Eltern kämpfen für gleiche Bildung

 <strong>Letzte Option Förderschule?</strong> Philipp ist Epileptiker. Als ihn seine Heimatschule ablehnte, bleibt nur eine Chance: mit Integrationshelferin Sandra Stolpmann in der Evangelischen Schule Hagenow. <foto>nien</foto>
Letzte Option Förderschule? Philipp ist Epileptiker. Als ihn seine Heimatschule ablehnte, bleibt nur eine Chance: mit Integrationshelferin Sandra Stolpmann in der Evangelischen Schule Hagenow. nien

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22. Januar 2013, 12:02 Uhr

Hagenow | Sie ist ständig an seiner Seite, lässt ihn nicht aus den Augen. Wenn Philipp* auf dem Schulhof spielt, er sich die Schuhe auszieht und im Unterricht sitzt. Zu groß ist die Gefahr eines Anfalls. Der Junge aus der Nähe von Boizenburg ist Epileptiker. Mit mehreren Aussetzern innerhalb von Stunden. Ein "normaler" Schulalltag scheint unmöglich: Absage von der Heimatschule, letzte Option Förderschule. Doch das wollen seine Eltern nicht. Die einzige Chance: ein Integrationshelfer. Den haben sie in Sandra Stolpmann gefunden. Ein halbes Jahr begleitet sie den Jungen nun in der ersten Klasse der Evangelischen Schule Hagenow.

Das große Ziel: gleiche Bildungschancen für alle Schüler. Mit dem neuen Inklusionsgesetz erschließt der Internationale Bund Südwestmecklenburg (IB) ein neues Arbeitsfeld. Sieben IB-Integrationshelfer gibt es seitdem in der Region. In Hagenow, Dömitz, Schwerin und Geesthacht.

Anders hätten Kinder wie Philipp keine Chance, auf eine normale Schule zu gehen, sagt IB-Bereichsleiterin Gabriela Wegner. Zwar fordere das Gesetz Inklusion in der Bildung. "Aber die Voraussetzungen dafür werden nicht geschaffen, die Lehrer zu wenig vorbereitet." Zu große Klassen, zu wenig Personal. Bei allen Anstrengungen - die "Lehrer schaffen es nicht", Schüler mit Handicap so zu integrieren, wie es das Gesetz vorschreibe.

Kritik am Inklusionsgesetz

Man bräuchte mehr Lehrer und mehr Zeit, sagt auch Schulleiterin Anja Tiek. Und eigentlich müsste jeder Lehrer zusätzlich in Sonderpädagogik geschult werden. "Das Gesetz ist einfach nicht genug durchdacht", so die Pädagogin an der Evangelischen Schule. Zwar gebe es dort schon immer ein inklusives Konzept. "Warum sollen wir auch jemanden ausgrenzen?" Dennoch bräuchten Kinder wie Philipp zusätzlich jemanden. Selbst in einer Schule, in der es individuellen statt klassischen Unterricht gibt.

Philipp und Sandra Stolpmann sind auf einem guten Weg. Die Mitschüler helfen dem Jungen, wählen ihn beim Sport als Ersten. "Wir machen uns", sagt die Integrationshelferin. Gerade sind sie dabei, die Namen der Mitschüler zu lernen. Sandra Stolpmann nimmt Philipps Hand, führt mit ihm den Stift über das Schreibheft. Er sei schnell abgelenkt, sagt sie. Immer wieder bringt die junge Frau ihn zurück zum Wesentlichen. "Er braucht jemanden", sagt auch Schulleiterin Anja Tiek. Es gebe zwar solche und solche Tage. Aber ohne Integrationshelfer könnte ihr Lehrerteam das nicht bewältigen.

Doch: Eltern und Schulen fehle die Planungssicherheit, bemängelt sie. Jedes Jahr müssen die Eltern einen neuen Antrag für einen Integrationshelfer beim Sozial- oder Jugendamt stellen. In Philipps Fall haben die Eltern bereits im März Hilfe beantragt. Kurz nach Schuljahresbeginn im August wurde er bewilligt. Gleiches Spiel in diesem Jahr. Eine weitere Schwierigkeit: Es muss erstmal ein passender Helfer gefunden werden, mit dem es "auf emotionaler Ebene stimmt", sagt Gabriela Wegner. Schließlich sei es eine enge Symbiose zwischen Kind und Helfer. Da sei die persönliche Eignung bald wichtiger als die Ausbildung.

Sandra Stolpmann ist Rechtsanwaltsfachangestellte, selbst Mutter, und wollte nach der Schwangerschaft gern mit Kindern arbeiten. Die Chemie zwischen ihr und Philipp stimmt. Sie wohnt im gleichen Ort, holt ihn jeden Morgen ab und begleitet ihn wieder nach Hause. Doch sie weiß nicht, wie lange noch. Denn der Integrationshelfer ist zwar mit dem Inklusionsgesetz als neuer Berufszweig entstanden. Mehr als einen halbjährigen Kompaktkurs konnte Sandra Stolpmann allerdings nicht absolvieren. Der Wunsch der Quereinsteigerin: ein klassischer Berufsabschluss. Doch den gibt es in diesem Bereich bislang nicht. Unsicherheit also auch für sie.

Sandra Stolpmann hofft, dass sie Philipp auch im kommenden Schuljahr begleiten darf. Denn auch für die Entwicklung des Jungen wäre es optimal, wenn seine Vertrauensperson an seiner Seite bleibt. Läuft alles gut, ist er in knapp sechs Jahren mit der Grundschule durch, hofft Schulleiterin Anja Tiek.

Solange es geht, will seine Integrationshelferin ihn dabei unterstützen. Philipp schaut ihr in die Augen. Fragend. Sandra Stolpmann lächelt und führt seine Hand mit dem Stift über das Papier, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen.

*Die Eltern von Philipp wollen anonym bleiben.

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