Keine Chemie : Elektronen schützen Saatgut

Lässt auf seine chemiefreie Saat nichts kommen: Nordkorn-Chef Prelwitz
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Lässt auf seine chemiefreie Saat nichts kommen: Nordkorn-Chef Prelwitz

Aus für chemische Beizmittel: Ein Fünftel der Getreidefläche in MV wird mit chemiefreiem Samen bestellt

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06. September 2017, 12:00 Uhr

Das ist in Deutschland in dem Ausmaß bisher einmalig: In MV wird ein Fünftel des Getreidesaatgutes zum Schutz vor Pilzen und Schädlingen nicht mehr mit Beizmitteln sondern mit einem chemiefreien Verfahren mit niederenergetischen Elektronen behandelt. Nach jahrzehntelanger Forschung und millionenschweren Investitionen wird das Verfahren beim größten Saatgut-Aufbereiter in MV, Nordkorn-Saaten in Güstrow, genutzt. „Wir hatten nach Möglichkeiten gesucht, die Produktionsprozesse nachhaltiger gestalten“, erklärte Nordkorn-Chef Andreas Prelwitz – mit Erfolg.

Mit dem so genannten E-Vita-Verfahren würden die Saaten besonders schonend und sicher vor Krankheiten geschützt. Das Korn werde ohne Beize sterilisiert, bleibe frei von Schadstoffen und unbedenklich für Menschen und Tiere, erläuterte Prelwitz. Dabei wirke das Verfahren nur an der Oberfläche. Bakterien, Viren und Pilzsporen würden getötet, aber der Keimling bleibe unberührt. Entsprechend behandelte Saat sei sogar für den Öko-Landbau zugelassen und koste nicht mehr als herkömmliche, erklärte Prelwitz. Inzwischen belegten europaweite Praxisversuche, dass die Bildung von resistenten Krankheitserregern ausgeschlossen und das Saatgut lange haltbar sei. Prelwitz: „100 Prozent pflanzlich.“

Bauern als Umweltschützer: Das neue Verfahren kommt bei den Landwirten an. Mit Elektronen behandelte Saaten würden bereits großflächig in MV aber auch in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein in den Boden gebracht – in MV auf 20 Prozent der Getreideanbaufläche. Künftig wolle Nordkorn für die Hälfte der Anbaufläche die neuen Saaten bereitstellen. Damit nehme MV nach Unternehmensangaben eine weltweit viel beachtete Führungsposition ein. Das Verfahren sei inzwischen dem Versuchsstadium entwachsen, meinte Prelwitz. Einige Bauern würden schon 100 Prozent ihrer Flächen mit den neuen Saat bestellen. „Die Landwirte machen sich auf einen neuen und belastungsfreien Weg für Umwelt, Natur und Anwender.“ Mit dem chemiefrei behandelten Saatgut ließen sich bislang jährlich bis zu 40 000 Liter Beizmittel ersetzen – zum Schutz der Umwelt aber auch der Landwirte auf den Drillmaschinen. Die mussten bislang mit Schutzkleidung das gebeizte Saatgut in die Maschinen füllen – inmitten einer roten Staubwolke des Beizmittels und mit großen Gefahren: Die Hersteller der Beize warnen u. a. davor, dass das chemische Mittel die Fruchtbarkeit beeinträchtigen, Kinder im Mutterleib und Säuglinge über die Muttermilch schädigen könne.

Jahrzehntelange Forschung: Das Verfahren, das dem Prinzip des Röhrenfernsehers folgt und auch zur Desinfektion von Getränkeverpackungen und medizinischen Produkten eingesetzt wird, beruht auf DDR-Forschungen des Ardenne-Instituts in Dresden.

In den 90er-Jahren entdeckte das Fraunhofer-Institut für Elektronenstrahl- und Plasmaphysik das Verfahren neu und brachte es zur Anwendungsreife. Nach gemeinsamen Versuchen mit der Landesforschungsanstalt MV und Investitionen von 3,5 Millionen Euro sei in Güstrow eine Großanlage aufgebaut worden. Um den steigenden Bedarf zu decken, komme im Frühjahr 2018 eine weitere Anlage hinzu – 1,9 Millionen Euro teuer und ohne öffentliche Subventionen gebaut, erklärte Prelwitz.

Nordkorn-Saaten gehören seit 2016 zur Ceravis AG – einem der größten Agrarhändler. Das Unternehmen bereite jährlich etwa 65 000 Tonnen Rohware von 140 Vertragsanbauern im Norden auf und verarbeitet sie zu 42 000 Tonnen Saatgut – Getreide, Ölsaaten, Leguminosen wie Erbsen, Ackerbohnen, Lupinen, Gras.

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