Wismarer Papagoyen-Kette : Endlos-Krimi um Silberschmuck

<strong>Wurde nur durch das frühere Gilde-Mitglied Robert Häußler gerettet:</strong> die Papagoyen-Kette <foto>Peter Manthey/dpa</foto>
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Wurde nur durch das frühere Gilde-Mitglied Robert Häußler gerettet: die Papagoyen-Kette Peter Manthey/dpa

Die Papagoyen-Kette gilt als letztes Andenken an Wismars mittelalterliche Kaufmannsgilde. Ihre Geschichte gleicht einem Krimi. Im Februar soll das Berliner Landgerichtt über ihren Verbleib entscheiden.

svz.de von
30. Januar 2013, 11:06 Uhr

Wismar | Sie gilt als letztes Andenken an Wismars mittelalterliche Kaufmannsgilde - die Papagoyen-Kette. Der um 1614 in der Hansestadt geschmiedete, vergoldete Silberschmuck mit Papageien-Anhänger hatte der 1379 gegründeten Papagoyen-Gesellschaft und späteren Kaufmanns-Compagnie stets als Ehrensymbol gedient. Einem Kriminalroman gleicht die Geschichte der Kette nach dem Krieg. Jetzt soll das Berliner Landgericht über den Verbleib und damit das Ende der abenteuerlichen Irrwege des historischen Kunstwerks entscheiden.

Über Jahrhunderte war die hanseatische Kette von Wismars Kaufleuten zu festlichen Anlässen getragen worden. Auch der Schützenkönig der Gilde durfte sich die Papageien-Kette umlegen. 1945 wurde die Vereinigung von Kaufmännern und Bierbrauern auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) hin aufgelöst und enteignet, alles Vermögen ging verloren. Bis auf die Gilde-Kette. Ein mutiges Vereinsmitglied rettete den symbolträchtigen Schmuck vor den russischen Besatzern und vergrub ihn auf dem Friedhof der Stadt. Auf einen Tipp hin holten im April 1965 das frühere Gilde-Mitglied Robert Häußler und dessen damals 18-jährige Tochter Borghild - heute Borghild Niemann - die Kette vom Friedhof. Sie fanden sie in einer verrosteten Kaffeedose in der Grabstätte der Verlegerfamilie Hinstorff und schmuggelten das Schmuckstück nach Eckernförde (Schleswig-Holstein). Nach der Wiedervereinigung 1990 kehrten Häußlers - und mit ihnen die Kette - nach Wismar zurück.

Ende 2008 schenkte der 96-jährige Häußler als letztes Mitglied der früheren Kaufmanns-Compagnie das hanseatische Prunkstück dem Verein Wismarer Wirtschaftsgemeinschaft, der jetzigen Kaufleute-Vereinigung der Stadt, wie Vorsitzende Ines Raum erklärt. Laut der notariell beglaubigten Schenkung sollte die Kette für immer in Wismar bleiben, dort ausgestellt und bei feierlichen Anlässen getragen werden.

Nach Häußlers Tod Ende 2009 gab die Gemeinschaft den Schmuck an die in Berlin lebende Tochter Borghild Niemann zurück. "Die Stadt ist ja nicht die Eigentümerin", erklärt Ines Raum. Der Ketten-Krieg eskalierte. Schließlich klagte Wismar auf die Herausgabe des Streitobjekts. Das Landgericht Berlin werde in dem Zivilverfahren am 22. Februar verhandeln und zeitnah entscheiden, sagt eine Gerichtssprecherin.

"Wir unterstellen Frau Niemann keine Bereicherungsabsichten", betont Wismars Stadtsprecher Frank Junge für die Klägerseite. Die mit der Kette beschenkte Wirtschaftsgemeinschaft sei aber nicht die legitime Rechtsnachfolgerin der Kaufmanns-Compagnie, also dürfe weder sie noch eine Privatperson sich die historische Kette einverleiben, so Junge. "Die Kette ist ein kulturhistorisches Relikt der Hansetradition Wismars, sie soll ausgestellt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden", betont der Sprecher.

Die Stadt sieht nach Junges Worten ihren Besitzanspruch durch einen Bescheid des Bundesamtes für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen von 2010 bestätigt. Demnach sei die Hansestadt - vorbehaltlich privater Rechte Dritter - Eigentümerin der Papagoyen-Kette geworden, nachdem die Kaufmanns-Compagnie aufgelöst und deren Vermögen volkseigen geworden sei, teilt der Sprecher mit.

Niemanns Rechtsanwalt Ulf Bischof verteidigt seine Mandantin indes als Retterin, nicht als Räuberin des wertvollen Kunstgutes, wie er betont. Die Kette sei 1965 uneigennützig vom Friedhof geborgen worden, um sie vor dem Zugriff der DDR-Behörden zu schützen, meint Bischof. Von Grabräuberei könne keine Rede sein. Schließlich sei ja die Kette, die mindestens 10 000 Euro wert sei, nicht auf dem Kunstmarkt gelandet, sondern bei der Wismarer Wirtschaftsgemeinschaft, so der Anwalt.

Der Fall der Papagoyen-Kette sei einzigartig für Ostdeutschland, sagt der auf Kunstrecht spezialisierte Berliner Jurist. "Die Hansestadt Wismar versucht hier, Befehle der einstigen Besatzer umzusetzen, indem sie Enteignungen der Nachkriegszeit nachholt - und alles nur, um sich jetzt zu nehmen, was sie 1945 nicht bekommen hat", vermutet Bischof. Einig sei sich seine Mandantin mit der Klägerseite aber darin, dass die Kette nach langen Irrwegen zurück nach Wismar solle. "Die Kette gehört zur Kaufmannstradition, nicht aber zum Besitztum der Hansestadt."

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