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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 10:37 Uhr

Einmal Wunder und zurück

vom

svz.de von
erstellt am 13.Apr.2012 | 07:03 Uhr

Goldberg | Irgendwie ist ihm der Glaube abhanden gekommen. Der Glaube an die Zukunft von Goldberg. An einen Ort irgendwo im Nichts zwischen Hamburg und Berlin. An eine Gegend, über der beim Wetterbericht in der Tagesschau immer die Wolkensymbole hängen, weil die Städte darunter sowieso kaum jemand kennt. Bauamtsleiter Gerd Wüster sitzt in seinem Büro und schaut hinaus auf ein paar halb verfallene Gebäude. Um ein Haar wäre für Goldberg alles anders gekommen. Auch Wüster hat einmal daran geglaubt. Am Ende aber war das Haar kein Haar. Es war ein Tau. Dick und unnachgiebig.

Es war ein Freizeitpark, in den der Mann im leuchtend roten Pullover einmal viele Hoffnungen gelegt hat. Name: Discoveryland. Investitionssumme: 125 Millionen Euro. Neue Arbeitsplätze: 300. Hotelbetten: 2000. Astronomische Zahlen für eine Stadt mit weniger als 4000 Einwohnern. "Es ist Goldbergs letzte Chance", diesen Satz sagte Gerd Wüster immer wieder. Gebetsmühlenartig. Noch heute steht er zu diesem Mantra. "Das Konzept wird positiv aufgenommen - aber die geographische Lage scheint das Problem für die Investoren zu sein", sagt Wüster. Endgültig verabschieden will er sich von der Parkidee aber noch immer nicht. Er nennt das "verhaltenen Optimismus". Goldberg schreibt das Jahr fünf nach der ganz großen Hoffnung. Eigentlich hätten die Bauarbeiten im Jahr 2008 beginnen sollen. Doch seitdem hat sich auf dem ehemaligen Armeegelände am Goldberger See nicht viel getan. Die Kasernen stehen da. Grau wie eh und je.

Wolfserwartungsland statt Zukunftsland

Vor genau 20 Jahren war Wüster nach Goldberg gekommen, hatte große Erwartungen und viel Optimismus im Gepäck. Heute nennt Wüster die Gegend um Goldberg "Wolfserwartungsland". Früher mussten Geier als Symbol für Tod und Untergang herhalten. Heute sind es Wölfe.

Die Idee für das Park-Projekt hatte Ulrich Kleist. Der Mann aus Schleswig-Holstein machte das Gebiet am Goldberger See ausfindig. Kleist gilt als ideenreicher Kopf, als kreativ und einfallsreich. Es gibt aber auch Menschen, die in ihm einen verschrobenen Spinner mit überdimensionierten Visionen sehen. Eines aber müssen die Goldberger Kleist lassen: Er hat dazu beigetragen, die Bausubstanz der Stadt vor dem sicheren Ruin zu retten - erfolgreich. Fünf Altbauten hat Kleist mit Unterstützung des Städtebauprogramms bereits saniert, ein sechstes Haus ist aktuell in Arbeit. "Die Ergebnisse können sich sehen lassen", heißt es aus dem Bauamt. Doch viele in der Stadt gönnen Kleist die Fördermittel nicht, sprechen von Pfusch am Bau, mieser Arbeit, Geldmacherei.

Mit Kleist ins Gespräch zu kommen, ist so gut wie unmöglich. Ziemlich große Töne sind ziemlich hartnäckiger Verschwiegenheit gewichen. Eine Interviewanfrage bügelt der Mann mit den schulterlangen, grau-weißen Haaren barsch ab. Ein ganzes Stück wirkt auch Kleist so, als habe er den Traum vom Goldberger Freizeitpark schon längst aufgegeben. Nur sagen will er das offenbar nicht.

Grund für das Ende der Pläne sind vor allem die Investoren, die anfangs Interesse zeigten, dann aber allesamt absprangen. Besorgen sollte die Investoren Dirk Adamski und seine in Jena ansässige Metropolis GmbH. Zu erreichen ist Adamski nicht mehr. Hört man sich in Jenas Immobilienszene um, dann gibt es als Antwort auf den Namen Adamski immer dieselbe Reaktion: "Wir hatten zu keiner Zeit Geschäftskontakt zu Herrn Adamski". Vertrauen klingt anders. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, ein 125-Millionen-Euro-Projekt sei nicht die Liga, in der Adamski spiele. Investoren anzulocken, das schaffte Adamski am Ende nicht.

