Mit einem Exoskelett zurück ins Leben : Endlich wieder auf Augenhöhe mit dem Leben

Wenn Dirk Janzen sein Exoskelett anlegt, ist der Querschnittsgelähmte wieder in der Lage zu laufen.
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Wenn Dirk Janzen sein Exoskelett anlegt, ist der Querschnittsgelähmte wieder in der Lage zu laufen.

Ein Exoskelett macht es möglich, dass Querschnittsgelähmte wie Dirk Janzen stehen und gehen können

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30. Juni 2016, 12:00 Uhr

Es ist ein winziger Moment der Unachtsamkeit: Am Tag vor seinem 36. Geburtstag trägt es Dirk Janzen auf seinem Motorrad aus der Kurve und in den Gegenverkehr. Die Unfallfolgen sind schrecklich: Schädel-Hirn-Trauma, diverse Knochenbrüche, Multiorganversagen… Gerade einmal zehn Prozent Überlebenschance geben die Ärzte dem Hattinger, der zu dieser Zeit ein eigenes Bauunternehmen führt. Als er nach vier Wochen im Koma wieder zu sich kommt, sieht er, dass ihm der rechte Unterschenkel amputiert worden ist. Spüren kann er es nicht. Unterhalb des Bauchnabels spürt er gar nichts mehr – Janzen ist seitdem, seit sieben Jahren, querschnittsgelähmt.

Dass er heute dennoch wieder gehen kann, gleicht einem Wunder – und ist doch keins. Ein Exoskelett macht es möglich. Gestern demonstriert Janzen das ReWalk genannte System den verblüfften Gästen der 25-Jahrfeier des Sanitätshauses Kowsky in Schwerin.

Ein Israeli hat ReWalk entwickelt, erzählt Robert Lewis von der Berliner Firma Argo Medical Technologies, die dieses Exoskelett in Deutschland vertreibt. Selbst nach einem Unfall querschnittsgelähmt, habe der Ingenieur sich nicht damit abfinden wollen, dass es heute zwar möglich ist, zum Mond oder zum Mars zu fliegen, dass es aber nicht möglich sein sollte, dass Querschnittsgelähmte wieder gehen.

Die technische Lösung erinnert an das Gerüst eines Roboters, der seine Schaltzentrale auf dem Rücken trägt. Schienen geben Ober- und Unterschenkeln Halt. Sie münden in Schuhe, in denen Metallplatten dafür sorgen, dass die Füße angehoben werden. Sensoren nehmen die Bewegungen des Oberkörpers auf und setzen sie in Bewegungen um. Hinsetzen, aufstehen, gehen, drehen, Treppen steigen – all das ist für den geübten Nutzer kein Problem. Knapp drei km/h schnell und bis zu viereinhalb Stunden am Stück können Querschnittsgelähmte mit dem Hilfsmittel gehen – dann muss der Akku aufgeladen werden.

Seit 2012, so Lewis, ist ReWalk auf dem Markt. 2013 wurde es in Deutschland eingeführt. Ein Jahr später übernahm erstmals eine gesetzliche Krankenkasse die Kosten für ein Exoskelett. Bis heute haben weltweit 1000 Querschnittsgelähmte ReWalk getestet.

Dirk Janzen hatte schon davon gehört, war aber doch überrascht, als man ihn 2014 auf der RehaCare in Düsseldorf, der größten deutschen Reha-Messe, direkt ansprach und fragte, ob er das System testen wollte. „Ich trage ja rechts eine Unterschenkelprothese und dachte deshalb, dass ReWalk für mich sicher nicht infrage kommt“, erzählt er.

Tatsächlich aber war das kein Ausschlusskriterium. Noch genau erinnert sich Dirk Janzen an den ersten Tag, an dem er nach mehr als fünf Jahren im Rollstuhl wieder auf den eigenen Füßen stehen und einige Schritte gehen konnte: „Das war am 22. Oktober 2014 – und es war unglaublich.“ Übers ganze Gesicht hätte er gegrinst, erzählt der Vater zweier Töchter. „Ich war Feuer und Flamme und wollte gleich mehr.“ Denn endlich hätte er wieder auf Augenhöhe mit dem Leben gestanden.

80 000 bis 100 000 Querschnittsgelähmte gibt es in Deutschland. Nicht alle, aber doch eine Reihe von ihnen könnten mit einem Exoskelett wieder einen Teil ihrer Beweglichkeit zurückbekommen. „Wer ReWalk nutzen möchte, darf nicht schwerer als 100 Kilogramm sein, nicht kleiner als 1,60 und nicht größer als 1,90 Meter“, erklärt Produktmanager Andreas Reinauer. Funktionelle Knie- und Hüftgelenke würden ebenso vorausgesetzt wie eine ausreichende Beweglichkeit des Oberkörpers. Nutzer müssten außerdem Gehhilfen halten können – um das Gewicht des Exoskeletts, immerhin 27 Kilogramm, und das Eigengewicht auszubalancieren.

Dirk Janzen braucht nicht einmal vier Minuten, bis er sich – ohne fremde Hilfe – aus dem Rollstuhl geschwungen und die einzelnen Systemkomponenten an seinem Körper befestigt hat. Allerdings hat er dafür auch einige Zeit üben müssen, wie er verrät. „40 bis 60 Stunden veranschlagen wir für das Training“, erklärt Robert Lewis, „Wir hatten mal einen Rollstuhl-Basketballer, der schon nach 20 Stunden fit war, aber das war absolut die Ausnahme.“ Deutschlandweit hat das Unternehmen mittlerweile ein Partnernetz aus Krankenhäusern, Rehakliniken und -zentren aufgebaut, in dem diese Schulungen stattfinden können. Die Zahl der Antragsteller, die derzeit ein ReWalk-System geordert haben, bewegt sich im oberen zweistelligen Bereich. Dass es nicht viel mehr sind, liegt weniger an der Konkurrenz als vielmehr am Preis. Vertriebsleiter Lewis spricht von 80 000 bis 90 000 Euro. Es sei immer eine Einzelfallentscheidung, ob Kostenträger die übernehmen – Unfallkassen oder die Bundeswehr seien da großzügiger als manche Krankenkasse, ist sein Eindruck.

Auch Dirk Janzen kämpft mit seiner Krankenkasse vor dem Sozialgericht um eine Kostenübernahme. Das Exoskelett, das er derzeit nutzt, hat ihm das Vertriebsunternehmen zur Verfügung gestellt – im Gegenzug dafür unterstützt er es als Demo-Läufer. Und erzählt staunenden Betrachtern, wie gut es seiner Gesundheit tut, dass er wieder stehen und gehen kann: „Ich habe deutlich an Gewicht abgenommen, kann besser atmen, meine Knochendichte wird besser, und meine Haltung hat sich verändert: Ich sitze jetzt im Rollstuhl viel aufrechter.“ Andreas Reinauer ergänzt, dass sich bei Nutzern des ReWalk Blasen- und Darmfunktion verbessern, sie müssen weniger Medikamente nehmen, klagen seltener über Schlafprobleme und Schmerzen. „Und vor allem: Ihre psychische Verfassung ist sehr viel besser als zu Zeiten, als sie nur im Rollstuhl saßen.“

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