Stasi-Unterlagen : Enge Zeitfenster für Anträge auf Rehabilitation

Landesbeauftragte Anne Drescher und ihr Team berieten 2017 wieder mehr als 1000 Bürger.
Landesbeauftragte Anne Drescher und ihr Team berieten 2017 wieder mehr als 1000 Bürger.

Die Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen setzt sich für eine Entfristung von den Gesetzen ein.

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03. Februar 2018, 05:00 Uhr

Knie, Ellenbogen, Hüften – im Körper der ehemaligen Turnerin gibt es kaum ein großes Gelenk, das nicht verschlissen ist. Die heute 57-Jährige, die von 1971 bis 1977 Leistungssportlerin war, ist zu 50 Prozent schwerbehindert. Trotz zahlreicher Operationen sind die Schmerzen oft so groß, dass Tabletten ihre ständigen Begleiter sind, erzählt Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Die Frau, der in ihrem Rostocker Trainingszentrum schon als Kind das Anabolikum Oral-Turinabol verabreicht wurde, gehört zu den rund 220 DDR-Dopingopfern aus MV, die ihrer Behörde derzeit bekannt sind. Insgesamt rechnet Anne Drescher mit weit über 1000 Betroffenen im Land, die unter den erheblichen gesundheitlichen Spätfolgen von DDR-Zwangsdoping leiden. „Die Schwere der Erkrankungen, die Komplexität der Schäden und das Leid der Geschädigten, die zu uns in die Beratung kommen, sind erschütternd“, erklärte sie am Freitag in Schwerin. Dass die Antragsfrist für das Dopingopfer-Hilfegesetz schon Ende dieses Jahres ausläuft, setze Betroffene, aber auch die zwölf Mitarbeiter ihrer Behörde unter erheblichen Zugzwang. Dazu komme, dass die erforderlichen Nachweise nur sehr schwer zu beschaffen sind. „Optimal wäre es deshalb, wenn wir zumindest befristet für zwei Jahre eine zusätzliche Beraterstelle für die Doping-Betroffenen bekommen könnten“, so Anne Drescher. „Lange Wartezeiten auf einen Beratungstermin und Abstriche in der Qualität der Beratung wollen und können wir Menschen nicht zumuten, die in der DDR politisch verfolgt wurden, die Leid und Unrecht erlebt haben“, begründet sie das – und hofft auf Entgegenkommen der Politik. Schließlich nehme das Land bisher eine Vorreiterrolle bei der Aufarbeitung des DDR-Dopings ein. Nicht nur, dass hier an mehreren medizinischen Einrichtungen Studien dazu liefen. Der Landtag hätte sich 2016 ausdrücklich zur Aufarbeitung von Doping und Zwangsdoping in den drei DDR-Nordbezirken bekannt und die Behörde der Landesbeauftragten als Anlaufstelle benannt.

In den 25 Jahren des Bestehens der Behörde haben mehr als 25 000 Menschen bei dem oder der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Rat und Hilfe gesucht. 1059 Frauen und Männer waren es allein 2017. In 453 Fällen ging es dabei um Rat und Unterstützung bei Rehabilitierungsverfahren und zur Schicksalsklärung. Hier laufen Ende 2019 mit den SED-Untrechtsbereinigungsgesetzen wichtige Fristen aus, so Anne Drescher. Da viele Betroffene aber erst sehr spät die Kraft finden würden, sich mit Brüchen in ihrem Leben auseinanderzusetzen, sei es ihrer Meinung nach geboten, diese Fristen aufzuheben. Auch die Landesbeauftragten der anderen Bundesländer setzten sich für eine Entfristung ein.

Bereits seit längerem abgelaufen sind die Antragsfristen für Hilfen aus dem „Fonds Heimerziehung“. Von knapp 4000 hier im Land gestellten Anträgen ist das Gros inzwischen auch bearbeitet, so der stellvertretende Landesbeauftragte Burkhard Bley. Lediglich 300 Verfahren seien noch offen, sie würden bis Ende 2018 bearbeitet. Ursprünglich war allerdings von rund 16 000 Antragsberechtigten im Nordosten ausgegangen worden, so Bley. Es verwundere daher nicht, dass sich bis heute noch etwa 100 ehemalige Heimkinder gemeldet hätten, die die Antragsfrist auf Leistungen aus dem Fonds – sie endete mit dem September 2014 – versäumt hatten. Ihnen könne man jetzt nur noch anbieten, bei der Ausarbeitung der Brüche in ihrem Leben zur Seite zu stehen, so Bley. Auch das helfe aber vielen schon weiter.

Noch relativ neu ist für die Landesbehörde die Betreuung von Kindern und Jugendlichen, denen in der DDR in einer psychiatrischen oder Behinderteneinrichtung Unrecht widerfahren ist. Seit Anfang vergangenen Jahres und noch bis Ende 2019 können Betroffene bzw. ihre Betreuer Unterstützung aus der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ beantragen. Schätzungsweise 1500 Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern könnten davon profitieren, betont Anne Drescher.

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