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Petition gegen Abschiebung : „Emmanuel und Abdel müssen bleiben!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schüler aus Hagenow starten Petition für ihre Freunde aus Ghana

von
erstellt am 18.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Emmanuel Agyeman war fünf Jahre alt, als seine Eltern nach Europa flüchteten und ihn bei seiner Großmutter in Ghana zurückließen. Warum sie das taten, hat er nie verstanden. Warum sie sich nie wieder bei ihm meldeten auch nicht. „Oma starb, da war ich sieben. Ein Freund meines Vaters nahm mich auf. Er hatte viel Geld.“ Woher das Geld stammte, erfuhr Emmanuel erst später. „Er war in kriminelle Machenschaften verwickelt. Am Ende bezahlte er das mit dem Tod.“

Um das Erbe zu bekommen, sollte der 14 Jahre alte Emmanuel in den Verbrecherring einsteigen. „Ich bin bekennender Christ, ich konnte das nicht“, erklärt er den Konflikt. „Also versuchte man mich umzubringen, weil ich zu viel wusste.“ Zwei Wochen lag der Junge im Koma, zwei weitere Monate musste er medizinisch versorgt werden. „Mein damaliger Klassenlehrer veranlasste meine Flucht. Es wurde zu gefährlich für mich in Ghana.“ Emmanuel zeigt auf eine dicke Narbe an seinem Hals. „Hier haben sie zugestochen.“

Seit 2014 lebt der inzwischen 17-Jährige in Deutschland, erst in Karrentin, mittlerweile in Hagenow. Dort geht er zur Schule, dort hat er Freunde gefunden. Einer von ihnen ist Abdel Mola. Auch dessen Geschichte ist begleitet von Gewalt, Konflikten, Einsamkeit und Flucht. „In dem ghanaischen Dorf, in dem ich lebte, gab es einen religiösen Konflikt zwischen Moslems und Christen. Mein Vater war der Imam.“ Abdels Familie wurde bedroht, sein großer Bruder getötet, er selbst floh nach Accra. Dort lernte er einen Mann kennen, der ihm die Möglichkeit gab nach Marokko zu gehen. Zwei Jahre lebte Abdel in der Ferne, dann packte ihn das Heimweh. In Marokko ging Abdel nicht zur Schule, er hatte keine Freunde. „Ich wollte zurück. Doch dann erfuhr ich, dass meine Familie alles verloren hatte und meine Mutter auch geflohen war. Wohin weiß ich nicht.“ Über einen Umweg nach Spanien kam er im August 2014 nach Deutschland, mittlerweile lebt er in Hagenow.

Emmanuel Agyeman und Abdel Mola kommen aus Ghana – ein Staat, der vom deutschen Asylrecht als sicheres Herkunftsland eingestuft wurde. Die Behörden gehen davon aus, dass für Rückkehrer grundsätzlich keine Verfolgungsgefahr besteht. Einzelfälle müssten geprüft werden. Der 17-Jährige Emmanuel hat seinen Abschiebebescheid bereits erhalten. Sobald er 18 wird, soll er das Land verlassen. Ein erster Widerspruch gegen die Entscheidung wurde zunächst abgelehnt. „Damit geben wir uns nicht zufrieden“, sagt Doreen Karsten, Sozialarbeiterin an der Europaschule in Hagenow, wo die Jungs ihr Sprachdiplom gemeistert und sich inzwischen in die Klassen integriert haben. Dank des Einsatzes der Schulleiterin Sabine Janitz haben sie vor Ort auch eine Wohnung bekommen. „Wir befürchten, dass Abdel ebenfalls abgeschoben werden soll.“ Deshalb haben 60 Mitschüler eine Petition erstellt, mit der sie Unterschriften für Abdel und Emmanuel sammeln. Sie fordern ein dauerhaftes Bleiberecht für ihre Mitschüler. „Als die beiden zum ersten Mal in unsere Klasse kamen, war das sehr merkwürdig. Wir haben uns gefragt, warum sie hier sind. Inzwischen sind sie nicht mehr nur Freunde, sie gehören zur Familie. Sie müssen einfach bleiben. Emmanuels Abschiebebescheid macht uns nicht nur traurig, sondern auch wütend“, sagt Schulsprecher Niklas Bayer. „Durch die beiden wurde mir erst richtig bewusst, was für ein gutes und sorgenfreies Leben ich in Deutschland führe“, ergänzt der Zehntklässler.

Beinahe 1300 Unterstützer haben die Petition bereits unterzeichnet. Darunter unter anderem Christian Sänger: „Zwei minderjährige Waisen in ein Dritteweltland zu schicken und ihnen dadurch jede Chance, die sie in Deutschland auf eine erfolgreiche Zukunft haben könnten, zu nehmen, ist ein Akt der Unmenschlichkeit“, schreibt er. „15 Tage ist die Petition noch geöffnet, 2000 Unterschriften brauchen wir. Dann wollen wir das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge darüber informieren“, erklärt Schülerin Ronja Pfitzer das weitere Vorgehen. Die Schüler gehen auch auf die Straße, sprechen die Bewohner Hagenows direkt an. Sie planen einen stillen Protest, wollen Flyer verteilen, Plakate aufhängen. „Wir sind einer zwiegespaltenen Gesellschaft begegnet. Nicht alle sind tolerant.“

Derzeit besuchen 553 Schüler die Europaschule in Hagenow, 54 von ihnen haben ausländliche Wurzeln. Die Regionalschule verfolgt das Credo „Lernen, arbeiten und leben in Vielfalt“. „Vor zweieinhalb Jahren kamen die ersten Flüchtlinge zu uns. Daraufhin haben wir die Arbeitsgruppe Schule mit Courage gegründet. Durch gemeinsame Aktivitäten haben wir Sprach- und Kulturbarrieren aufgebrochen und zueinander gefunden“, sagt Doreen Karsten. Emmanuel und Abdel seien Paradebeispiele für gelungene Integration. „Und nun sollen sie gehen?“ Die Fassungslosigkeit ist groß, doch der Tatendrang größer.

„Die Schüler lernen mit dieser Aktion auch mit Demokratie umzugehen. Sie wollen etwas bewirken und es wäre schade, wenn man ihnen zeigt, dass sie nichts bewirken können. Und für all diejenigen, die mit viel Arbeit und Herz den Integrationsprozess beleben, wäre die Abschiebung auch ein Schlag ins Gesicht.“

>> Die Petition ist online abrufbar unter www.openpetition.de/!bleiberecht

 

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