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Eine unvergessene Autofahrt mit Christa Wolf

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Neubrandenburg | Es ist erst ein gutes Jahr her, da hatte ich das große Glück, Christa Wolf und ihrem Mann als Chauffeur dienen zu können. Für einen Redakteur ja eher eine ungewöhnliche Aufgabe. "Der Herr Wilhelm, der hat doch was mit Literatur zu tun. Da kann er doch auch Christa Wolf abholen", meinten meine Chefs. Doch ich zögerte keinen Augenblick, sie zur Verleihung des Uwe-Johnson-Preises in Berlin abzuholen. ,Natürlich, gar kein Problem! Die Christa Wolf, ich fahre die große Wolf, habe ich vor einem Jahr jubilierend gedacht.

Rückblende, Mitte der 1980er-Jahre. Germanistikstudium in Güstrow: Damals war Christa Wolf DIE Autorin für viele von uns. Den "Störfall", ihr aufrüttelndes Buch über den Supergau in Tschernobyl, habe ich 1987 bei einer Exkursion in Weimar zweimal hintereinander in einer Nacht gelesen. Was heißt gelesen, aufgesogen! Ellenlange Zitate herausgeschrieben. Das Buch war für wenige Stunden geborgt von einem Mädchen, das ich kurz zuvor bei einer Buch-Diskussion in der Jungen Gemeinde kennengelernt hatte. Gerade dieser Band gehörte zur tiefsten DDR-Bückware. "Der Störfall" war zugleich mein prägendstes Leseerlebnis in Sachen Christa Wolf.

Vor einem Jahr begegnete sie mir als Autorin mit ihrem Roman "Stadt der Engel" nach langer Zeit wieder. Christa Wolf wohnte zuletzt mit ihrem Mann in einer Seniorenwohnanlage in Pankow. Sie ging an einer Krücke. Doch ihre Augen lachten. Ihr Geist war wach, wissbegierig nach wie vor, so, als suche sie nach Stoff für neue Texte.

Zweieinhalb Stunden Autofahrt auf der B 96 nach Neubrandenburg vergingen wie im Fluge zwischen Fragen und Antworten, die Fragen stellte meistens sie. Aufmerksamer Zuhörer ihr Mann Gerhard auf dem Rücksitz. Die lange Autofahrt schien ihr kaum etwas auszumachen.

Nach einem Ruhestündchen traf ich sie kurz vor der Preis-Zeremonie mitten im Gespräch in einer Runde junger Leute vor dem Hotel. Christa Wolf bildete den Mittelpunkt - natürlich! Aber nicht wie eine Grande Dame, sondern natürlich, freundlich, offen, für jeden ein Wort übrig habend.

Auch bei der Preisverleihung durch die Mecklenburgische Literaturgesellschaft und den Nordkurier im Schauspielhaus beeindruckte die Autorin. Vor allem mit ihrem Erinnerungstext über Uwe Johnson, der sie - was vorher kaum jemand wusste - zu DDR-Zeiten zweimal besucht hatte.

Nun muss sie doch aber langsam mal müde werden, dachte ich bei der anschließenden Feier im Theaterfoyer. Ich konnte mich nach 23 Uhr kaum noch auf den Beinen halten, doch Christa Wolf plauschte, lachte, diskutierte. Bevor ich ging, signierte sie mir die Hör-Fassung von "Stadt der Engel", die sie selbst eingelesen hat. "Für meinen Chauffeur", sagte sie schmunzelnd zum Abschied. Dieses Schmunzeln der sonst so ernsten Christa Wolf wird bei mir bleiben.

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erstellt am 01.Dez.2011 | 09:35 Uhr

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