Video : Einsatz in Tiefe und Dunkelheit

 
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Ein Tag mit Polizeitauchern in der Ostsee. Truppe hat Nachwuchssorgen

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10. Januar 2018, 12:00 Uhr

Die Autodiebe haben das wichtigste Beweismittel verschwinden lassen. Auf der Flucht vor der Polizei versenkten sie den geklauten Wagen kurzerhand an einer Anlegestelle bei Wismar in der Ostsee. Aber wo genau? Das soll Polizeitaucher Oliver Schröder herausfinden. Ausgerüstet mit einer kleinen Kamera springt er vom Kai in Wohlenberg in die ein Grad kalte Ostsee. Mit der flachen Hand tippt er sich auf den Kopf und signalisiert seinen Kollegen damit: Alles in Ordnung. Sicherheit geht auch bei einer Übung vor. Dann taucht Schröder ab. Luftblasen steigen auf. Über das Ultraschalltelefon, die Verbindung zu den Kollegen am Kai, sind tiefe Atemgeräusche zu hören.

 

Polizeitaucher wie Schröder suchen in Flüssen, Seen, Teichen und der Ostsee nach Vermissten und Beweisstücken. „Autos, Waffen, Handys, Portmonees. Auch Tresore haben wir schon aus dem Wasser gezogen“, erklärt der Leiter der Technischen Gruppe der Bereitschaftpolizei, Polizeihauptkommissar Jan Neubauer. Auch das Aufspüren von Drogen gehört zu den Aufgaben seiner Taucher. Im Rostocker Stadthafen entdeckten sie auf einem Kohlefrachter aus Venezuela 2005 die Rekordmenge von 150 Kilogramm Kokain. Die Drogen waren in einem Seekasten an der Außenwand des Schiffes versteckt.

Bei der Übung in der Ostsee ist Aufklärungstaucher Schröder schnell fündig gefunden. „Blauer Pkw. Citroen Evasion. Er steht etwa 45 Grad mit dem Heck zum Freiwasser“, meldet er nach wenigen Minuten über das Tauchertelefon. „Die Basis hat verstanden“, bestätigt der Signalmann an Land über sein Headset. Für die Bergung des Fahrzeuges springen zwei weitere Taucher ins Wasser. Sie bringen an dem in fünf Meter Tiefe liegenden Fahrzeug ein dickes Seil an. Der Taucherfahrstuhl ist eingerichtet. Die Kollegen auf dem Trockenen lassen an dem Tau Schlingen und Karabinerhaken direkt zum Fahrzeug sinken.

Das Wasser in der Ostsee ist an diesem Tag klar und ruhig. „Ideale Bedingungen“, findet Neubauer. Das kommt selten vor. Die Polizeitaucher müssen bei jedem Wetter und bei allen Temperaturen ins Wasser. 365 Tage im Jahr. „Die Regel sind eher Einsätze im Stadthafen oder in Dorfteichen. Da sieht man oft die Hand vor Augen nicht und muss sich ausschließlich auf seinen Tastsinn verlassen“, erklärt Neubauer.

Manchmal stecken die Taucher auch bis zum Hals im Schlamm. Auf der Suche nach einer vermissten Frau in der Mecklenburgischen Seenplatte kämpften sie sich im Dezember vor zwei Jahren tagelang durch nach Gülle und Fäkalien stinkende Tümpel und Gräben. „Mit Freizeittauchen hat der Job nichts zu tun“, sagt Neubauer. Polizeitaucher müssen auch nach Toten, Leichen- und Körperteilen suchen. „Das muss man in diesem Beruf akzeptieren. Sonst ist man hier verkehrt“, sagt Neubauer. Wichtig sei, dass man in der Gruppe über solche Einsätze spreche. Hilfe können die Beamten auch bei einem Polizeiseelsorger und beim Polizeipsychologischen Dienst suchen.

Am Kai in Wohlenberg werden gelbe Säcke aus Kunststoff ins Wasser bugsiert. Sie werden später mit Luft gefüllt, um das Fahrzeug an die Oberfläche zu befördern. „Funktioniert wie ein Luftballon“, erklärt ein Signalmann. Doch zunächst müssen die Taucher die segelgroßen Säcke erst einmal unter Wasser drücken. Eine kräftezehrende Aufgabe. „Arbeiten unter Wasser sind extrem anstrengend. Man hat ja nichts zum Abstützen, da verpufft viel Kraft“, weiß Neubauer. Hammerschläge würden durch den Wasserwiderstand gebremst. „Auch Sägen und Schraubenlösen ist schwer“, sagt der Polizeihauptkommissar.

