Umwege zum Schulabschluss : Eine zweite Chance

<p>Verlassen im Juli mit Berufsreife die Schule: Chantal Kairys, Dustin Fritz, David Mielke, Pascal Probian und Nick  Rösner (v.l.n.r.) </p>
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Verlassen im Juli mit Berufsreife die Schule: Chantal Kairys, Dustin Fritz, David Mielke, Pascal Probian und Nick  Rösner (v.l.n.r.)

An der Gadebuscher Heinrich-Heine-Schule können Jugendliche, bei denen es im ersten Anlauf nicht geklappt hat, im Bildungsgang 9+ die Berufsreife erwerben

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21. Juni 2017, 12:00 Uhr

„Das war blanke Faulheit.“ David Mielke redet nicht lange drumrum, wenn er erklären soll, warum er es im vergangenen Sommer nicht im ersten Anlauf bis zur Berufsreife gebracht hat, zu der man früher Hauptschulabschluss sagte. Nach der 9. Klasse ohne Abschluss abzugehen, sei zwar theoretisch möglich gewesen – schließlich hatte er seine Schulpflicht erfüllt. „Aber dann hätte ich höchstens Hilfsarbeiter auf dem Bau werden können – oder Schwarzarbeiter“, meint er feixend und steckt die Knüffe seiner Mitschüler gelassen weg.

Tatsächlich hat David den Ernst der Lage durchaus erkannt – so wie auch seine Mitschüler Chantal Kairys, Dustin Fritz, Pascal Probian und Nick Rösner. Als Klasse 9c haben die fünf das letzte Schuljahr noch einmal wiederholt – nur in bestimmten Fächern und mit einem hohen Praxisanteil. „Sie sind nicht dumm, sie haben einfach nur eine zweite Chance gebraucht“, betont Angret Becker, die die Klassenleiterin der 9c und zugleich die stellvertretende Leiterin der Gadebuscher Heinrich-Heine-Schule ist.

Seit dem Schuljahr 2015/2016 ist es in Mecklenburg-Vorpommern möglich, dass Jungen und Mädchen, die das Klassenziel der 9. Klasse nicht erreicht haben, im Bildungsgang 9+ einen zweiten Anlauf unternehmen (siehe unten). Das Land will so, aber auch mit weiteren Angeboten wie dem Produktiven Lernen oder dem freiwilligen zehnten Schuljahr an Förderschulen, erreichen, dass die im Bundesvergleich sehr hohe Zahl der Schulabgänger ohne Schulabschluss sinkt – 2016 waren es nach Angaben des Bildungsministeriums 9,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler. „Jeder, der die Schule ohne einen bundesweit anerkannten Schulabschluss verlässt, ist einer zu viel“, betont Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD).

Die Regionale Schule in Gadebusch ist eine von nur acht im Land, die „9+“ anbieten – auch für Schüler, die zuvor an anderen Schulen unterrichtet wurden. Im ersten Durchgang waren zwölf Schüler dabei, diesmal nur fünf – die Mindestschülerzahl, die erreicht werden muss, um eine entsprechende Klasse aufmachen zu dürfen. „Weil wir so eine kleine Klasse sind, haben wir uns gegenseitig mitgezogen – oder auch mal auf die Schulter gehauen“, sagt David. Wer etwas besser konnte, wie Dustin Mathe, der hat den anderen vor Klassenarbeit auch noch einmal an der Tafel Nachhilfe gegeben. So hat sich selbst Nick, der als Ältester im Quintett vorher jahrelang nicht von der Fünf in Geschichte weggekommen ist, jetzt fürs Abgangszeugnis auf eine Drei verbessert. Pascal, der in Musik und Sport besonderen Förderbedarf hatte, machte die entsprechenden Stunden noch einmal in den regulären neunten Klassen mit – zusätzlich zum eigentlichen Stundenplan, auf dem für die 9+-Schüler Deutsch, Mathematik, Biologie, Chemie, Physik, AWT, Geografie, Geschichte und Sozialkunde stehen.

