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Mecklenburg-Vorpommern

13. Dezember 2017 | 10:16 Uhr

Einer kommt, obwohl alle gehen

vom

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erstellt am 09.Okt.2012 | 09:30 Uhr

Schönbeck | "Vergangene Woche hat mir einer erzählt, dass die Welt untergehen soll. Ich mach mir aber keene Sorgen, wisst ihr! Denn jeder macht ’nen großen Bogen um unser Schönbeck, auch der Untergang." Der Witz versteckt sich nicht vorm Plattenbau. Jemand hupt auf der Dorfstraße und Gisela Levenhagen unterbricht ihr lautes Lachen. Mittwochs kommt der Konsum-Mann ins Dorf bei Woldegk. Zeit für den Kapitalismus auf vier Rädern, weil sich ständiger Kapitalismus in diesem Ort nicht mehr lohnt. Die Levenhagen sitzt vor der Platte mit zwei Freundinnen und wartet ab, bis der Nachbaraufgang mit Einkaufen fertig ist. Sie wird gleich reingehen und zwei, drei Illustrierte kaufen. Ingrid Schmidtke neben ihr nimmt immer eine Tageszeitung und einen Heftroman. Von schottischer Leidenschaft und feuriger Eifersucht darf man auch träumen, wenn man 63 Jahre alt ist. Schließlich ist sie fast die Jüngste hier im Block. "Herr Bahlke weiß schon, was wir Frauen wollen", ruft die Levenhagen ihrer Freundin nach. Vormittags ist die Provinz in Frauenhand.

Nur die Tochter ist geblieben

Viele haben Schönbeck mit den Jahren den Rücken gekehrt: die Wäscherei und die Bäckerei, das Mischfutterwerk und die Zukunft, der Sozialismus und die Toten, der Bürgermeister und die Landärztin. "Die Praxis is wech, aber Frau Doktor kommt noch zweimal inner Woche zu Besuch", sagt die Levenhagen und es klingt nicht resigniert, wenn sie von früher und von heute spricht. Schönbeck lohnt sich für ständige Medizin nicht mehr. Das klingt nüchtern: Es gab hier einst drei Verkaufsläden, eine Gärtnerei und einen Frisör. "Aber nu is hier nix mehr. Was solln die Jungschen auch bleiben", fragt die Levenhagen und zuckt mit den Schultern. Die 72-Jährige hat persönlich gegen den Einwohnerschwund geackert. Tag und Nacht, wie sie sagt und zählt auf, dass sie 15 Enkel, sechs Kinder und sieben Urenkel hat. "Aber nur die Tochter ist geblieben, arbeitet als Sekretärin in der Agrarwirtschaft im Dorf."

Der letzte Bürgermeister, Siegfried Hilbrich, ist vor einigen Jahren weg, weil er in der Nähe von Rostock Arbeit gefunden hat. Der Hauptgrund, warum sie gehen. Die drei Frauen scherzen über den Witwenanteil in der Platte, nennen Namen, die ist allein, die auch, die auch. "Ne Witwenplatte", wie die Levenhagen sagt. Die Hälfte aller Wohnungen im Schönbecker Neubau steht leer, trotzdem ist es nicht düster. Es scheint, die Natur und die Vergangenheit nehmen sich den Menschen zurück und fangen in diesem Mecklenburger Dörfchen an. Ein Dorf wie ein zerbrochener Pflasterstein, in dessen Ritzen sich Halme zu den Wolken recken. "Wir haben noch eine Handvoll junger Menschen, die auch bald gehen. Nur ein Mädchen, so 15, die noch frischen Wind bringen kann", erklärt die Levenhagen und zwinkert mit der Schmidtke um die Wette. Die 63-Jährige hat ihren Mann noch, weil sie ihn hegt und pflegt, wie sie meint. "Ein Starker, ein Guter, der grade inner Landwirtschaft aushilft, um uns die kleene Rente aufzubessern", verkündet sie und lächelt durch ihren Zigarettenqualm.

Neben der Dorfstraße zeigt sich Schönbecks größtes Projekt, ein Rinnsal voller EU-Fördergelder. Beiderseits eingequetscht läuft hier eisenhaltiges Wasser durch den Ort: der Mühlenbach, Knick für Knick, Biegung für Biegung. An einer Brücke umspannt hölzerne Verschalung diesen Lauf, der für 600000 Euro wirklich renaturiert wird. Der Bach, den sie in den 70er Jahren unter die Felder verdammt hatten, stört sich heute weder am zurückgewonnenen Tageslicht noch am Baulärm nebenan.

Sozialistische Bruchstücke

Es poltert im Unterdorf und jedem dürfte klar sein, der Abbau geht hier lautstark weiter. Unter dem Spitzdach des alten Konsums hackt ein Stadtmensch unter die hölzerne Decke, reißt Paneele herab, die sich knirschend zwischen Staub und Trümmer werfen. "Nein, nein. Ich reiß hier nichts ein. Ich baue mir was aus", verkündet er von seiner Leiter. Der 28-Jährige arbeitet in einem Neubrandenburger Baumarkt, eine halbe Autostunde entfernt. Er hat den alten Konsum vor vier Monaten für 3000 Euro gekauft, eine Ruine voll sozialistischer Bruchstücke. Die Paneele wurden hier so fest an die Decke geschraubt, als sollte dieser Konsum ewig halten. Kostosz arbeitet schwer und allein, mit der Kraft seiner ganzen Fantasie. 140 Quadratmeter Wohnfläche mit eingebautem Fußpflegestudio, seine junge Frau ist Podologin. Wann die Frau und der vier Monate alte Nachwuchs aber aus dem Datzeberger Plattenviertel hierher ziehen, kann er nicht schätzen. Er kommt, obwohl alle anderen gehen. "Ein leuchtendes Beispiel", wie Bürgermeister Detlef Penseler im Schönbecker Ortsteil Rattey erklärt. Der Chef der Gemeindevertreter ist stolz auf die Renaturierung und auf den sichtbaren Mühlenbach, stolz auf jeden Bürger, der hinzukommt. In seinem Garten sitzt er vor einer erdigen Grube, einst ein künstlicher Teich, jetzt brauner Schlamm. Der pensionierte Armeeoffizier kommt nicht dazu, den wieder herzurichten. "So viel habe ich mit diesem Ehrenamt zu tun, das ich ja eigentlich nicht wollte", sagt der aus Sachsen-Anhalt Zugezogene. Seit 1998 wohnt er in Rattey, hat sich bei der letzten Wahl mal beteiligen wollen, mal schauen, was dort so geschieht, wenn die beraten, und ob er das auch kann. Dann floh der alte Bürgermeister und niemand außer dem Offizier wollte nachrücken. "Nun ist der Einwohnerschwund auch mein Problem und ich weiß nicht, was wir dagegen tun können. Es wurmt mich wirklich, aber wir können nun mal keine Arbeit schaffen." Er deutet zu den Brohmer Bergen, eingefasst in ein Märchen aus kräftigen Maisfeldern. "Da hinten feiern wir jetzt jährlich ein Drachenfest und eine Kita gibt es auch." Alles klingt gut sortiert, weil das Leben hier weitergehen wird, obwohl weitere gehen werden.

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