zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 20:28 Uhr

Wismar : Eine Tapete wie gemalt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Diebe rissen den kostbaren Wandschmuck ab / Nun ist er restauriert und schmückt Wismars neues Welterbezentrum

Sacht streicht Jens Zimmermann über eine Delle in der Bildertapete. „Das Klima ist das A und O, bei 50 Prozent Luftfeuchte werden die Verwerfungen verschwinden“, sagt der Restaurator. Seit Monaten saniert der Kunsthandwerker die wertvollen Panorama-Drucke.

Sie kleiden den Tapetensaal im neuen Welterbe-Zentrum Wismars nun wieder ringsum aus. Das Gebäudeensemble Lübsche Straße 23, zwei mittelalterliche Giebelhäuser, wird seit drei Jahren umfassend erneuert. Das denkmalgeschützte Anwesen soll am Welterbetag, dem 1. Juni, als Informations- und Veranstaltungshaus eröffnet werden. Mehr als vier Millionen Euro wurden investiert. Es ist das dritte Besucherzentrum seiner Art in Deutschland nach Regensburg und Stralsund. Zusammen mit Stralsund steht Wismars historischer Kern seit 2002 auf der Weltkulturerbeliste der Unesco.

„Das Haus an sich wird das erste Ausstellungsstück der Welterbestätte Wismar“, sagt Architekt Henning Sigge. Problematisch bei der Restaurierung waren die Fundamente der alten Kontorhäuser. Der Unterbau musste größtenteils bis tief in den Boden hinein verstärkt werden.

Optischer Höhepunkt im neuen Welterbe-Zentrum ist das wiederhergestellte Tapetenzimmer, betont der Architekt. Zusammen 64 Quadratmeter Wandflächen sind wieder komplett von den wertvollen französischen Papierdrucken bedeckt. Sie stellen eine Geschichte aus der griechischen Mythologie, die „Reise des Telemach auf die Insel der Göttin Calypso“, dar. „Diese Farbintensität, diese Tiefe, unglaublich, es scheint, als könne man ins Bild hineinlaufen“, freut sich Sigge.

Dabei haben die Werke eine wahre Odyssee hinter sich. Tapeten-Diebe rissen Ende 1995 die Drucke von den Wänden des damals leerstehenden Fachwerkhauses, das früher Sitz der Kaufmanns-Compagnie war und in der DDR Ateliers des Kulturbundes beherbergte. Der Kunstklau wurde schnell entdeckt. Die Polizei ging an die Öffentlichkeit und bewegte die Einbrecher zur Rückgabe der unverkäuflichen Bildtapeten, wie der Welterbe-Beauftragte Norbert Huschner erzählt.Restaurator Zimmermann ist noch immer fassungslos über den Diebstahl.

Der Wert der 1823 in Paris aus Papierdrucken und einem Untergrund aus Sackleinen maßgefertigten Tapeten sei unermesslich, sagt er. Neben Wismar besitzt nur das Museum of Modern Art in New York Fragmente desselben Tapetenzyklus.

Die 190 Jahre alten Kunstwerke „sehen aus wie gemalt, sie wirken so plastisch“. Künftig sollen die schönen Wände sogar „reden“: Audiodokumente schildern via Kopfhörer die Geschichte des alten Hauses und auch den Krimi um Verlust und Rückkehr der prachtvollen Tapeten.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen