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Mecklenburg-Vorpommern

12. Dezember 2017 | 09:32 Uhr

Festspiele MV : Eine Wiese zum Austoben

vom
Aus der Onlineredaktion

Alexej Gerassimez prägt in diesem Jahr die Festspiele MV - und trägt ein Gutteil zu ihrer äußerst positiven Halbzeitbilanz bei

svz.de von
erstellt am 07.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Schlagzeug kann man laut spielen - aber auch ganz leise. Und man kann nicht nur Trommeln und Pauken, Becken und Gongs, Rasseln und Glockenspielen, Marimba- oder Xylophon mit Schlegeln, Klöppeln, Besen oder auch bloßen Händen eine schier unendliche Zahl von Tönen entlocken, sondern auch Wasserflaschen, Holzstücken, Schiffsschrauben und vielem mehr.

Alexej Gerassimez beherrscht nicht nur die ganze Bandbreite der Schlaginstrumente virtuos - er prägt in diesem Jahr als Preisträger in Residence den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern auch einen einzigartigen Stempel auf. Für sein Konzert am Sonnabend in der Festspielscheune Ulrichshusen, mit dem – ebenso wie mit dem anschließenden traditionellen Krebsessen – die Festspielmacher Freunden und Sponsoren dankten, hatte Gerassimez sich als Partner den aus Israel stammenden Jazzpianisten Omer Klein gewünscht. Erst drei Wochen vorher, beim Fahrradkonzert in Schwerin, lernten beide sich persönlich kennen – und entdeckten auf einer ersten spontanen Session sofort, wie gut sie miteinander harmonierten. Am Sonnabend zogen sie das Publikum dann vor allem mit ihren Improvisationen in den Bann. Nicht wenige hatten Gerassimez’ Friends-Projekt - zu dem neben Omer auch das vision-string-quartet, der Kontrabassist Haggai Cohen-Milo und die Percussionisten Julius Heise und Sergey Mikhaylenko gehören – bereits am Vorabend in Grabow oder tags zuvor in Konau erlebt. Doch kein Konzert des Ausnahmekünstlers gleicht dem anderen. 24 Mal ist er in diesem Festspielsommer zu erleben – wenigstens 20 Mal würden sich die Programme unterscheiden, plauderte der sympathische junge Mann erst auf und später auch abseits der Bühne. Jeder „normale“ Mensch würde allerdings nur vier bis fünf verschiedene Programme im Jahr spielen…

Das selbst auferlegte Pensum koste enorm viel Energie, gestand Gerassimez - aber Mecklenburg-Vorpommern mit seiner landschaftlichen Schönheit mache es ihm leicht, seine Batterien wieder aufzuladen. So habe er sich am Donnerstag vor dem Konzert in Konau einfach für zwei, drei Stunden an die Elbe gesetzt und die Natur in sich aufgesogen. Und vermutlich auch jede Menge Töne.

Schon als Kind habe er immer um sich herum überall nach Tönen gesucht - und auf allem möglichem herumgetrommelt, anfangs mit chinesischen Essstäbchen. „Wer Kinder hat, kennt das, dass sie allem Töne zu entlocken versuchen“, so Gerassimez, „bei mir ist das bis heute so geblieben.“ Sein erstes Publikum seien die Kuscheltiere in seinem Kinderzimmer gewesen - „bis heute hat sich das alles irgendwie nicht geändert, außer, dass die, die vor mir sitzen, vielleicht weniger flauschig sind.“ Ja, Gerassimez ist nicht nur ein Ausnahme-Percussionist, sondern auch ein einzigartiger Entertainer – und dabei nicht nur äußerlich, sondern auch im persönlichen Gespräch der nette Junge von nebenan.

Festspiel-Intendant Markus Fein musste sich vor Beginn der Saison zwar fragen lassen, ob es nicht ein allzu großes Wagnis sei, statt eines gängigen Soloinstruments diesmal das Schlagzeug in den Mittelpunkt zu stellen. Doch spätestens die äußerst positive Halbzeitbilanz, die er am Wochenende ziehen konnte, sollte Skeptiker endgültig überzeugen.

Insgesamt konnten die Festspiele MV bislang 41 000 Besucher verzeichnen – wesentlich mehr als 2016 zum selben Zeitpunkt, wie Fein betont. Nach 80 000 im vergangenen Jahr – ein Plus von 5000 gegenüber der Vorsaison – steuern die Festspiele damit erneut auf einen Besucherrekord zu. 45 Veranstaltungen waren bislang komplett ausverkauft, für viele andere Konzerte gab es nur noch wenige Restkarten.

Das durchwachsene Sommerwetter hat den Festspielmachern dabei möglicherweise sogar in die Hände gespielt. „Wenn das Wetter zu schön ist, haben die Leute zu viele Alternativen“, meinte der Intendant augenzwinkernd. Trotz des Erfolges bleibt er bodenständig. An die Elbphilharmonie zu gehen, wie es beispielsweise das Schleswig-Holstein-Musikfestival tut – das werde es für die Festspiele MV nicht geben, zumindest solange nicht, wie er Intendant ist, betonte Fein. „Die Hamburger müssen schon zu uns kommen“, kokettierte er – und erntete von der „Festspielfamilie“ tosenden Applaus.

Bis zum Abschlusskonzert am 15. September stehen noch 72 weitere Konzerte auf dem Festspielprogramm – für 31 davon sind schon jetzt keine Karten mehr erhältlich. Auch Alexej Gerassimez wird noch elfmal zu erleben sein, beispielsweise in der Reihe „Unerhörte Orte“ im Rostocker Liebherr-Werk, im Flugzeugshelter Laage und im Wald des Forstamtes Jasnitz. „Für mich“, so gestand der Künstler am Sonnabend, „sind die Festspiele wie eine riesige Wiese, auf der ich mich austoben kann“. Und sein Publikum tobt mit.

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