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Ehemalige Weggefährten sehen Joachim Gauck als guten Bundespräsidenten : Einfühlsam, vermittelnd - und ein bisschen eitel

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erstellt am 11.Mär.2012 | 05:31 Uhr

Wenn Joachim Gauck am 18. März zum Bundespräsidenten gewählt wird, verfolgt das Arvid Schnauer in Rostock besonders aufmerksam. Die beiden ehemaligen Pastoren haben eine gemeinsame berufliche Vergangenheit, viele Jahre leiteten sie in Rostock Kirchgemeinden in den neu entstandenen Plattenbauvierteln. Sie begleiteten aktiv die Proteste, die 1989 zum politischen Umsturz in der DDR führten. "Joachim konnte mit seiner Art die Leute begeistern", sagt Schnauer. Er sei einfühlsam und vermittelnd, auch von einer gewissen Eitelkeit geprägt. Ein "Halbgott", wie er mitunter gern präsentiert werde, "das ist er nicht".

Anfang der 1960er Jahre studierten Schnauer und Gauck in Rostock zusammen evangelische Theologie. "Schon damals ist mir Joachim als freundlich und offen aufgefallen", sagt Schnauer. Als Pastoren in den Neubausiedlungen mussten sie von den eigenen Wohnungen aus eine Jugendarbeit aufbauen. Einen Kirchenraum hatten die sozialistischen Stadtplaner nicht vorgesehen.

Auf zwei Kirchentagen in den 1980er Jahren sprach Gauck öffentlich über den Drang nach Freiheit. "Ich habe ihn gewarnt, dass die Jugendlichen Ärger bekommen könnten, wenn sie seine Freiheitsparolen aufgreifen", erinnert sich der 74-jährige Schnauer.

Mindestens zwei junge Leute aus Gaucks Gemeinde seien auch verhaftet worden.

Enge Bindung an seine Mitmenschen

Ab dem 19. Oktober 1989 übernahm Gauck Gottesdienst und Predigt in der Rostocker Marienkirche, an die sich Protestdemonstrationen anschlossen. "Er konnte die Emotionen seiner Zuhörer aufnehmen. Und wenn die Meinungen auseinandergingen, äußerte er Kritik freundlich und so, dass der andere sie annehmen konnte."

Auch Gauck selbst erinnert sich noch gerne an die Stimmung, die damals herrschte: "Es war faszinierend, wie die Menschen sich innerhalb weniger Tage verwandelt hatten, sie wirkten wie neugeboren." Diese enge Bindung an die Menschen sei einer der Gründe, warum Gauck für viele zu einem Gesicht der friedlichen Revolution in Rostock wurde, sagt Schnauer.

Wege trennten sich 1990

Als Gauck 1990 in die erste frei gewählte Volkskammer einzog, trennten sich die Wege der beiden. Schnauer ist anzumerken, dass dieser Schritt für ihn einen Bruch darstellt. Als evangelischer Pastor sehe er in Gaucks "politischem Ehrgeiz durchaus einen gewissen Antrieb für Selbstverliebtheit". Dennoch glaube er, dass Gauck ein guter Bundespräsident sein werde: "Er kann Menschen für sich gewinnen und führen, Themen aufgreifen und bewusst machen."

Allen Verdiensten vor, während und nach der Wende zum Trotz schwimmt Gauck vor allem in Ostdeutschland nicht gerade auf einer Sympathiewelle. Frühere DDR-Bürgerrechtler bezweifeln sogar seine Eignung für das Amt des Bundespräsidenten. Gauck werde die Kompetenz mit Blick auf sein Leben in der DDR zugesprochen, dabei sei er nur vom Mangel an Freiheit geprägt worden, nicht jedoch vom Kampf für deren Durchsetzung, schrieben elf Mitglieder kirchlicher Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen in einer vom Berliner "Tagesspiegel" veröffentlichten Erklärung.

Warten auf die Ehrenbürgerschaft in Rostock

In Rostock selbst gibt es seit zwei Jahren den politischen Willen, den 1940 in der Hansestadt geborenen Gauck zum Ehrenbürger zu ernennen. Die Linken jedoch stellen sich in der Bürgerschaft quer, nun soll im April abgestimmt werden. In einer Zeitungsumfrage erklärte eine Mehrheit der Einwohner von Mecklenburg-Vorpommern, sich nicht ausreichend von Gauck vertreten zu fühlen.

Für Christoph Kleemann, als ehemaliger Studentenpfarrer in Rostock ebenfalls Weggefährte von Gauck, liegt der Grund in dessen unerbittlichem Bemühen, die DDR-Geschichte nicht zu verdrängen. Dazu gehörte auch der Umgang mit den Stasi-Akten, für die eine eigene Institution gegründet wurde, die Gauck von Ende 1990 bis 2000 leitete. "Es ist kein Zufall, dass die Behörde nach Gauck benannt wurde. Er hat dem Thema seinen Stempel aufgedrückt", sagt Kleemann, der bis vor wenigen Jahren Leiter der Rostocker Stasi-Unterlagenbehörde war.

Nicht nachvollziehen kann Kleemann die Kritik an Gauck von der Linkspartei und Bürgerrechtlern. "Da bildet sich eine unheilige Allianz aus Menschen, die eigentlich nicht kompatibel sind. Es ist ein unschönes Spiel", sagt er. Von den prominenten Figuren der Bürgerbewegung sei Gauck der, der am besten für das Amt des Bundespräsidenten geeignet sei.

Dennoch sei auch er nicht immer mit Gauck einer Meinung gewesen, sagt Kleemann. "Gauck wollte die schnelle Einheit. Ich und viele andere aus der Bürgerbewegung wollten dagegen in der DDR die Demokratie einüben, um dem Westen auf Augenhöhe begegnen zu können."

Zaudern liegt Gauck bis heute nicht: "Die größten Unterschiede liegen zwischen denen, die die offene Gesellschaft als Chance ansehen und denen, die immer noch abwarten und der Freiheit misstrauen", sagte er jüngst bei einem Besuch in Rostock.

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