An zwei Tagen in der Woche, immer mittwochs und donnerstags, arbeiten sie in einem Praktikumsbetrieb. Idealerweise, so Angret Becker, haben sie ihn sich selbst und schon mit Blick auf ihren künftigen Beruf ausgesucht. „Wer noch keine Idee oder keine entsprechenden Kontakte hat, bekommt aber auch Unterstützung von der Schulsozialarbeiterin.“

Bei Dustin hat alles ideal geklappt: Er wird im Spätsommer bei der Roggendorfer Firma Finkl , die auch sein Praktikumsbetrieb war, eine Ausbildung zum Metallbauer beginnen. David, der einen „richtig geilen“ Praktikumsplatz in einer Gadebuscher Baufirma gefunden hatte, musste sich letztlich doch noch einmal umorientieren, denn der Betrieb bildet nicht aus. Nun ist er im Rennen um eine Lehrstelle als Kfz-Mechatroniker in Rehna. „Nächste Woche soll ich Bescheid bekommen“, sagt er – und ein wenig Sorge klingt dabei mit.

Chantal hat den Praktikumsbetrieb im Laufe des Schuljahres noch einmal gewechselt. Weil sie gern Kindergärtnerin werden wollte, hatte sie anfangs in einer Kindertagesstätte gearbeitet. Doch als es dann konkret wurde und sie zu einem Vorstellungsgespräch für eine Berufsausbildung eingeladen wurde, stellte sich heraus, dass die Berufsreife dafür nicht ausreicht. Jetzt arbeitet sie in einem Altenheim – und wird eine schulische Ausbildung in der Kranken-und Altenpflege beginnen. Auch Nick wird Altenpflegehelfer. Und Pascal, der im Praktikum in einem Kindergarten viel Spaß hatte, will nun noch einmal in einem Freiwilligen Sozialen Jahr testen, ob die Arbeit mit Kindern tatsächlich etwas für ihn ist – „um das rauszukriegen, sind zwei Tage pro Woche doch ein bisschen wenig“, meint er.

Angret Becker ist stolz darauf, wie zielstrebig ihre Schüler jetzt ins Leben gehen. Amüsiert erzählt sie von Eltern, die anriefen, um sich vorsichtig zu erkundigen, wie es bei ihren Söhnen oder Töchtern in der Schule läuft. „Wenn ich dann gesagt habe: ,Alles gut‘ konnten sie es gar nicht fassen…“ Und meist käme danach die Frage: Warum denn erst jetzt?

Pascal verrät, dass er sich noch unlängst verdrückt hätte, als ein Brief aus der Schule kam, denn so etwas bedeutete früher nie etwas Gutes – „ich war noch nie so schnell raus aus der Küche, ohne Essen. Und dann war es nur eine Einladung…“

Gut eine Woche lang gibt es für die 9c noch Zensuren – Angret Becker hat aber keinerlei Zweifel daran, dass ihre Schützlinge alle nicht nur das Klassenziel erreichen, sondern auch mit Abgangszeugnissen, die sie nicht verstecken müssen. Der eine oder andere könne es gut und gerne auch noch bis zur Mittleren Reife schaffen, ist sie überzeugt.

Und ihre Schüler? Die albern zwar herum und sagen, dass ihnen künftig vor allem die Ferien fehlen werden. Doch David, eigentlich der Spaßmacher vom Dienst, bringt es auf den Punkt: „Ich werde meine Schulzeit vermissen.“

Viele (Um-)Wege  führen zum Schulabschluss

Ein erfolgreicher Schulabschluss erleichtert den Berufseinstieg und steigert die Karrierechancen. Der Weg  dorthin kann unterschiedlich sein. Für die meisten Schülerinnen und Schüler führt er über den Besuch der Regionalen Schule. Am Ende der Jahrgangsstufe 9 steht, bei deren erfolgreichem Abschluss, die Berufsreife.  Welche weiteren Möglichkeiten zum Erwerb der Berufsreife es in unserem Bundesland gibt, wird im Folgenden dargestellt:

 

Das Produktive Lernen

Für wen?