"Freunde wären wir sicher nicht geworden"

Investoren, die auch eine Putenfarm, die sich auf dem Gelände befindet, hätten kaufen müssen, um sie anschließend abzureißen. Doch auch zum Verkauf der Anlage an Kleist oder seine Geldgeber kam es nie. Und das, obwohl dem Schritt nichts im Wege gestanden hätte. Der Betreiber der Farm war pleite, der Insolvenzverwalter räumte Kleist ein Vorkaufsrecht ein. Allein: Davon machte Kleist keinen Gebrauch. Anscheinend fehlte das Geld. Schließlich kaufte der Putenzüchter Thomas Storck die Farm. Er ist Inhaber der niedersächsischen Firma Gut Jäglitz und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Putenerzeuger. Persönlich trafen Storck und Kleist nur ein einziges Mal aufeinander. Gute Erinnerungen hat Storck daran nicht. Nachdem Kleist nicht von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht hatte, wollte er anscheinend verhindern, dass Storck die Putenfarm kauft. "Er hat Drohgebärden aufgebaut - Freunde wären wir sicherlich nicht geworden", sagt Storck. Er sei auch weiterhin bereit, Kleist die Putenfarm zu verkaufen. "Aber auf mich ist in der Sache noch nie jemand zugekommen", sagt der Niedersachse.

Das Projekt Discoveryland ist zum Stillstand gekommen. Und dabei hatte es einmal nach ziemlich freier Fahrt ausgesehen. Große Teile der Goldberger Stadtvertretung wollten den Park unbedingt. Sie segneten einen noch immer bestehenden Bebauungsplan ab, der Kleist viele Freiheiten lässt. Ein Steg, der weit in den Goldberger See hineinragt oder die Genehmigung zum Bau von 40 Bootshäusern am Ufer. Der See liegt mitten in einem Landschaftsschutzgebiet, eine Bebauung ist dort eigentlich nicht möglich. Doch auch der damalige SPD-Landrat Klaus-Jürgen Iredi glaubte offenkundig an den Park. Er ließ das ehemalige Militärgelände aus dem Schutzgebiet herausnehmen, machte so den Weg für eine Bebauung frei. Ein ungewöhnlicher Vorgang.

Ein Punkt auch, der Kritiker auf den Plan ruft. Dietmar Dethloff steht auf seinem Campingplatz und schraubt an einem Auto herum. Noch ist nicht viel los auf dem Platz, der ebenfalls am Seeufer liegt und unmittelbar an das mögliche Parkgelände grenzt. Dethloff trägt Jeans und eine Arbeitsjacke. Seine etwas wilden grauen Haare hat er unter eine Schlagmütze gesteckt, die er falschherum auf dem Kopf trägt. Wenn Dethloff den Namen Ulrich Kleist hört, verzieht er das Gesicht, als ramme man ihm eine Nadel in die Haut. "Gegen einen Vergnügungspark habe ich nichts", sagt er, "aber nicht hier, mitten in der Natur", schimpft er los. Ganz uneigennützig sind seine Einwände nicht. Er fürchtet auch um sein eigenes Geschäft. "Tausende von Menschen jeden Tag, eine Achterbahn, der Lärm - das würde die Gegend um den Goldberger See zerstören", sagt er. Dethloff war früher Stadtvertreter. Auch in der heißen Phase der Genehmigung. In der Stadtvertretung wandte er sich regelmäßig gegen die Pläne. Doch die Mehrheit seiner Politikerkollegen wollte den Vergnügungspark unbedingt, schloss Dethloff am Ende als befangen von den Sitzungen aus. "Immer, wenn über das Thema Discoveryland abgestimmt wurde, musste ich den Saal verlassen", sagt Dethloff, der damals ein ganzes Stück Glauben an die Demokratie verlor.

Nicht die ersten Pläne für einen Vergnügungspark

Beim Oberverwaltungsgericht in Greifswald hat Dethloff Klage gegen den Bebauungsplan eingereicht. Dort liegt das Normenkontrollverfahren nun schon seit drei Jahren. Aktenzeichen 3K6/09. "Wann ein Urteil fallen wird, ist derzeit nicht absehbar", sagt Richterin Dorothea ter Veen. Besonders dringend ist der Urteilsspruch ohnehin nicht. Denn es ist so gut wie sicher, dass in Goldberg nie ein Vergnügungspark entstehen wird.

