonische Gleichheit für alle. Heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, sind es zum Teil prekäre Lebenswelten, die lediglich in den Armutsberichten der verschiedenen Sozialhilfeorganisationen vorkommen. Selten einmal, dass sich ein Außenstehender hierhin verirrt.

Ruppenthal versucht, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ihre Bedürfnisse zu erkunden. "Wir wollen sie stärken und motivieren, damit sie lernen, wieder für ihre eigenen Belange einzutreten." Ein Ansatz, der aus Amerika kommt: Community Organizing heißt das Zauberwort. Ganze Stadtteile wurden auf diese Weise neu belebt, Präsident Obama arbeitete einst in diesem Feld und half mit, Armenviertel aus der Abwärtsspirale von Verelendung und Verzweiflung herauszuholen.

Auch Ruppenthal will zusammen mit den Bewohnern der Platte Ideen entwickeln, Denkanstöße geben. Was braucht ihr, um euer Leben wieder lebenswert zu machen? Ein Treffpunkt ist im Gespräch, zum Kartenspielen, zum Aufwärmen, weg von der Straße, so lautet das Motto. Es geht um Menschen wie Jürgen. Krumm steht er vor dem SB-Markt, ein Krückstock in der Hand. Ehemaliger Alki, jetzt ist er clean. Demnächst muss er ins Krankenhaus, die Prostata. Früher, sagt Jürgen von der Molkerei, "gab es hier wenigstens Kultur". Musikveranstaltungen, Konzerte. Tanz. Früher - damit meint Jürgen die DDR.

Und heute? Heute hat der Hagenower Kietz für seine Bewohner nichts zu bieten. Die Menschen fühlen sich abgehängt, gefangen in der Trostlosigkeit der Umgebung, die immer mehr zum Spiegelbild wird für ihre eigene Ausweglosigkeit. Viele von ihnen greifen regelmäßig zur Flasche. Auch andere Drogen sind im Umlauf, solche, die man zu Hause anrühren kann. Sie sind schnell, billig. Und lebensbedrohlich.

Langsam geht Ruppenthal durchs Viertel, Straße des Friedens, Straße der Jugend, Sportstraße - Verbindungslinien, die ins Nichts führen. Vorbei an grauen Wohnkästen, vier Stockwerke hoch, an den Fassaden sprießen grüne Flecken. Maler, so scheint es, sind den Verwaltern dieser Wohnanlagen kein Begriff. Kaum Bäume, von Blumen ohnehin keine Spur. Einen neuen Spielplatz, immerhin, hat die Stadt Hagenow mit Fördermitteln errichten lassen. "Das ist es denn auch", brummt Ruppenthal. Er will sich nicht abfinden damit, dass ein so reiches Land sich aus einigen Gegenden immer weiter zurückzieht. Der gebürtige Freiburger kennt die Verhältnisse vor Ort seit langem. Mehrere Jahre leitete er die Evangelische Jugend Schwerin, dann hängte er den Bürojob an den Nagel, wollte wieder an die Front.

Raus aus dem Fokus der Stadtoberen

"Vergessene Stadtteile" nennt Ruppenthal die Gebiete, in denen er unterwegs ist, abgeschlossene Einheiten, in Beton gegossene Verwahranstalten, die an den Rändern der politischen und gesellschaftlichen Wahrnehmungsschwelle dahin vegitieren. Kaum ein Politiker verirrt sich hierher, nicht einmal zu Wahlkampfzeiten. Bis auf jene, die hier ihre Chance wittern: die Rattenfänger der NPD. Erfolgreich hat die rechtsextreme Truppe es in den vergangenen Jahren geschafft, sich als "Kümmerer-Partei" zu etablieren. Mit Hartz-IV-Beratungsbüros und Kinderfesten haben sich die braunen Gesellen ins Bewusstsein der Menschen katapultiert. Zum zweiten Mal zog die NPD im vergangenen Herbst in den Schweriner Landtag ein. Nicht zuletzt ein Erfolg ihrer Bürgerarbeit.

