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Fotoprojekt in Güstrow : Eine Schulklasse im Zeitraffer

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Aus der Onlineredaktion

Barbara Seemanns Geschichte hinter dem berühmten Fotoprojekt „Meine 40 Kinder“

svz.de von
erstellt am 05.Jan.2017 | 11:45 Uhr

„Beim Einkaufen spricht mich seit dem Film fast jeder Zweite an“, sagt Barbara Seemann. Viele Güstrower kennen die pensionierte Lehrerin und ihre ehemaligen Schüler. Seemann fotografierte über 40 Jahre hinweg die Schüler ihrer ersten Klasse der Ernst-Barlach-Schule von 1971. Der NDR verfilmte vor kurzem die Geschichte des Fotoprojekts mit dem Titel „Meine 40 Kinder“. Wie im Zeitraffer erlebte sie die verschiedenen Schicksale und hielt sie mit der Kamera fest. Ihre Bilder zeigen den Wandel, das Leben ihrer Klasse von 1971. Doch wie verlief ihre eigene Geschichte?

Heute noch stapeln sich die Fotografien in einem Zimmer ihrer Güstrower Wohnung. Ein großformatiges Klassenbild lehnt am Fenster. Graue Mappen, mit den Namen ihrer Schüler, liegen auf dem Sofa. Sie nimmt einen der Ordner und schlägt ihn auf. Darin Fotos und Lebensdaten ihrer Schüler. Fotografieren bedeute vor allem Organisieren, erzählt sie. Dirk Reinhardt war in der Klasse von 1971 und erinnert sich an Frau Seemann als Lehrerin: „Sie besaß die richtige Dosis an Strenge und Disziplin. Trotzdem war sie eine sehr lockere und tolerante Pädagogin.“

BRITTA: „Ich war eine Zeit lang krank. – Da gibt es Berge, über die man hinüber muss, sonst geht es nicht weiter.“
BRITTA: „Ich war eine Zeit lang krank. – Da gibt es Berge, über die man hinüber muss, sonst geht es nicht weiter.“
 

Barbara Seemann war vor ihrem Lehrerberuf Fotografin. „Ich war Anfang der 50er die jüngste Fotomeisterin im Bezirk Karl-Marx-Stadt“, sagt sie stolz. Sie arbeitete an der Technischen Hochschule der Stadt. Ihr standen Kameras zur Verfügung, die in keinem Fachgeschäft der DDR zu finden waren. Dann heiratete sie einen Güstrower Lehrer und zog 1961 in den Norden. „Anfangs war ich todunglücklich und wollte wieder zurück. Ich kam mit diesen kühlen Typen hier nicht klar“, sagt sie und grinst in Richtung ihres Mannes.

HENRY: „Nach mehrmaligen Auf und Ab läuft es seit einigen Jahren beruflich und privat in sehr guten Bahnen. Mir geht es gut – ich bin zufrieden.“
HENRY: „Nach mehrmaligen Auf und Ab läuft es seit einigen Jahren beruflich und privat in sehr guten Bahnen. Mir geht es gut – ich bin zufrieden.“
 

Ihr neuer Arbeitgeber war das Pädagogische Institut Güstrow. „Dort war es sowas von langweilig. Fotokopien und Diapositive herstellen, Bücher reproduzieren, das hatte nichts mehr mit meiner ursprünglichen Arbeit als Porträtfotografin zu tun“, erzählt sie. Sie schloss deshalb neben der Arbeit eine pädagogische Grundausbildung ab, machte ihren Abschluss in Schwerin, wurde Unterstufenlehrerin für Mathe und Deutsch. 1971 übernahm sie jene Klasse, die später ein wichtiger Teil ihres Lebens werden sollte. „Das ist die Gelegenheit, dachte ich damals. Endlich werde ich wieder die Zeit haben, zu fotografieren.“ Doch sie irrte sich. „Alle Kinder mussten bis Weihnachten das Alphabet kennen lernen“, erzählt sie. Zum Ende des Jahres 1971 war sie mit ihrer Kraft am Ende. „Die Fotografin in mir verschwand, und ich wurde eine Pädagogin.“

Trotzdem erinnert sich ihre ehemalige Schülerin Britta Dutschke an die allgegenwärtige Kamera in der Schule: „Frau Seemann nutzte jeden Anlass, um zu fotografieren. Klassenfahrten, Theaterauftritte, Gruppenbilder. Für uns war das total normal.“ Vier Jahre war Seemann die Klassenlehrerin des Jahrgangs von 1971. Doch die Fotos aus ihren ersten Jahren als Lehrerin gerieten in Vergessenheit.

