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Report Elternabend : Eltern, die auf Stühlchen hocken

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wenn erwachsene Menschen im Stuhlkreis über Ordnung, das „G“ und Kuchenbasar reden, heißt es: Elternabend-Zeit. Ein Vor-Ort-Besuch:

von
erstellt am 16.Jul.2017 | 09:00 Uhr

31 Zentimeter. So dicht am Boden befindet sich die Sitzfläche eines Erstklässlerstuhls in deutschen Schulen nach DIN-Norm EN 1729-1:2006-09. Diese 31 Zentimeter können zu einem Problem werden, wenn darauf Erziehungsberechtigte stundenlang sitzen müssen. Doch sie harren aus. Schwänzen gilt nicht. Schließlich geht es um nicht mehr und nicht weniger als die Zukunft ihres Nachwuchses. Um Erfolg und Versagen. Um Lernen und Freundschaften. 31 Zentimeter, 22 nervöse Mütter, zwei nervöse Väter, eine nervöse Lehrerin und über allem die bange Frage: Was treibt mein Kind wirklich in der Schule? Guten Abend – Elternabend.

Der Schulgong schweigt, der Ersatzton stammt von der ersten Teekanne, die eine Mutter scheppernd auf das Schülerpult stellt. Das Signal: Das wird ein langer Abend! Das Stimmengewirr erlischt, als die Lehrerin sich räuspert. Die Eltern sitzen im Quadrat, die Frau vor ihnen schwärmt von einem erfolgreichen Schuljahr, den lieben Erstklässlern, spricht von Zahlenräumen bis 20 und der Entdeckung des Buchstabens „G“. Einige Mütter zücken Notizblöcke. Dann kommen die vorsichtigen pädagogischen Ermahnungen: Die Ordnung in den Schulranzen... Naja. Etwas mehr Pünktlichkeit würde helfen. Alle Augen sind auf die Lehrerin gerichtet. Manche schauen skeptisch. Eine Zeitreise in die eigene Schulzeit.

Die beiden Väter strecken mit gequältem Blick ihre langen Beine aus, schieben sich artistisch auf den winzigen Stühlen hin und her. Bitte nicht kippeln, Herr Schulz!

In diesem Schulraum-Mikrokosmos können sich Dramen abspielen, das wissen die Anwesenden. „Schlachtfeld Elternabend“ heißt ein Buch, das erbitterte Diskussionen um zu schwere Schulranzen, verdreckte Toiletten und unlösbare Mathetests bündelt. Die Elternabend-Rituale wiederholen sich Jahr für Jahr tausendfach quer durch die Republik. Auch an diesem Abend, in dieser Schweriner Schule.

Gegenstand der Auseinandersetzung: die Mittagsverpflegung in der Schule. Lara mag das Essen nicht, klagt ihre Mutter. Dieser sonderbare Kartoffelbrei und diese ekligen Soßen... Sollte man nicht vielleicht mehr Bio...?

Paul isst in der Schule viel mehr als zu Hause, gesteht die Sitznachbarin. „Ihm schmeckt es super!“ Die übrigen Eltern schweigen. Manche grinsen. Wer weiß – möglicherweise haben die Kochkünste von Pauls Mutter mit dessen Essverhalten zu tun. Ergebnis der Verpflegungsdebatte: keines.

Dann platzen die Sorgen aus den Helikoptereltern heraus, die Psychologen zufolge doch nur das Beste für ihr Kind wollen. „Sollte zum Wandertag nicht lieber ein weiterer Erwachsener mitkommen? Also ich hätte zufällig Zeit.“ „Mein Hendrik findet es immer zu laut in der Klasse. Kann man da was machen?“ Und es herrscht ein diffuses Misstrauen gegenüber den eigenen Kindern. „Marie sagt immer, sie hat keine Hausaufgaben auf – stimmt das wirklich?“ „Paul erzählt fast nichts aus der Schule, ist das normal?“ Die Frau, deren Autorität über den vor ihr hockenden Eltern schwebt, beruhigt: Marie hat recht, sie lügt nicht, sondern schafft ihre Aufgaben in der Schule. Paul verhält sich völlig normal. Die Lehrerin muss es wissen. Die Kinder versorgen ihre Eltern zwar oft nur mit spärlichen Informationen („Wie war es in der Schule?“ „Gut“). Gegenüber ihrer Lehrerin zeigt sich der Nachwuchs dagegen häufig beeindruckend redselig. Dass Papa am Wochenende betrunken war, wie die Eltern verhüten, dass es eine Pizzaorgie und kein Gemüse gab, dass Mama einen neuen Freund hat – die Schüler teilen solche Details gerne mal ihrer Lehrerin mit. Ungefragt. Darüber schweigt diese natürlich. Dafür lässt sie die Eltern heute ein wenig in die Schulwelt eintauchen. Wissensgleichheit schaffen – auch das ist Elternabend.

