Siegfried Matthus schrieb Auftragswerk für Staatskapelle : Eine Mahnung als Jubiläumsgeschenk

Siegfried Matthus warnt vor dem Kaputtsparen der Mecklenburgischen Staatskapelle im Besonderen und einzigartigen deutschen Orchesterkultur im Allgemeinen. Jens Büttner
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Siegfried Matthus warnt vor dem Kaputtsparen der Mecklenburgischen Staatskapelle im Besonderen und einzigartigen deutschen Orchesterkultur im Allgemeinen. Jens Büttner

Seit 450 Jahren gibt es die Mecklenburgische Staatskapelle, die damit eines der ältesten Orchester der Welt ist. Komponist Siegfried Matthus schrieb für sie ein Auftragswerk - und appelliert an die Politik.

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21. Mai 2013, 08:06 Uhr

Schwerin | Seit 450 Jahren gibt es die Mecklenburgische Staatskapelle, die damit einer der ältesten Orchester der Welt ist. "Ich bin betrübt und erschrocken, dass gerade in dieser Zeit die Gefahr von Einschnitten besteht." Sagt Siegfried Matthus, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten. Der 79-Jährige hat für die Mecklenburgische Staatskapelle zum 450-jährigen Bestehen ein Auftragswerk geschrieben, das "Schweriner Konzert". Gestern Abend fand unter der Leitung von Generalmusikdirektor Dabiel Huppert die Uraufführung statt, live übertragen im Deutschlandradio Kultur.

Nach der Generalprobe wollte Matthus auf der Pressekonferenz noch nichts zum Werk selbst sagen, da sei er abergläubisch. Wichtiger war ihm die aktuelle Lage des Orchesters im Jahr des 450-jährigen Bestehens. "Ich wollte kein Festkonzert schreiben, sondern ein Konzert von heute, über die Gefährdung, die es gibt", so Matthus. Die Staatskapelle stehe angesichts der noch ungeklärten künftigen Theaterstruktur auf der Kippe: "Verkürzen, verkleinern, abschaffen - das darf nicht sein." Der Appell an die Politik kam nicht von ungefähr: Der gestrige 21. Mai war unter anderem vom Deutschen Kulturrat zum Aktionstag "Kultur gut stärken" ausgerufen worden.

Die politische Situation - derzeit rechnen Berater der Firma Metrum für das Kultusministerium ein Modell "Staatstheater Mecklenburg" unter Beteiligung des Landes durch - schwebt als ständiger Schatten über dem Jubeljahr des Orchesters. Als Gründungsdatum der Mecklenburgischen Staatskapelle gilt der 17. Juni 1563. Von diesem Tag datiert die Anstellungsurkunde des Kapellmeisters David Köhler, den Herzog Johann Albrecht aus Zwickau nach Schwerin holte. Die Staatskapelle besteht ohne Unterbrechung bis heute, auch wenn sie zeitweise aus genau einem Musiker bestand. Zu ihren Chefdirigenten gehörten unter anderem Kurt Masur und Klaus Tennstedt.

Aktuell hat das Orchester 68 Musiker. "Natürlich befürchten wir, dass die Anzahl der Planstellen weiter sinken wird", sagte Generalmusikdirektor Daniel Huppert. Dabei hätten in Schwerin gerade die Orchester bereits lange Jahre des Sparens und des Stellenabbaus hinter sich: "Wir sind schon extrem gebeutelt."

Daie Uraufführung des Matthus-Konzertes - umrahmt von Johannes Brahms’ Violinkonzert op. 77 und Igor Strawinskys Suite "Der Feuervogel", ist nicht die einzige Jubiläumsveranstaltung. Zum exakten Jubiläum am 17. Juni wird es ein Wandelkonzert geben, außerdem erscheint dann ein großformatiger Band mit 80 Seiten Text und Fotos sowie zwei CDs, den die Optimal Media GmbH aus Röbel zum Orchestergeburtstag beisteuerte. Zudem erscheint in einer 100er-Auflage eine Pracht-Kassette mit historischen Fotos, Texten von Autor Manfred Zelt und einer Original-Radierung des Schweriner Grafikers Hartwig Hamer. Der Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters, Joachim Kümmritz, sagt: "Das Jubiläum rankt sich durch das ganze Jahr."

So wie das Thema Theaterpolitik und Theaterfinanzierung. Weil Orchester so kopfstark sind, verbrauchen sie einen großen Anteil der Theaterförder-Euros, von denen die Landesregierung pro Jahr 35,8 Millionen für alle Bühnen in MV ausgibt. Kein Spar- oder Reformkonzept für die Theater- und Orchesterlandschaft kommt deshalb ohne Zusammenlegungen und Kürzungen bei den Klangkörpern aus. Was beim Durchrechnen des Staatstheatermodells herauskommen werde, sei noch unklar, sagte Schwerins Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke): "Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht. Aber mit einer Perspektive für das Mecklenburgische Staatstheater muss eine Perspektive für die Kapelle verbunden sein."

Siegfried Matthus warnte mehrfach vor kurzsichtigem Spardenken. Theater und Orchester seien ein einzigartiges Kulturgut, um das die Welt Deutschland beneide - noch. "Schon jetzt haben 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen keinen Musikunterricht mehr." Musik, das seien für sie Pop und Rock, die internationale Wurzeln hätten. Diejenigen, die Orchester abschaffen wollten, gehörten wahrscheinlich zu jenen 80 Prozent, bemerkte Matthus. Deutsches Kulturgut sei aber ein Stück Identifikation für die deutschen Menschen. Matthus: "Wir dürfen nicht zulassen, dass Deutschland ein musikalisches Entwicklungsland wird. Diese Gefahr besteht."

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