Das versenkte Fahrzeug in der Ostsee ist nach knapp anderthalb Stunden zur Bergung bereit. Pressluft zischt in die gelben Hebesäcke. Den Rest erledigt der Wasserauftrieb. Der blaue Citroen taucht an der Wasseroberfläche auf. Der komplett entkernte Übungswagen wird mit einem Kran an Land gehoben. Die Polizeitaucher haben ihren Job erledigt. Bei einem echten Einsatz würden die Kollegen von der Spurensicherung jetzt übernehmen.

„Hat alles gut geklappt. Das Auto stand frei auf allen vier Rädern, da sind wir nahezu problemlos rangekommen“, sagt Polizeiobermeister Oliver Schröder zufrieden. Der 28-Jährige ist seit fünf Jahren Polizeitaucher. „Ich suche immer die Herausforderung und gehe gerne an meine Grenzen“, erzählt er. „Vor allem mit der Dunkelheit, der Tiefe und der Kälte muss man klarkommen.“

Rund zwölf Wochen dauert die Ausbildung zum Polizeitaucher. Um fit für die Arbeit unter Wasser zu werden, müssen die angehenden Froschmänner viel Schwimmtraining absolvieren. „In einer Einheit kommen locker bis zu 2000 Meter zusammen“, erzählt Jan Neubauer. Von den Kandidaten wird auch verlangt, eine Strecke von 50 Metern nur mit der eigenen Atemluft zu tauchen. „Das kostet viel Überwindung“, so Neubauer. Die angehenden Taucher müssen zudem Sicherheitsregeln und Tauchmedizin pauken. Sie sind Polizisten und Taucher, Tauchlehrer und Rettungssanitäter. Als Mitglieder der Technischen Einheit werden sie auch an Kettensäge und Trennschleifer ausgebildet. Schröder und seine Kollegen werden nämlich auch gerufen, wenn sich Demonstranten an Land verbarrikadieren, verschanzen oder festketten. Und Streifendienst absolvieren sie auch.

Das Interesse an den zusätzlichen Herausforderungen hält sich bei den Polizeischülern allerdings in Grenzen. Die Polizeitaucher suchen dringend Nachwuchs. Sechs Männer und eine Frau sind aktuell als Polizeitaucher aktiv. Drei Stellen sind aktuell bei der Truppe unbesetzt. „Neue Leute zu finden ist schwierig. Der Job als Polizist ist schon anstrengend genug. Die vielen Aufgaben und die anspruchsvolle Ausbildung schrecken den einen oder anderen vielleicht ab“, glaubt Neubauer. Es gebe auch keine finanziellen Extraanreize. Den Tauchern werde lediglich eine Erschwerniszulage pro Einsatz gezahlt. Gerade einmal 5,80 Euro zusätzlich erhält ein Beamter beispielsweise, wenn er seinen Tauchanzug anzieht und eine Stunde lang durch einen Dorftümpel watet. Taucht er auf 50 Meter ab, bekommt er dafür rund 50 Euro extra.

Vielleicht sind es aber auch die unangenehmen Einsätze, die junge Menschen abschrecken. Auch Oliver Schröder musste schon nach Toten und Vermissten suchen. „Darüber sprich man auch schon mal privat“, sagt er. Im Einsatz müsse der Kopf aber frei bleiben. Unter Wasser könnten selbst kleine Fehler lebensgefährlich werden.

Die Suchaktionen nach Vermissten im Wasser enden meistens mit einer traurigen Nachricht für die Angehörigen. „Ich kann aber zumindest helfen, dass die Hinterblieben Gewissheit über das Schicksal ihres Angehörigen haben“, sagt Oliver Schröder.

Die Suche nach Elias aus Potsdam

Die Polizeitaucher der Bereitschaftspolizei in Mecklenburg-Vorpommern absolvieren im Jahr rund 30 Einsätze. Ihre Kollegen in Brandenburg wurden vergangenes Jahr 17-mal angefordert. Im Jahr zuvor waren es 21 Einsätze. Meist suchten sie nach verunglückten und vermissten Personen. Die Polizeitaucher aus Brandenburg waren im Juli 2015 auch an der umfangreichen Suche nach dem vermissten Elias aus Potsdam beteiligt. Die Leiche des ermordeten Jungen wurde erst Monate später entdeckt.
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