Was folgt, ist das unvermeidliche Wort: Kuchenbasar. Freiwillige Bäcker recken ihre Arme empor, als seien sie selbst Grundschüler. Ein Organisations-Team für das Klassenfest formiert sich. Elternsprecher lassen sich widerwillig per Blitzwahl küren. Plötzlich geht alles ganz schnell.

Nach zwei Stunden Herumrutschen auf den Stühlchen verschwindet die leere Teekanne vom Tisch. Der Schlussgong. Geschafft. Mütter springen auf, stürmen nach vorne – die aufgestauten Fragen werden im Zweikampf mit der Lehrerin ausgetragen.

Es ist nicht die letzte Gelegenheit für Antworten: Ohne es zu wissen, machen zurzeit etliche Eltern Bekanntschaft mit der DIN-Norm EN 1729-1:2006-09. Bei Zeugnisgesprächen dürfen sie an vielen Schulen neben ihrem Sprössling hibbelig auf dem Kindermobiliar Platz nehmen. Allein 14 900 Mädchen und Jungen sind in Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr eingeschult worden. Auf ihren Zeugnissen stehen Sätze wie: „Lieber Justin, du erzählst so gerne mit deinen Mitschülern. Versuche das im nächsten Schuljahr mehr in den Pausen zu erledigen.“ „Matti, du schaffst es inzwischen überwiegend, die Schulregeln einzuhalten. Super!“ Was für Kinderohren wie ein Lob klingt, lässt manche Mütter und Väter eher nachdenklich zurück, wenn sie sich von ihren Stühlchen aufrappeln. Die DIN-Norm gilt nämlich nur für Schulmöbel, nicht für Schulkinder.

Extra: Das Elternabend-Trainingscamp: der Kindergarten

Die Tortur beginnt bereits viel früher. Es existieren tatsächlich Stühle, die noch kleiner sind als 31 Zentimeter. Das Elternabend-Trainingslager heißt Kindergarten. Hier hängen die Eltern-Knie direkt unter dem Kinn. Inmitten des obligatorischen Stuhlkreises liegen gemalte Bilder. Mit mehr oder weniger viel Mühe lassen sich erkennen: ein Haus, ein Baum, eine Familie, ein Regenbogen.... Und einige undefinierbare Farbkleckse. Aus den Gesichtern der Mütter und Väter – Frauenquote über 90 Prozent – lässt sich ablesen: Hoffentlich stammt der Klecks nicht von meinem Kind. Da kommt schon die Frage. „Was glaubt ihr, welches Bild euer Kind gemalt hat?“ Nur ein Vater liegt richtig. Es ist nicht der Klecks.

Pure Verzweiflung löst das Mitmachspiel aus: Jedem Buchstaben des Kindervornamens soll eine Eigenschaft zugeordnet werden. Marie.... Müde, anstrengend, redselig...? Nee, geht nicht. Nach drei Minuten legen die ersten Eltern ihre Stifte beiseite und gucken zufrieden. Nach zehn Minuten starren einige Mütter mit hochroten Köpfen auf leere Zettel. N wie nervtötend? L wie lieb? Die Erzieherin erlöst die Grübelnden.

Die erste Mutter trägt strahlend vor: Fiona ist fröhlich, irrsinnig witzig, oberschlau, eine Naschkatze und liebt Abenteuer. Die nächste Mutter sagt leise: Mir fiel nichts ein. Ein peinlicher Moment. Elternabend heißt auch, sich und sein Kind ganz neu kennenzulernen. Schnell weiter im Programm. Kuchenbasar, Kita-Fest, Ferienzeiten... Und dann, ganz bald – der nächste Elternabend.


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