Drogen-Prozess in Schwerin : Empörung über hohe Strafanträge

Drogen-Prozess nach elf Monaten auf Zielgeraden

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29. Juni 2016, 06:00 Uhr

In einem der umfangreichsten Drogen-Prozesse, die jemals am Schweriner Landgericht geführt wurden, haben die Verteidiger empört auf die Strafanträge der Staatsanwaltschaft reagiert. Während die Anklage für die neun Angeklagten Haftstrafen zwischen knapp über zwei Jahren und siebeneinhalb Jahren forderte, halten die Rechtsanwälte maximal zwei Jahre auf Bewährung für angemessen. Die Urteile sollen Mitte Juli verkündet werden.

„Es ist unverständlich, warum mit derart drastischer Härte abgeurteilt werden sollte“, sagte gestern Rechtsanwalt Andreas Roter. Er verteidigt einen 40-jährigen Schweriner Kleinunternehmer, der im Stadtteil Görries einer Gruppe Vietnamesen den Keller einer alten Gewerbehalle vermietete, wo diese im Winter 2015 eine riesige Canabis-Plantage aufbauten. Neben dem Deutschen sind ein Armenier und sieben Vietnamesen im Alter zwischen 20 und 56 Jahren angeklagt. Fünf von ihnen wurden als „Gärtner“ in den abgedunkelten Räumen für mehrere Wochen quasi eingeschlossen. Allerdings bekam die Polizei einen Tipp „aus der Bevölkerung“. Als sie die Plantage hochgehen ließ, fand sie mehr als 2200 Canabis-Pflanzen. Die Ernte hätte auf dem Schwarzmarkt rund 500 000 Euro eingebracht.

Die Staatsanwaltschaft sah es als erwiesen an, dass die vier Haupttäter als Bande auf Dauer im Schweriner Keller Marihuana ernten wollten. Für den Schweriner Hallen-Vermieter, der demnach mindestens 35000 Euro Miete kassieren wollte, forderte sie drei Jahre und drei Monate Gefängnis. Sein Verteidiger bestritt, dass der Angeklagte Mitglied einer Bande war und von Anfang an wusste, was in seinem Keller geplant war. Davon will er erst erfahren haben, als die – zu diesem Zeitpunkt noch ahnungslose – Polizei, bei ihm nachfragte, welche merkwürdigen Aktivitäten dort stattfänden. Dann jedoch wollte er „Schweigegeld“ von seinen „Mietern“ kassieren. Trotz der Vorwarnung durch die Polizei glaubten die Haupttäter offenbar, bis zur Canabis-Ernte weitermachen und verschwinden zu können.

Auch Matthias Macht, Verteidiger eines in Schwerin lebenden 56-jährigen Vietnamens, kritisierte die Strafanträge der Staatsanwaltschaft als „lebensfern“. Sie forderte sechs Jahre und neun Monate Haft. Macht hielt 18 Monate auf Bewährung für angemessen. Sein Mandant sei nur wenig mehr als Dolmetscher gewesen.

Als „kleines Licht“ stellte auch Verteidiger Axel Schöwe den 50-jährigen Armenier dar, der ebenfalls in Schwerin lebt. Die geforderte hohe Haftstrafe sei vollkomen unangemessen in einer Zeit, in der Marihuana-Konsum gesellschaftlich immer mehr akzeptiert werde. Selbst ein Richter des Bundesgerichtshofes habe vor Kurzem beklagt, dass durch die deutschen Drogengesetze zu viele Menschen unnötig kriminalisiert würden.

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