Ein Syrer erzählt : Einmal in der Woche Kichererbsen

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Eine Leserin fragte uns: Wie lebten die Flüchtlinge vor dem Krieg? Der Syrer Moha antwortet ihr

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17. März 2016, 12:00 Uhr

„Es wird so viel über Flüchtlinge geschrieben und im Fernsehen gebracht. Aber man weiß manchmal nicht mehr, was man glauben soll.“ Mit diesen Zeilen wandte sich Brigitte Hintze vor Kurzem in einem Leserbrief an unsere Redaktion. Es sind Worte, mit denen die Roggendorferin wohl vielen aus dem Herzen spricht. Ende letzten Jahres erreichten   Tausende Menschen aus fernen Ländern und fremden Kulturen Mecklenburg-Vorpommern. Doch kaum wird erklärt: Wie haben diese Menschen früher – also vor dem Krieg –  eigentlich gelebt. „Bei uns sind auch syrische Flüchtlinge. Ich würde gerne mehr wissen“, schreibt uns Brigitte Hintze. „Also, all die kleinen Dinge des Lebens.“

Wir haben Moha die Fragen von Brigitte Hintze weitergeleitet. Seit fast einem halben Jahr begleitet die Redaktion den syrischen Flüchtling, der in MV ein neues Leben anfangen will. Er erzählt aus seinen Erfahrungen. Seine Antworten haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Genauigkeit. Es ist die Art, wie Moha die Dinge erlebt hat.

Brigitte Hintze:  Wie stehen  Syrer zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen?

Moha: Frauen und Männer haben in Syrien  die gleichen Rechte. Frauen dürfen auch zur Schule gehen, arbeiten, einen Führerschein machen und so weiter. Das ist nichts Neues, sondern gibt es schon  lange. In vielen Dingen haben Frauen sogar mehr Rechte. Zum Beispiel können sie freiwillig entscheiden, ob sie zur Armee gehen oder nicht. Männer haben keine Wahl. Sie müssen gehen. Oder vor einer Hochzeit muss der Mann einen Geldbetrag an seine Zukünftige zahlen und in einem Vertrag wird festgehalten, wie viel er ihr im Fall einer Scheidung zahlen muss. Es gibt noch eine Besonderheit in Syrien: Sie hat mich, um ehrlich zu sein, immer etwas geärgert. Frauen dürfen sich beim Anstehen in der Schlange  immer vor die Männer stellen.

Welches Essen ist typisch für  Syrien?

Das ist eine Frage, die ich so gar nicht beantworten kann. In den einzelnen Regionen in Syrien gibt es sehr unterschiedliche Vorlieben. Zum Frühstück essen die meisten – ähnlich wie in Deutschland – Brot, zum Beispiel mit Käse. Dabei handelt es sich um Weißbrot. Außerdem gibt es eine Art Joghurt. Er ist etwas flüssiger als der Joghurt hier. Die Syrer trinken viel syrischen Kaffee. Der ist mit Kardamom gewürzt. In Damaskus essen viele Menschen mindestens einmal die Woche Falafel oder Schawarma zum Mittag. Falafel sind Bällchen aus pürierten Bohnen oder Kichererbsen. Syrer lieben Kichererbsen. Schawarma ist ein Fleischgericht, dass ähnlich wie ein Döner zubereitet wird. Außerdem essen wir viele Gerichte mit Olivenöl. Zum Beispiel  eingelegte Auberginen.  Viele Syrer essen Mittag  sehr spät. So gegen 14 Uhr. Das hängt damit zusammen, dass gegen 13 Uhr früher viele Beamte Feierabend hatten und zuhause gegessen haben. Seit ein paar Jahren müssen sie jedoch bis 16 Uhr arbeiten.

Wie sieht das Bildungssystem aus?

Jedes Kind muss mit sechs in die Schule gehen. Das ist vom Gesetz so vorgeschrieben. Der Unterricht geht zirka von 7.30 bis 13 Uhr. Nach der Schule müssen die Kinder noch Hausaufgaben machen.  Die Schulpflicht geht  nur bis zur 6. Klasse. Sie sollte auf neun Jahre ausgeweitet werden. Aber der Krieg hat diese Gesetzesänderung verzögert. Nach den sechs Jahren beginnen viele eine Ausbildung. Ähnlich wie hier gehen die höheren Stufen bis zur 12. Klasse. Bildung, also   Schule und Studium sind in Syrien kostenlos.  Dennoch beenden nicht alle die Schule oder gehen studieren. Es hängt von den Eltern und Einkünften ab. Man muss ja auch von etwas leben. Freunde von mir mussten zum Beispiel neben dem Studium arbeiten gehen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Welche Industriezweige gibt es in Syrien?

Wir haben Bodenschätze wie  Erdöl und Erdgas in Syrien.  Ein Großteil der Fördermenge wird exportiert. Besonders stolz sind wir jedoch auf unsere Seide. Der wertvolle Stoff wird mit echten Goldfäden verwebt. Das gibt es nur in Syrien. Sogar  Queen Elisabeth trägt Kleidung aus diesem Material. Die Herstellung von Textilien und Nahrungsmittel macht etwa ein Fünftel des Exportvolumens aus. Wir hatten auch etwas Auto-Industrie. Die Einzelteile kommen jedoch  aus dem Iran. Aber die Fahrzeuge sind nicht mein Geschmack.

Was bauen syrische Landwirte an?

Vor dem Krieg lebten wir in einer sehr komfortablen Situation. Wir hatten  Gas und Öl in unserem Land. Aber Präsident Baschar al-Assad und seine Truppen steckten das ganze Geld in ihre Taschen.  Im Gegensatz zu den Golf-Staaten haben wir auch Landwirtschaft. Wir sind sehr stolz auf unsere Orangen und Zitronen. Die sind sehr beliebt. Genauso wie unser Olivenöl. Außerdem bauen wir Baumwolle und Weizen an. Aber es ist nicht so, wie in Deutschland, dass man links und rechts von der Straße nur Felder sieht. Es hängt viel vom Wasser ab. Im Norden und an der Küste gibt es genug Wasser. Genauso wie in Damaskus wo der Fluss Barada verläuft. In anderen Gegenden sieht das anders aus.  Syrien hatte schon immer Probleme mit den Nachbarn wegen des Wassers.

Wie leben die Familien?

Die Familien in Syrien sind viel größer als in Deutschland. Ich habe fünf Geschwister. Vor dem Krieg war es üblich, dass sich die Familien am Freitag immer zum Grillen auf dem Land getroffen haben.    Dann kam die ganze Familie zusammen. Familie ist in Syrien sehr wichtig. Sie kümmert sich  gemeinsam um die Kinder. Mit Tanten,  Cousinen und so weiter ist man schnell bei 40 Personen. Bei Hochzeiten kommen daher allein schon aus der Familie zirka  60 Personen. Erst dann fängt man an zu zählen. In Syrien gilt es als sehr unhöflich, Einladungen abzulehnen. Vor allem bei Beerdigungen. Wenn jemand verstorben ist, sollte man innerhalb von drei Tagen die Familie besuchen und sein Beileid ausrichten.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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