Sicher auch, weil es nicht Ulrich Kleists erste Pläne für einen Vergnügungspark sind, aus denen am Ende nichts wurde. Er war es, der den Vergnügungspark im Berliner Plänterwald wiederbeleben wollte. Auch hier legte er Konzepte vor, die zwar anfänglich überzeugten, letztlich jedoch nie den Weg in die Realität fanden. Kleist wollte in dem Park versunkene Kulturen wiederaufleben lassen. Alte Ägypter, Inker, Steinzeitmenschen - sie alle fanden sich in Kleists Konzept für den ehemaligen Spreepark. Pyramiden, der Nil, Stonehenge, Pfahlbausiedlungen, die Grotte von Lascaux, Pompeji. "Meilensteine der Zivilisationen" - so wollte der Ideengeber den Park nennen. Viele waren davon begeistert. Auch von Investitionen, die Kleist in Aussicht stellte: Gelder in Höhe von 30 Millionen Euro, 95 neue Arbeitsplätze, bis zu einer halben Million Besucher pro Jahr, 900 Parkplätze. Im Gegensatz zu den Plänen für Goldberg waren das beinahe bescheidene Pläne. Doch umsetzbar war auch die abgespeckte Version am Ende nicht.

"Dass es nie zur Umsetzung der Ideen kam, lag nicht an Ulrich Kleist", sagt Ute Löbel, Leiterin des Fachbereiches Stadtplanung im Bezirksamt Treptow-Köpenick. Verschiedene Gremien seien von dem Konzept vollkommen überzeugt gewesen, allerdings würden millionenschwere Hypotheken auf dem Grundstück lasten. Die Banken stellten sich bei Alternativlösungen quer, sodass letztlich keine Investoren gefunden werden konnten. Kleist allerdings sei in keinster Weise negativ aufgefallen, er könne nichts für die Misere. Das Finanzamt Treptow-Köpenick wollte den Erbbauvertrag mit dem insolventen Betreiber, der Spreepark GmbH, zwangsversteigern lassen, um den Weg für Investoren frei zu machen. Doch der Hauptgläubiger, die Deutsche Bank, spielte nicht mit. Und so liegt der traditionsreiche Vergnügungspark an der Spree weiterhin brach. Kleist hin oder her.

"Wir haben von Kleist nie wieder etwas gehört"

Eine Kleist-Geschichte erzählt auch Manfred Schreiner aus dem rheinland-pfälzischen Dahn. Als Schreiner noch Bürgermeister des 4500-Seelen-Ortes ist, bekommt er vor sechs Jahren Besuch von Ulrich Kleist. Dessen Idee: ein Western-Erlebnispark mit hohen Investitionen, vielen Besuchern, vielen Vorteilen für die Stadt. Am Ende gab es keinen Park. Im Gegenteil: Die Pläne waren noch schneller vom Tisch, als sie auf selbigem gelandet waren. "Mir kam die Sache sofort komisch vor, drei Nummern zu groß für eine so kleine Stadt", erinnert sich Schreiner. Anders als die Goldberger Stadtvertreter waren die Dahner Stadträte von Anfang an skeptisch. Kleist stellte sich letzteren in einer Sitzung vor, die Stadträte jedoch schlugen sofort eine Bürgerbeteiligung vor. "Wir haben dann nie wieder etwas von Kleist gehört", sagt Schreiner.

Auch im Schweriner Wirtschaftsministerium ist Ulrich Kleist kein Unbekannter. Er bemühte sich um Fördergelder, stellte im Jahr 2005 einen Antrag. Zeitweise sah es mit einem Fördermittelbescheid gar nicht schlecht aus. "Da relevante Unterlagen aber nicht vorlagen, erließ das Landesförderinstitut im Jahr 2010 einen Ablehnungsbescheid wegen Fristüberschreitung", sagt Ministeriumssprecher Gerd Lange.

Damit hat sich der Fall Discoveryland Goldberg für das Ministerium erledigt. Er hat sich eigentlich für alle erledigt. Für alle außer Gerd Wüster und seinen verhaltenen Optimismus. Der Bauamtsleiter atmet tief ein und genauso tief wieder aus. "Tja", sagt er. Wenn Wüster recht hat und das Discoveryland Goldbergs letzte Hoffnung ist, dann gibt es keine Hoffnung mehr für Goldberg. Aber vielleicht liegt er ja falsch. Vielleicht gibt es auch ohne Vergnügungspark noch ein wenig Hoffnung. Den Glauben daran, den hat der Mann im roten Pullover verloren.

Goldberg sei die Stadt der drei Lügen, heißt es. Es gebe hier weder Gold, noch Berg, noch Stadt. Vielleicht ist Goldberg seit ein paar Jahren sogar die Stadt der vier Lügen. Irrtum Nummer vier: Nur mit Vergnügungspark hat Goldberg eine Zukunft.


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