Flüchtlingstagebuch : Endlich Papiere, aber noch kein Stück weiter

Moha ist froh, endlich seine Papiere zu haben.
Moha ist froh, endlich seine Papiere zu haben.

Unsere Redaktion begleitet den Syrer Moha in den nächsten Wochen und Monaten. Flüchtlingstagebuch Teil 4

von
30. September 2015, 08:00 Uhr

Moha ist seit über einem Jahr auf der Flucht. Vor drei Wochen erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern wartet er auf seine Registrierung. Unsere Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn seit zwei Wochen.

Adia wischt noch schnell den Tisch mit Toilettenpapier ab, dann deutet sie auf den Stuhl. „Setz dich“, sagt Moha. „Willst du Kaffee?“ Ich nicke. Moha hat mich nach Horst eingeladen. Seit vergangenem Mittwoch lebt er wieder in der Erstaufnahmeeinrichtung bei Boizenburg und wartet darauf, dass ihm eine Wohnung zugewiesen wird. Sein Zimmer teilt er sich mit sieben Männern. Sie schlafen in Doppelstockbetten. Für jeden gibt es einen Spind. Das war’s. „Das ist okay“, sagt Moha.

Die meiste Zeit verbringt er eh bei Adia. Sie und ihre Kinder haben ein kleines Zimmer für sich allein. An jeder Wand stehen zwei Betten und in der Mitte des Raums ein Tisch mit vier Stühlen. „Sie ist wie eine Mutter zu allen“, sagt Moha. Außerdem hat sie einen Wasserkocher und zwei Tassen – das ist Luxus in Horst. Es duftet nach Kardamom. Das süßlich-scharfe Gewürz darf in einem syrischen Kaffee nicht fehlen. Zwei junge Männer sitzen auf einem der Betten und unterhalten sich. Kleine Kinder laufen zwischen Flur und Zimmer hin und her. Neben mir sitzt Adias Tochter mit einem Baby auf dem Arm. Das kleine Mädchen schaut mich aus großen Augen an. Adias Tochter lacht. Mir wird ein Schokoriegel gereicht. Alle sind so herzlich.

„Ich muss dir was zeigen“, sagt Moha. Aus seinem Portemonnaie zieht er ein grünes Dokument. „Aufenthaltsgestattung“ steht dort und „Deutschland“. Er grinst. Nach über drei Wochen hat er seine Papiere bekommen. Drei Wochen warten. „Und wo wirst du in Zukunft leben?“ – „Ich weiß es nicht.“ – „Wann bekommst du Bescheid?“ – „Das weiß ich auch nicht. Ich muss noch warten.“ Warten.

Es ist eine Woche her, dass Moha zurück nach Horst gebracht wurde. Dort sollte er nach einer ärztlichen Untersuchung registriert werden und seine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Fast zwei Tage wartete er in dem Vorzimmer der Registrierungsstelle, dass er aufgerufen wird. „Ich habe nichts gegessen, damit ich nicht verpasse, wenn ich dran bin“, erzählt er. Erst am zweiten Tag erklärte ihm jemanden, dass er sich bis Montag gedulden müsse. „Keiner sagt uns was. Sie verstehen, wenn ich englisch rede, antworten aber nur auf Deutsch. Ich kann noch kein Deutsch.“ Andere Flüchtlinge wären nach ihm gekommen, aber vor ihm registriert worden. „Ich habe das Gefühl, die losen nach Zufallsprinzip, wer als nächstes dran ist“, meint Moha. „Es müsste mehr Personal geben, um das alles zu organisieren und zu kontrollieren, damit alles schneller läuft.“

Ich nehme einen Schluck des duftenden Kaffees. „Aber ich bin zufrieden“, sagt Moha. „Andere sind schon eineinhalb Monate in Horst.“ – „Weißt du warum?“, frage ich. „Nicht immer. Aber auch Adia hat Probleme“, sagt Moha und schaut auf das kleine Baby, dass inzwischen meinen Finger umklammert. „Die Eltern von dem Baby sind noch in Damaskus. Der Vater ist krank und seine Frau wollte bei ihm bleiben. Deshalb sollte Adia das Kind mitnehmen. Aber sie hat für das Baby keine Papiere. Keine Bestätigung, dass es ihre Nichte ist“, erklärt Moha. „Weiß du, was sie tun kann?“ Ich schaue zu der Kleinen. Sunny ist ihr Name – Sonne. „Hat das Adia niemand erklärt?“, frage ich? „Nein. Sie weiß nicht, was sie machen muss.“

Mehr zur aktuellen Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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