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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 21:43 Uhr

Einen Zentimeter drüber

vom

svz.de von
erstellt am 10.Aug.2012 | 09:45 Uhr

Wittenberge | Mit der Elbe kennt Hubert Finke sich aus. Wenn sie friedlich dahinplätschert Richtung Nordsee, wenn sie sich rar macht und nur wenig Wasser führt und wenn sie ihre ganze Macht zeigt- so wie vor zehn Jahren.

August 2002, sommerliche Temperaturen in der Prignitz. Finke ist nun schon lange Leiter der Wittenberger Außenstelle des Wasser- und Schifffahrtsamtes Magdeburg (WSA). Er ist verantwortlich für die Elbe zwischen Havelberg und Dömitz. In jenem Sommer 2002 sind seine Mitarbeiter damit beschäftigt, Buhnen und Deckwerke instandzusetzen. Eigentlich alles wie immer. Dann hört Finke im Radio: Heftige Regenfälle in Tschechien. Dann in Sachsen. Der Pegel der Elbe beginnt zu steigen und klettert unaufhörlich. Später wird von einem Jahrhunderthochwasser die Rede sein.

"Eigentlich war das lange überfällig", sagt Finke. Das letzte Mal war der Pegel in den 20er-Jahren über sieben Meter gestiegen. Statistisch gesehen also höchste Zeit für ein Elbehochwasser, sagt Finke. Und nun rollt das Wasser heran.

In den 90er-Jahren ist rund um Wittenberge eine Spundwand aufgebaut worden. Sie schützt die Stadt bis zu einem Pegel von 7,45 Meter. Finke ahnt, das könnte eng werden. 40 bis 50 Zentimeter höher soll die Elbe steigen. Wittenberge wäre verloren.

Immer wieder hören sie Nachrichten aus dem Süden. Es sind bereits Menschen in den Wassermassen ertrunken, die tschechische Hauptstadt Prag steht vor der schlimmsten Naturkatastrophe ihrer Geschichte. In Dresden wartet man gebannt auf das Wasser. Für die Stadt wird ein Pegel von 8,75 Meter vorhergesagt. Nun ist klar, auch für Wittenberge könnte es richtig eng werden.

Die Stadt hat vorgesorgt und noch eine mobile Spundwand angeschafft. Eigentlich sagt Finke, habe er damals gesagt, "die wird nie aufgebaut solange ich hier wohne." Es sollte anders kommen. Die ersten Prognosen für Wittenberge werden eingeholt: 7,45 Meter. Nun macht der damals 52-Jährige den Vorschlag, die mobile Spundwand aufzubauen und zusätzlich mit Sandsäcken zu hinterfüllen, damit sie dem Druck der Wassermassen standhält. "Wir hatten den Vorteil, dass wir eine Vorwarnzeit hatten", erinnert sich Finke. "Die oben hatten kaum eine Chance." Prag und Dresden versinken in den Fluten, die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Einen Tag bevor das Wasser Wittenberge erreicht, schätzt er den Scheitel auf 7,35 Meter. Bis auf einen Zentimeter genau liegt er damit richtig.

In Wittenberge werden Sandsäcke gefüllt. 60 500 liegen auf Vorrat auf dem Betriebsgelände des WSA. Finke hat das alles dokumentiert. "Die kamen aus Duisburg, Verden, Minden von überall." Außerdem bauen sich die Mitarbeiter des WSA eine Füllanlage. Aus Berlin gibt es unerwartete Amtshilfe. Mitarbeiter des Bauhofs stehen vor Finke und wollen helfen. "Da draußen hat die Luft gebrannt", erzählt er. Der Bundesgrenzschutz patrouilliert auf der Elbe, sperrt sämtliche Straßen Richtung Fluss, fieberhaft wird daran gearbeitet, die Stadt zu schützen. "Das hat manchmal auch Spaß gemacht", sagt Finke heute. Die gute Zusammenarbeit, die viele Hilfe - all das hat ihn beeindruckt und sich am Ende auch gelohnt. Am 19. August haben Finke und die vielen Helfer alles getan, was möglich war. Nun beginnt das bange Warten. "Es war gespenstische Ruhe in der Stadt", erinnert er sich zurück. "Vorher war das THW mit Blaulicht und Martinshorn sogar zum Tanken gefahren." Und nun - nichts. Sogar die Vögel haben nicht mehr gezwitschert. Häuser waren verbarrikadiert, die Straßen menschenleer.

Weiter südlich, in Sachsen sind Deiche gebrochen, ganze Orte überflutet. Dieses Schicksal kann auch Wittenberge ereilen. Das Wehr bei Quitzöbel wird geöffnet, um Entlastung zu schaffen. Das rettet die 20 000-Einwohner-Stadt.

Heute, sagt Finke, sei eine gewisse Gelassenheit eingetreten. Immer wieder hat es in den vergangenen Jahren Hochwasser an der Elbe gegeben. Katastrophenalarm gab es trotzdem nicht. Und eine gute Nachricht hat Finke auch noch. Statistisch gesehen, war es das mit den Hochwassern in diesem Jahrhundert. Aber mit der Statistik ist das ja immer so eine Sache.

Das Jahrhunderthochwasser

  • Montag, 12. August: Im Erzgebirge und in Dresden wird wegen des Hochwassers Katastrophenalarm ausgelöst. Auf Passau rollt eine Flutwelle zu. In Teilen Tschechiens wird der Notstand ausgerufen.

  • Dienstag, 13. August: In Sachsen sind mehrere Orte nach heftigem Dauerregen von der Außenwelt abgeschnitten. In Österreich und Tschechien versinken ganze Landstriche. Teile Prags werden evakuiert.

  • Mittwoch, 14. August: Regensburg wird von einer Flutwelle erfasst. Zehntausende Menschen kämpfen in Dresden gegen Überschwemmungen. Die Mulde überschwemmt in Sachsen-Anhalt mehrere Orte.

  • Donnerstag, 15. August: Dresden wird von einer zweiten Hochwasser- Welle überflutet. In Tschechien stehen Teile eines Chemiewerks unter Wasser.

  • Freitag, 16. August: Die Elbe in Dresden übertrifft den Höchststand von 8,77 Metern.

  • Samstag, 17. August: In Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) dringt das Wasser in die Innenstadt ein.

  • Sonntag, 18. August: In Sachsen und Sachsen-Anhalt brechen Deiche an Elbe und Mulde.

  • Montag, 19. August: Die Flutwelle erreicht Norddeutschland.

  • Mittwoch, 21. August: In Sachsen-Anhalt und Brandenburg werden mehr als 60 000 Menschen evakuiert.

  • Donnerstag, 22. August: Die Wassermassen bedrohen die Deiche im Norden. Brennpunkte sind die Prignitz und Elb-Abschnitte in Niedersachsen.

  • Montag, 26. August: In Dresden, Magdeburg und der Prignitz wird der Katastrophenalarm aufgehoben.
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