Die offizielle Politik, glaubt Ruppenthal, hat das Interesse an den Menschen dagegen verloren. Man sehe doch, sagt er und zeigt auf die umstehenden Gebäude, "welch geringen Stellenwert der Bürger hier hat. Wer nichts mehr zum Bruttosozialprodukt beiträgt, muss damit rechnen, keine Rolle mehr zu spielen." Kein Beitrag zur Allgemeinheit, keine Infrastruktur. So einfach sei das.

Im Hagenower Kietz leben rund 2500 Einwohner auf engstem Raum. Es sind Menschen, die keine Wahl haben, die die Billigstmieten gerade noch bezahlen können - Arbeitslose, Hartz-IV-ler, 1-Euro-Jobber, Spät-Aussiedler. Eine Kita, die "Europaschule" und der SB-Frischemarkt - das ist alles, was es hier im Viertel für sie gibt.

Es ist Donnerstag 15 Uhr, Ruppenthal macht mit seinem Volx-Mobil am Spielplatz halt. Dann packen er und seine Helfer aus, die Boxhandschuhe, die Bälle und Springseile. In Windeseile spricht sich ihre Ankunft herum, dann strömen sie herbei. Kinder wie Leila und David und Steven. Auch einige Mütter sind da, die meisten aber kommen allein. Ein eisiger Wind fegt um die Häuserecken, manche zittern vor Kälte. "Für Hunde gibt es hier possierliche Deckchen", sagt Ruppenthals Helferin Johanna, für die Kids aber fehle oft die wärmende Jacke. Leila und die anderen Kinder spielen Brennball, wer getroffen wird, muss raus aus dem Feld. Es ist fast wie im wahren Leben: Alle hier sind sie von sozialer Härte betroffen. Und in gewisser Weise sind sie raus - aus dem Fokus der Stadtoberen, aus dem Blickwinkel jener, die nur ein paar Kilometer entfernt in den schicken Hagenower Stadtvillen wohnen oder in den schmucken Fachwerkhäuschen.

Hier, im Kietz, glotzen dem Betrachter dunkle Fenster entgegen. Unzählige Wohnungen stehen leer. In manchen Häusern ist nur noch eine einzige Einheit belegt, der Rest: Geisterwohnungen. Wer kann, sucht das Weite. Auch Leilas Mutter Annik will weg. Die 26-Jährige sucht einen Job als Altenhelferin. Gar nicht so einfach , sagt die junge Mutter, die auf den ersten Blick zehn Jahre älter wirkt, ein altmodischer Wintermantel umhüllt die dralle Figur. Hier gebe es eine Kinderbetreuung aber keine Arbeit, sagt Annik. Und in Hamburg, wo sie ein Jobangebot hatte, fehle die Kita, mit der sie als Alleinerziehende den Schichtdienst hätte meistern können. Gibt es eine Lösung? Annik ist ratlos. Annik versucht noch aus eigenem Antrieb, ihr Leben zu meistern. Die meisten Kietz-Bewohner aber haben abgeschlossen. Die Wende brachte für sie keinen Gewinn, sondern sozialen Abstieg. Von der Politik erwarten sie nichts mehr. Dadurch werden sie anfällig für einfache Lösungen und menschenverachtende Parolen. Offen für die Systemfeinde, offen für die NPD.

Ein dankbarer Blick, ein Kinderlachen

Schon Zehnjährige kommen zu Ruppenthals Team und erzählen, dass sie "Schwarze hassen". Kein Wunder, sagt der Sozialpädagoge. "Die Menschen hier sind so bedürftig, dass sie alles aufsaugen, wie ein Schwamm." Sind sie erst einmal überzeugt von den Ideen, die die Gesellschaft in gute und nützliche Menschen einerseits und unnütze Zecken andererseits einteilen, ist es schwer, sie wieder zurück zu holen.

