Rostock : „Eltern werden von Beginn an in die Betreuung einbezogen“

Die Babyklappe ist für Dr. Dirk Olbertz nicht unumstritten.
Die Babyklappe ist für Dr. Dirk Olbertz nicht unumstritten.

Ein Gespräch mit Dr. Dirk M. Olbertz, Chefarzt der Neonatologie am Klinikum Südstadt in Rostock

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30. März 2015, 11:50 Uhr

Von einer Frühgeburt ist die Rede, wenn Kinder vor der Vollendung von 37 Schwangerschaftswochen (SSW) zur Welt kommen. Über die damit verbundenen Herausforderungen für Eltern und Überlebenschancen von Frühchen erklärt Dr. Dirk M. Olbertz, Chefarzt der Neonatologie am Klinikum Südstadt in Rostock, auf.


Welche Ursachen führen zu einer Frühgeburt?
Dirk M. Olbertz: Hauptursache sind urogenitale Infektionen. Ebenso können Schwangerschaftserkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes eine Frühgeburt verursachen.

Steigt mit zunehmenden Alter der Mutter bei der Geburt ihres Kindes das Risiko einer Frühgeburt?
Vor 25 Jahren betrug das mütterliche Alter bei der ersten Geburt etwa 23 Jahre. Heute liegt dieses Alter bei 29 Jahren. Akademikerinnen bekommen ihre erstes Kind durchschnittlich mit 35 Jahren. Hierin begründet sich das höhere Risiko für mütterliche Schwangerschaftserkrankungen und damit das höhere Frühgeburtsrisiko. Außerdem verzeichnen wir durch Fortschritte in der Behandlung bei ungewollter Kinderlosigkeit ein vermehrtes Aufkommen an Mehrlingen. Zwillingsgeburten sind häufig Frühgeburten, Drillingsgeburten sowieso.
Wann ist die stationäre Aufnahme der Schwangeren erforderlich?
Bei einer drohenden Frühgeburt. Das ist z.B. bei einer vorzeitigen Wehentätigkeit und einer Belastung des Muttermundes der Fall. Ziel ist es, die Frühgeburt zu vermeiden oder hinauszuzögern.
Wann ist ein Kaiserschnitt notwendig? Wann ist eine Spontangeburt möglich?
Ein Kaiserschnitt wegen Frühgeburt ist bis etwa 30 SSW mit Vorteilen für das Kind verbunden, da die spontane Geburt bei extremer Unreife zusätzliche Belastungen für das Kind verursacht. Reifere Frühgeborene können problemlos spontan geboren werden.
Wie lange muss ein Frühgeborenes stationär in der Klinik betreut werden?
Die Betreuung auf der Frühgeborenenintensivstation dauert so lange, wie die Schwangerschaft normalerweise noch gedauert hätte. Wir sind in der Behandlung von Frühgeborenen nicht wesentlich schneller als die Natur. Stationäre Aufnahmen sind bei etwa 30 Prozent der Neugeborenen erforderlich.
Wie hoch sind die Überlebenschancen für Kinder, die zu früh auf die Welt gekommen sind?
Unser kleinstes Frühgeborenes, das überlebt hat, hatte ein Geburtsgewicht von 360 Gramm. Unser unreifstes Frühgeborenes wurde in der vollendeten 23. SSW geboren. Die Überlebenschance von Frühgeborenen ist abhängig vom Reifealter zur Geburt. Die Grenze der Überlebensfähigkeit liegt bei 23 SSW. Hier beträgt die Überlebenswahrscheinlichkeit etwa 25 Prozent. Bei 24 SSW beträgt sie 50 Prozent, bei 25 SSW 70 Prozent, bei 26 SSW 80 Prozent, bei 28 SSW 90 Prozent. Neben der Überlebenswahrscheinlichkeit ist aber auch die Überlebensqualität wichtig. Sehr unreife Frühgeborene haben ein hohes Risiko für spätere bleibende Behinderungen und Entwicklungsbeeinträchtigungen (z.B. spastische Lähmungen, Krampfleiden, Intelligenzdefekte).
Inwieweit werden die Eltern in die Intensivbetreuung der Kinder einbezogen?
Die Eltern werden von Anfang an sehr eng in alle Behandlungs- und Pflegemaßnahmen einbezogen. Auf der Frühchenstation gibt es strenge, restriktive Besuchsregeln. Eltern haben jedoch ohne jede Einschränkung zu jeder Tages- und Nachtzeit Zugang zu Ihrem Kind. Sie sollen eng einbezogen werden. Das fördert die Sicherheit der Eltern im Umgang mit ihrem unreifen Kind und ist letztlich Voraussetzung für eine frühe Entlassung nach Hause.
Und für die Zeit danach?
Die Kinderkrankenschwestern unserer Station, die das Kind auch in der Klinik betreut haben, gehen in regelmäßigen Abstanden zu den Eltern nach Hause und unterstützen sie in allen Fragen der Betreuung des Kindes. Diese Nachsorge ist bis zu einer Dauer von drei Monaten nach der Entlassung aus der Klinik möglich. Außerdem führen wir eine Spezialsprechstunde für Früh- und Risikogeborene bis zu einem Alter von zweieinhalb Jahren, in der Nachuntersuchungen stattfinden.



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