Das Produktive Lernen  ist ein Bildungsangebot für Schülerinnen und Schüler an Regionalen Schulen und Gesamtschulen im 8., 9. und 10. Schuljahr.

Wo?

Es wird an 27 Schulen in ganz Mecklenburg-Vorpommern angeboten (in der Karte rotbraun gekennzeichnet).

Wie funktioniert das Produktive Lernen?

An drei Tagen in der Woche lernen die Schülerinnen und Schüler an selbst gewählten Praxisplätzen in Betrieben und Einrichtungen. Sie erhalten dort einen auf den jeweiligen Beruf zugeschnittenen praxisnahen Unterricht in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Während des betrieblichen Lernens steht ihnen neben der Lehrkraft ein Mitarbeiter des Praktikumsbetriebes als Mentor zur Seite. Schule und Unternehmen arbeiten also Hand in Hand und sind im zu vermittelnden Lehrstoff aufeinander abgestimmt. An den übrigen zwei  Tagen lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Schule auf der Basis ihrer Praxiserfahrungen. Jeder Teilnehmer erhält eine Stunde individuelle Bildungsberatung wöchentlich.

Der Bildungsgang 9+

Für wen?

Schülerinnen und Schüler, die das Klassenziel der Jahrgangsstufe 9 nicht erreicht haben, können seit dem Schuljahr 2015/2016 an ausgewählten Regionalen Schulen und Gesamtschulen in einem weiteren Schuljahr die Berufsreife mit zusätzlichem Praxisanteil erwerben.

Wo?

Derzeit gibt es das besondere schulische Angebot an acht Standorten im Land (in der Karte grün gekennzeichnet.)

Wie funktioniert 9+ ?

9+ besteht aus einem unterrichtlichen und einem betriebspraktischen Teil. Der Unterricht in den allgemeinbildenden Fächern umfasst in der Regel drei Tage pro Woche. Die Zensuren der Fächer, in denen der Schüler bzw. die Schülerin die Zensur 4 oder besser erreicht hat, werden aus dem Vorjahr übernommen, die Förderung erfolgt gezielt in den Fächern, in denen Nachholbedarf besteht. Zum besonderen schulischen Angebot 9+ gehört  ein Langzeitpraktikum, das in der Regel an zwei Tagen pro Woche in einem Unternehmen in der Region durchgeführt.  Der enge Praxiskontakt hilft dabei, Brücken in eine anschließende Berufsausbildung zu bauen.

Das Freiwillige 10. Jahr

Für wen?

Lernbeeinträchtigte und leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler können an ausgewählten Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen in einem freiwilligen 10. Schuljahr die Berufsreife erwerben. Aufnahmebedingung: Die Klassenkonferenz muss eine Empfehlung aussprechen. Dies kann sie, wenn in  Deutsch, Mathematik, Biologie, Chemie und Physik Leistungen nachgewiesen werden, die einen erfolgreichen Abschluss der Berufsreife erwarten lassen.

Wo?

Landesweit wird das freiwillige 10. Schuljahr zurzeit an insgesamt 28 Schulstandorten angeboten (in der Karte orange gekennzeichnet.)

Wie funktioniert das freiwillige 10. Schuljahr?

Die Schülerinnen und Schüler werden in den vorherigen Schuljahren in leistungshomogenen (leistungsgleiche) oder leistungsheterogenen (leistungsverschiedenen) Lerngruppen auf das Anspruchsniveau Berufsreife vorbereitet. Im freiwilligen 10. Schuljahr gelten die Stundentafel und die Rahmenpläne der Regionalen Schule. Die Leistungsbewertung erfolgt auf dieser Grundlage. Im Unterricht finden sonderpädagogische Aspekte Berücksichtigung. Nach erfolgreichem Abschluss des freiwilligen 10. Schuljahres können sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Abschluss der Berufsreife auf einen Ausbildungsplatz bewerben.

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