Ruppenthal weiß wovon er spricht. Sein Sohn war jahrelang in der rechten Szene aktiv. Damals, als die Familie noch in Karlsruhe lebte, kam er eines Tages mit weißen Schnürsenkeln an, in Neonazikreisen ein Symbol für Kampfbereitschaft, hörte Skinhead-Musik, traf sich mit schweren Jungs. Eine schwierige Zeit, sagt Ruppenthal und blickt zu den spielenden Kindern. Er habe versucht, das Gespräch aufrecht zu halten. Am Ende hätte sein Sohn den Absprung geschafft - wie sein Vater arbeitet auch er heute im sozialen Bereich.

Ruppenthal kommt aus einer christlichen Familie, sein Engagement für die sozial Schwachen ist weniger politisch als religiös begründet. Es ist der Glaube an eine universelle Menschenwürde, die ihm Kraft verleiht, seine Arbeit Tag für Tag neu anzugehen. Sich selber immer wieder zu motivieren für eine Aufgabe, in der eher die kleinen als die großen Erfolge gefeiert werden. Ein dankbarer Blick, ein Kinderlachen. Ein in der Gemeinschaft gestrichenes Klettergerüst.

Und doch hat Ruppenthals Optimismus in jüngster Zeit einen Dämpfer bekommen. Er sei zum "Systemkritiker" geworden, bekennt er und in seinen weichen Badener Akzent mischt sich Bitterkeit. Ein System, das weite Teile seiner Bürger ausgrenze, sei ein Skandal. Die Politik übe sich in Feuerwehrmentalität: Erst wenn es brenne, würden Projekte angeschoben. Ansonsten herrsche Ignoranz. "Wir haben Probleme mit der Verwaltung. Die ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems." Immerhin, in Neustadt-Glewe haben die Stadtoberen erkannt, das die Arbeit von Ruppenthal und seinem Team ein ganzes Problem-Viertel aufwertet. Statt stundenlang vor der Glotze zu hocken, statt Gewalt und Missbrauch ausgesetzt zu sein, kommen die Kinder in das kleine Büro, das die Stadt inzwischen finanziell unterstützt. Hier können sie spielen und basteln, Geschichten hören. Auch die Eltern schauen ab und zu vorbei, trinken Tee, packen mit an, wenn es etwas zu tun gibt. Erstmals ist im Viertel so etwas entstanden wie Gemeinschaftsgefühl.

Nationalisten, Kommunisten, Christen

In Hagenow sind sie noch lange nicht so weit. Die Stadt ist nicht bereit, einen Anteil an den Kosten für eine Spielstätte zu tragen - trotz der geradezu lächerlichen Mieten im Kietz. Doch auch hier ist "der Thomas" für die Kinder schon jetzt der Held. Da macht es nichts, dass der Ort für Spaß und Begegnung einmal in der Woche aus einem zugigen Spielplatz besteht.

Am nächsten Tag steigt Ruppenthal mit einer Handvoll Kindern in den Zug nach Hamburg. Um sie aus den trostlosen Vierteln herauszuholen, um ihnen zu zeigen, dass die Welt mehr zu bieten hat als Arbeitslosigkeit und Armut, stehen neuerdings Ausflüge auf dem Programm. Aufgeregt steht die elfjährige Jasmin wenig später an den Landungsbrücken. "Ich bin zum ersten Mal auf einem Schiff", freut sie sich und blickt mit großen Augen zu den Containerschiffen, die den Hafen ansteuern. "Eigentlich ist es ganz simpel", sagt Ruppenthal. "Es geht darum, die Herzen der Menschen zu erreichen. Der Glaube, dass man ohne Personal und direkte Ansprache etwas bewirken kann, ist ein Irrglaube." Wenn die Gesellschaft es nicht schaffe, den Bürgern auch in Notlagen ein Mindestmaß an Respekt gegenüber zu bringen, laufe das System auf eine Katastrophe zu.

Es ist kalt und windig. Die Hafenrundfahrt ist beendet, die Döner gegessen. Langsam macht sich die Gruppe auf den Weg zum Zug, der sie zurück in ihre Platte bringen wird. Dort, wo nach Aussage von Ruppenthal derzeit drei Weltanschauungen um die Deutungshoheit ringen: Nationalisten, Kommunisten und Christen. Noch ist nicht entschieden, wer das Rennen machen wird.

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