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Roman „Notre Dame“ : Eine komische Revolution

vom
Aus der Onlineredaktion

Ulrich Schachts Roman „Notre Dame“ verbindet Zeitgeschichte und Einzelschicksal

Wie Zeitgeschichte hier aufs engste verwoben ist mit einem Einzelschicksal – allein das macht dieses Buch zu einem gewichtigen. Ulrich Schacht erzählt uns, wie der politische Umbruch von 1989/90 eine Liebe zwischen einem etablierten, verheirateten Mann im Westen Deutschlands und einer jungen Frau im Osten möglich macht. Wie diese Leidenschaft seine Ehe und Familie zerstört, er am Ende aber auch die Geliebte verliert. Nicht nur das Land verändert sich, auch sein Leben. Risse allenthalben.

Torben Berg, 40 Jahre alt, Journalist in Hamburg, stammt aus der DDR. Biografische Brüche hat er bereits hinter sich. Mit den politischen Verhältnissen wollte er sich nicht arrangieren. Als Student der evangelischen Theologie aus politischen Gründen verhaftet, hat er einige Jahre im Gefängnis gesessen, entlassen wurde er in den Westen. Parallelen mit der Biografie des Autors sind unübersehbar. Entscheidend indes ist, wie dieses Material Literatur wird. Das gelingt über weite Strecken.

Ganz anders als seine Kollegen, die stets im Westen lebten, wirkt Torben Berg – eben wegen seiner Erfahrung – wie elektrisiert von den „Wende“-Ereignissen. Seine Reportagereisen über die porös werdende innerdeutsche Grenze geraten für ihn zum Triumphzug. Die einst allmächtigen Peiniger sind zu erbärmlichen Gestalten geschrumpft. Das hat so gar nichts Heroisches. Er erlebt das klägliche Zerbröseln eines Machtapparates als „Endspiel“: „Eine komische Revolution.“

Der Autor zeichnet Torben als philosophischen Kopf, als Romantiker, der für Brahms schwärmt, eine Vorliebe für asiatische Kultur hegt und Gedichte schreibt, bei allem Feinsinn aber eine grenzenlos selbstbewusste, kraftvoll-entschlossene Figur ist.

Umso deutlicher wird das, weil Rike, diese 15 Jahre jüngere, kunstsinnige Kindfrau, in die er sich Anfang Dezember 1989 in Leipzig verliebt, als das ganze Gegenteil erscheint. Zwar gibt sie sich fröhlich und schalkhaft. Doch im Grunde ist sie ein zerbrechliches, fortwährend an sich zweifelndes Wesen.

Während wir von Torben alles erfahren, bleibt bei ihr vieles nur angedeutet: ein früherer Selbstmordversuch etwa, ein „furchtbares Geheimnis“. Und ihre Unfähigkeit, Liebesglück ganz zuzulassen. Sie spürt einen „überdimensionalen, allumfassenden Zerstörungstrieb“, der das Schöne abtöten muss. Zu spät begreift Torben das Verhängnis: „Seitdem wusste er, dass ihre Seele eine Verletzung erlitten hatte, die zu heilen wohl auch ihm nicht vergönnt sein würde.“

Doch das Mädchen macht ihn süchtig. Die Liebe wächst zur rauschhaften Naturgewalt. Was immerhin die Intensität seiner Wahrnehmung steigert. Als Dichter erfährt er einen ungeheuren Inspirationsschub. Beeindruckender Höhepunkt ist der mittlere Teil des Romans, das Tagebuch einer Reise zur den Färöer-Inseln im eisigen Norden, das zu einem langen Liebesbrief wird. Der Liebende nimmt die Schönheit der rauen Natur mit überwachen Augen wahr.

Zum Ungewöhnlichen dieses Buches zählt auch seine religiöse Dimension. Als Christ empfindet Torben nicht nur schlechtes Gewissen gegenüber seiner Frau. Schuldig macht er sich auch des Verrats im Angesicht einer göttlichen Instanz. In einer katholischen Messe in Paris sucht er nach dem Beistand einer höheren Wahrheit. Das ist hier nichts Nebensächliches. Der Titel „Notre Dame“ zeigt es. Der so starke Torben erkennt: „Es bedurfte dieses Trostes, dieser Vergebung immer.“

Dennoch bleibt man als Leser auf skeptischer Distanz, weil er sich als sehr zwiespältig entpuppt. Rike erkennt auch den „Spießer“ in ihm. Seine Eitelkeit offenbart sich, dazu ein tiefsitzender Narzissmus.

Als größte Schwäche dieses Romans erweist sich sein Hang zum ausufernden Erzählen, was einen bisweilen ermüdet. So gibt es ein für die Handlung ganz und gar überflüssiges Abendessen mit einem berühmten Leipziger „Kapellmeister“, für den Kurt Masur Pate gestanden haben dürfte. Zwei Kenner asiatischer Kultur parlieren. Rike hat da als Begleiterin keine Stimme. Sie wird einfach weggeblendet.

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