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"Eine sehr widersprüchliche, ambivalente Persönlichkeit"

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erstellt am 14.Aug.2012 | 12:25 Uhr

Die Berliner Historikerin Annette Leo zeichnet in ihrem jetzt erschienenen Buch "Erwin Strittmatter. Die Biographie" ein Bild des Schriftstellers Erwin Strittmatter (1912-1994), das sich vor allem auf Archivdokumente und persönliche Zeugnisse stützt. Dabei stellt sie sowohl Kindheit und Jugend, aber auch die Kriegszeit und seine Jahrzehnte als Schriftsteller in der DDR dar. Mit Annette Leo sprach dapd-Korrespondent Beowulf Kayser.

Welche grundlegend neuen Erkenntnisse über den Schriftsteller und Menschen Erwin Strittmatter beinhaltet Ihr Buch?

Meine Biografie bietet eine Gesamtansicht auf Strittmatters Lebensgeschichte, die sich nicht in erster Linie auf seine autobiografisch gefärbten Romane stützt, sondern sich ihm auf der Grundlage von Archivdokumenten und persönlichen Zeugnissen nähert. Sowohl Kindheit und Jugend als auch die Kriegszeit und seine Jahrzehnte als geachteter und beliebter Schriftsteller in der DDR werden hier differenziert und vielschichtig dargestellt.

Wie groß waren Strittmatters Verstrickungen in Militäraktionen im 2. Weltkrieg. Hat er sich schuldig gemacht?

Erwin Strittmatter gehörte zwischen 1941 und 1944 dem Polizeibataillon 325 und dem Polizeigebirgsjäger-Regiment 18 an, das von Himmler 1943 den "Ehrentitel" SS verliehen bekam. Diese Formationen der nationalsozialistischen Ordnungspolizei waren unter anderem bei der Partisanenbekämpfung in Slowenien und Griechenland eingesetzt und beteiligten sich auch an Gewaltaktionen gegen die wehrlose Zivilbevölkerung. Als Mitglied dieser Einheiten war Strittmatter zweifellos in das Geschehen involviert. Es gibt aber keine Belege für seine persönliche Beteiligung an Erschießungen.

In seinen Lebensläufen für die SED-Kaderakte hat Erwin Strittmatter durchaus auf seine Mitgliedschaft im Polizeibataillon 325 Bezug genommen und auch die Orte seiner Einsätze benannt. Allerdings vermied er dabei Hinweise, die Anlass zu weiteren Nachforschungen hätten geben können. In den biografischen Angaben, die über ihn veröffentlicht wurden, hieß es stets nur, er sei zur Wehrmacht eingezogen worden und später desertiert. Offensichtlich hat Strittmatter diese Darstellung nie zu korrigieren versucht. Ich stelle mir vor, dass er, von Schuld- und Schamgefühlen getrieben, sich eine Version seiner Kriegsgeschichte zurecht gelegt hatte, mit der er leben konnte. Später wollte er an der Vergangenheit wohl nicht mehr rühren und mag irgendwann selbst an die geschönte Version geglaubt haben.

Wie würden Sie ihn und seinen Charakter beschreiben?

Ich sehe Erwin Strittmatter als eine sehr widersprüchliche, ambivalente Persönlichkeit. Er war zerrissen, häufig mit sich selbst uneins und besessen von dem Wunsch, schreibend auf der Erde eine Spur zu hinterlassen. Bewundernswert sind seine enorme Arbeitsdisziplin, sympathisch seine enge Verbindung zur Natur.

Frauen und Kindern gegenüber muss er ein ziemlicher Diktator gewesen sein.

Haben Sie mit den Söhnen Strittmatters über Ihre Recherchen gesprochen, wie haben sie sich geäußert?

Ohne die Söhne von Strittmatter wäre dieses Buch so nicht zustande gekommen. Sie haben mir den Nachlass ihrer Eltern geöffnet, haben mir auch die schwierigen, brisanten Materialien zur Verfügung gestellt. Ihrer Großzügigkeit und ihrem Vertrauen verdanke ich viel.

Verdient Erwin Strittmatter trotz der neuen Erkenntnisse zu seinem Leben Ehrungen zu seinem 100. Geburtstag im August?

Ehrung ist vielleicht nicht das richtige Wort. Beachtung, Beschäftigung, Auseinandersetzung aber schon.

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