OONA: „Die Liebe meiner Jungs, das respektvolle Aufschauen zu mir, das Gefühl, welches sie mir vermitteln, ich kann ihnen immer helfen, sie beschützen. Dieses uneingeschränkte Vertrauen – das ist mein Ansporn, das ist mir wichtig!“
OONA: „Die Liebe meiner Jungs, das respektvolle Aufschauen zu mir, das Gefühl, welches sie mir vermitteln, ich kann ihnen immer helfen, sie beschützen. Dieses uneingeschränkte Vertrauen – das ist mein Ansporn, das ist mir wichtig!“

Ein Jahrzehnt später. In den 80er-Jahren traf Seemann zufällig Eltern aus der Klasse von 1971 in Güstrow. Sie hörte die Geschichten ihrer ehemaligen Schützlinge. Die Eltern ihrer Schüler luden sie nun regelmäßig ein. In dieser Zeit kramte sie alte Fotos von 1971 wieder hervor. „Und irgendwann fiel mir auf, wie viele Bilder wir von dieser Klasse haben. Mein Mann hatte damals auch noch einige Porträts von den Kindern gemacht“, erzählt sie. Die Idee lag auf der Hand. Zehn Jahre später wollte sie ihre ehemaligen Schüler nochmal fotografieren. Die alte Leidenschaft für die Fotografie flammte wieder auf. Mit Begeisterung organisierte sie zwischen 1984 und 1987 Klassentreffen. „Mitte der 80er-Jahre machten wir dann neue Bilder“, erzählt die ehemalige Schülerin Britta Dutschke.

DIRK: „Ich möchte mich jeden Tag im Spiegel anschauen können, nicht selbstzufrieden, sondern stolz und achtungsvoll, weil ich alles versucht und alles gegeben habe, was mir möglich war.“
DIRK: „Ich möchte mich jeden Tag im Spiegel anschauen können, nicht selbstzufrieden, sondern stolz und achtungsvoll, weil ich alles versucht und alles gegeben habe, was mir möglich war.“

In Barbara Seemans Kopf wuchs der Plan für eine eigene Ausstellung. Doch erstmal kam die deutsche Wiedervereinigung dazwischen. „Alles ging drunter und drüber. Doch es wurden auch Gelder frei, mit denen ich Fotomaterial kaufen konnte“. Die erste Ausstellung zeigte Barbara Seemann 1990 im Güstrower Schloss. Die zusammengebrochene DDR-Wirtschaft wirbelte das Leben ihrer Schüler durcheinander. Arbeitslosigkeit, Umschulung, Neuorientierung. Sie wollte die vielen Schicksale weiter beobachten. Ihre Leidenschaft für das Fotoprojekt blieb, auch neben der neuen Arbeit als Lehrerin für Gehörlose. Sie besuchte regelmäßig ihre ehemaligen Schüler in ganz Deutschland. „Frau Seemann kam mich sogar in Hessen besuchen. Wir unterhielten uns und schossen dann Fotos an meinem Arbeitsplatz“, sagt ihr ehemaliger Schüler Henry Schmidt.

Sechs Jahre nach ihrer Pensionierung zeigte sie die zweite Ausstellung im März 2009 in der Hamburger Ernst-Barlach-Stiftung. 40 Lebensjahre der Klasse von 1971 in Schwarz-Weiß. Ihr Schüler Dirk Reinhardt hält auch aus Berlin den Kontakt zu seiner Klassenlehrerin von damals. „Die Fotos erinnern mich einfach auch an eine gute Zeit, in der das Mitmenschliche noch mehr im Vordergrund stand.“

Heute sitzt Barbara Seemann als zufriedene Rentnerin auf ihrer Couch in Güstrow. Sie klappt die Mappe mit den Fotos ihrer Klasse zu und legt sie zur Seite. „Nachdem ich den Film über die Schüler und mich gesehen hatte, wurde mir wieder bewusst, wie froh ich bin, dass ich immer die zwei Berufungen hatte – Fotografin und Lehrerin.“

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